Das Gruselige an dieser Verfilmung ist die Umsetzung!
Kenneth Branaghs Agatha Christie-Verfilmungen begeistern seit 2017 viele Zuschauer. Die alten Krimi-Romane wurden ins neue Jahrtausend gebracht für ein jüngeres Publikum. Allerdings konnte mich bisher nur „Mord im Orient Express“ unterhalten, während „Tod auf dem Nil“ von 2022 mich eher gelangweilt hat. Und dieser Trend setzt sich nun leider fort mit „A Haunting in Venice“ von 2023… Branagh wollte den Roman „Hallowe´en Party“ mit modernem Horror ins Kino bringen, verliert sich dabei aber in einfallslosen Klischees und einer insgesamt nüchternen Verfilmung des Stoffes.
1974: Hercule Poirot hat sich in Venedig niedergelassen, um dort sein Leben in Ruhe genießen zu können. Doch natürlich findet das Verbrechen auch dort den Meisterdetektiv. Dieses Mal ist es während einer unheimlichen Séance, in der Kontakt mit einem toten Mädchen aufgenommen werden soll…
Für die Oktober- und Halloween-Zeit der perfekte Film, sollte man meinen. Auch ich war sehr gespannt auf den Grusel-Krimi und hatte große Lust auf anständigen Horror mit Atmosphäre. Aber die habe ich nicht bekommen… Der Film will gruselig und unheimlich sein, will den Zuschauer immer wieder aufs Glatteis führen und mit erstaunlichen Twists begeistern. Doch das alles funktioniert einfach nicht. Ein Hauptproblem sind für mich (wie auch bei den anderen Agatha Christie-Filmen von Branagh) die Nebenfiguren: Diese sind allesamt langweilig! Wieder werden die Schicksale der Charaktere mit aufgeblähten Expositions-Dialogen erklärt und das nervt. Wir hören viel über einzelne Figuren, aber sehen nur selten, wer diese wirklich sind. Infolgedessen bleiben die meisten Figuren blass und uninteressant. Mir war das Schicksal aller Leute in dem Gruselhaus herzlichst egal. Vor allem den kleinen Jungen konnte ich nicht ausstehen, was nicht nur an dem schwachen Drehbuch liegt…
Dann versagt der Film auch im Gruselbereich und gerade hier hatte ich mir deutlich mehr erhofft. Billige Schreckmomente paaren sich mit Over the Top-Momenten, die eher unfreiwillig komisch sind. Hinzu kommt, dass der Kriminalfall dieses Mal auch sehr unbefriedigend war, zumindest für mich. Wo am Anfang noch interessante Themen wie „die Rache der Kinder“ eingeführt werden, kommen am Ende nur sehr vorhersehbare Auflösungen, die man in dem Stil schon besser gesehen hat. Aber wie gesagt: Wenn die Figuren langweilig sind, dann ist oftmals auch die Story langweilig, sei sie noch so „spektakulär“.
Schauspielerisch ist der Film höchstens in Ordnung. Keiner kann hier eine beachtliche Leistung zeigen. Kenneth Branagh selbst ist als Poirot charmant, aber fährt halt immer die gleiche Schiene. Michelle Yeoh hat ein paar gute Momente, aber das war´s auch irgendwie…
Was mich ebenfalls stört, ist die Präsentation! Der Schnitt war schon bei „Tod auf dem Nil“ nicht sonderlich gut und auch hier ist das Editing sehr wild. Vielen Szenen konnte ich visuell kaum folgen, weil immer wieder kuriose Schnitte die Spannung getrübt haben. Optisch ist das Ganze auch nicht sonderlich spannend anzusehen, gerade die Schwarz-Weiß-Flashbacks fand ich sehr einfallslos. Und zu guter Letzt kann ich auch über den Score nicht viel Positives verlieren. Hildur Guðnadóttir komponierte eine zurückhaltende, aber auch unauffällige Musik, die mich (wie schon bei „Joker“) völlig kalt zurückgelassen hat.
Fazit: „A Haunting in Venice“ ist eine große Enttäuschung geworden. Ja, während des Schauens macht es zumindest Spaß mit zuraten, wer denn der Mörder gewesen sein könnte und die Auseinandersetzung mit Wissenschaft und Übersinnlichem gefällt mir zuweilen auch. Aber Branaghs Film fehlt es einfach an Mut, an Frische, an guten Dialogen und spannenden Figuren. Wer sich zur düsteren Halloween-Zeit gruseln will, sollte sich lieber woanders umsehen...