Vom Berlinale-Gewinn in den Cannes-Wettbewerb
Von Susanne GietlDie spanische Goldener-Bär-Gewinnerin Carla Simón hat in bisherigen drei Spielfilmen jeweils eigene Erfahrungen aus Kindheit und Jugend verfilmt: Schon in ihrem Erstling „Fridas Sommer“ bezog sich die Regisseurin auf den frühen Tod ihrer Eltern, die beide an AIDS starben, was sie selbst aber erst erfuhr, als sie zwölf Jahre alt war. Nach ihrem Berlinale-Gewinner „Alcarràs – Die letzte Ernte“ über eine Kindheit und Jugend auf dem Bauernhof kehrt sie im ebenfalls stark autobiografisch gefärbten „Romería“ thematisch wieder zurück zu ihren Eltern.
Auf einer poetischen Traumebene nähert sich Carla Simón ihrer Vergangenheit und kreiert eine flirrende Erinnerung an zwei Menschen, die das Schicksal vieler erlitten haben. Der Cannes-Wettbewerbsbeitrag „Romería“ klagt dabei nicht an, sondern schafft bildliche Parallelen zwischen zwei Generationen, die sich nur viel zu kurz tatsächlich begegnet sind – getragen von der Sehnsucht nach Salz, Algen und Meer.
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Marina (Llúcia Garcia) möchte studieren, aber für die Beantragung staatlicher Hilfen benötigt sie ein Vaterschaftszertifikat. Die 18-jährige Katalonierin ist allerdings bei der Familie ihrer Mutter aufgewachsen. Nun macht sie sich auf die Reise nach Vigo an der spanischen Atlantikküste zur Familie ihres Vaters, um das notwendige Dokument zu bekommen. Durch die neue Familie lernt sie eine neue Wahrheit über ihre Eltern kennen, begegnet zugleich aber auch immer neuen Lügen. Ihr stetiger Begleiter ist das Tagebuch ihrer Mutter sowie ihre Handkamera. Was Marina auf der Suche nach den Spuren ihrer Eltern in fünf Tagen erlebt, hält sie in einem eigenen, in Form von Fragen formulierten Tagebuch fest.
Marina besucht einen fremden Ort, den sie zwar mit ihrer Handkamera wie eine Touristin filmt, denn sie zugleich aber auch als Enkeltochter, Nichte und Cousine erlebt. Sie schweigt und beobachtet viel. Durch Simóns unaufgeregten Stil wirken die Bilder fast schon dokumentarisch. Vor allem durch die Datierungen des Tagebuchs versteht man die verschiedenen Zeitebenen, denn nach und nach wird auch die Geschichte der Eltern in Rückblenden erzählt. Die einfache Struktur verleiht „Romería“ eine meditative Melancholie. Wer sich darauf die einlässt, wird mit einer poetischen Erinnerungsreise belohnt.
Ganz nebenbei untersucht Simón die Frage, wie man sich wohl jemanden vorstellen könnte, den man noch nie gesehen hat: Marina und ihre Mutter werden von derselben Schauspielerin verkörpert, ebenso übernimmt ein Schauspieler die Rolle von Marinas Cousin und Marinas Vater (Mitch Martín). In den Rückblicken geht es nicht um eine reale Abbildung der 80er Jahre, sondern der Film bleibt auch hier konsequent bei Marina und ihren Vorstellungen – und da sie ihre Eltern nicht gekannt hat, stellt sie sich eben sich selbst und ihren Cousin in den Rollen vor.
Besonders schön sind die Szenen, in denen Marina und ihre Eltern zeitversetzt ähnliches erleben. Die Kamera von Hélène Louvart springt mit Marina ins Meer, in das wenig später auch ihre Mutter und ihr Vater eintauchen. Das junge Paar beschreibt seinen Drogenrausch mit nackten Menschen auf den Straßen und violetten Delphinen, dann ändert das klare Meer seinen Charakter – und die Eltern kämpfen sich im wilden Wasser noch einmal an die Oberfläche (während wir schon wissen, dass ihnen das bald nicht mehr gelingen wird).
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In „Romería“ geht Carla Simón stark autobiografisch vor. Aus einem realen Briefwechsel ihrer Mutter mit Freunden und Familie schrieb sie das halb-fiktive Tagebuch von Marinas Mutter. Dabei zeichnet Simón das Bild einer Generation, die nach der Franco-Diktatur neue Freiheiten gesucht und sie am Meer und (während der aufkommenden AIDS-Pandemie) in Heroin gefunden hat. „Jeder starb hinter verschlossenen Türen“, bemerkt Marinas Onkel und erklärt damit, warum Marina auch zehn Jahre später nicht die Wahrheit über ihre Eltern gesagt wird. Um das AIDS-Massensterben in Spanien darzustellen, greift die Regisseurin auf einen geisterhaften Tanz zurück. Bei einem Fest bewegen sich die Menschen zu dem spanischen 80er-Jahre-Hit „Bailaré sobre tu tumba“ („Ich werde auf deinem Grab tanzen“) der galicischen Punkrock-Band Siniestro Total.
Einige der Tanzenden sind wie erstarrt, ein Leintuch bedeckt sie. Nach und nach fallen immer mehr Menschen um, werden immer mehr mit weißen Tüchern bedeckt. Am Ende sind sie alle erstarrt. Ein starkes Bild! Dass die Band tatsächlich aus Vigo stammt, wo Simóns Mutter herkommt, ist ebenso kein Zufall, wie der Bezug auf die Santa-Compaña-Legende: Es sind Geister, die umherziehen, weil sie nicht sterben können – und man muss achtgeben, dass sie einen nicht mitnehmen. Die Geister sind wie Erinnerungen, die wieder zurückkommen, wenn man sie nicht aufarbeitet. Carla Simón hat einen versöhnlichen Weg gefunden, damit umzugehen.
Fazit: Eine meditativ-poetische Erfahrung über Erinnerung und das Gedenken derer, die nicht mehr sind.
Wir haben „Romería“ beim Filmfest Hamburg 2025 gesehen.