Eine Liebeserklärung an das Kino
Von Gaby SikorskiIn der internationalen Filmszene gilt Nanni Moretti als Phänomen: Er ist ein „total filmmaker“, also einer, der alles kann und alles macht. Bei ihm fügen sich Filmemachen, Politik und Privatleben zu einem Mosaik, das über die Jahrzehnte immer wieder durch neue Steinchen ergänzt wird. Seit 1976 schreibt und inszeniert er Filme, in denen er oft auch selbst die Hauptrolle übernimmt. Er wurde bekannt mit unkonventionellen, autobiografischen Zeitgeistkomödien wie „Liebes Tagebuch“ (1993) oder „Der Italiener“ (2006), in dem er seinen Kampf gegen den Medientycoon und Politiker Silvio Berlusconi thematisiert. Seit vielen Jahren produziert Nanni Moretti seine Filme selbst, er hat Filmfestivals kuratiert und betreibt in Rom ein eigenes Arthouse-Kino. Mit „Das Beste liegt noch vor uns“ wurde Nanni Moretti zum neunten (!) Mal in den Wettbewerb von Cannes eingeladen, wo er bereits 2001 für den herzzerreißenden „Das Zimmer meines Sohnes“ mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.
Auch „Das Beste liegt noch vor uns“ ist wieder eine Komödie mit ihm selbst in der Hauptrolle, und wieder einmal geht’s um das, womit er sich am besten auskennt: um ihn selbst, um Film, Politik und Humor. Nanni Moretti spielt den Filmregisseur Giovanni, der gemeinsam mit einem französischen Produzenten einen großen Film plant, und zwar über die Ablösung der italienischen kommunistischen Partei von der Sowjetunion nach dem Volksaufstand in Ungarn im Jahr 1956. Im Mittelpunkt stehen die Mitglieder eines Ortsverbands des damaligen Partito Comunista Italiano, die den ungarischen Zirkus Budavari nach Rom eingeladen haben – eine willkommene Abwechslung für das Arbeiterviertel Quarticciolo im römischen Osten, wo die stramm moskautreue kommunistische Partei die Mehrheit hält.
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„In Italien gab es Kommunisten?“, fragt einer bei der Regiebesprechung. Doch Giovanni kann darüber nicht so richtig lachen, tatsächlich kann er sich kaum auf die Arbeit am Film konzentrieren, denn er muss sich zugleich mit einem Haufen anderer Probleme herumärgern: Die Beziehung zu seiner Frau Paola (Margherita Buy) kriselt heftig – sie arbeitet als Produzentin von schrägen Action-Krimis und ist erfolgreicher als er. Giovannis Tochter hat sich außerdem in einen Mann verliebt, der älter ist als ihr Vater, und will ihn sogar heiraten. Seine Hauptdarstellerin wähnt sich unterdessen in einem Liebesfilm statt in einem Politdrama – und dann wird auch noch Giovannis Produzent verhaftet, während sich ein geplanter Netflix-Deal als zerplatzende Seifenblase erweist. Aber irgendwie geht es dann doch voran mit den Dreharbeiten.
Ein Film im Film – das sogenannte „reflexive Kino“ – ist prinzipiell ein Wagnis. Die Schwierigkeit liegt in der möglichen Tendenz zur Selbstbespiegelung, im selbstreferenziellen Umgang mit Anspielungen, Filmzitaten und ironischen Bezügen, die sich in der Regel vor allem einem cineastisch gebildeten Publikum erschließen. „Die amerikanische Nacht“ von François Truffaut ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein Film im Film perfekt funktionieren kann. Die vielen kleinen Geschichten über einzelne Mitglieder des Filmteams und die zahllosen Details über das Filmemachen selbst kulminieren bei Truffaut letztlich in einer einzigen großen Liebeserklärung an das Kino, untermalt von Georges Delerues stimmungsvollem Soundtrack.
Nanni Moretti, dessen Vorname übrigens die Koseform von Giovanni ist, hat mit „Das Beste liegt noch vor uns“ wohl eher keinen unsterblichen Klassiker geschaffen. Aber dafür immerhin eine liebenswerte, unterhaltsame Komödie über einen alternden Künstler, der mit sich selbst nicht im Reinen ist und deshalb mit der ganzen Welt im Clinch liegt. Der Anfang ist überraschend spielerisch, aber das passt gut zu einem Film, der auch ein Melodram hätte werden können: Giovanni, der Regisseur, Nanni Morettis Alter Ego, ist aufgrund der Ereignisse kurz davor, endgültig in die Depression abzudriften. Das versucht er mit Antidepressiva und Schlafmitteln zu verhindern. Er präsentiert sich als miesepetriger Oldschool-Filmemacher, dem schon lange keiner mehr den Rebellen abnimmt, der er einmal war. Zugleich kräht kein Hahn mehr danach, was früher war. Aus den alten, besseren Zeiten ist vor allem seine chronische Besserwisserei übriggeblieben … und die Erinnerung an eine Zeit, in der Filme noch zum Träumen einluden.
Nanni Moretti spielt den Giovanni als oberlehrerhaften Sprücheklopfer – ein alternder Mann, der sich in Tiraden über den beklagenswerten Zustand der Welt und des Kinos ergeht. Das ist durchaus selbstironisch, und vermutlich liegt es an Nanni Morettis bestens eingesetzten, durchaus begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten, dass er so glaubwürdig wirkt: Der Mann spielt sich vor allem selbst, und das kann er einfach gut. Manchmal geht es auch mit ihm durch, so wenn Giovanni seine Frau am Dreh eines ihrer Hardboiled-Neo-Noir-Filme besucht und ihr mit seinen endlosen Predigten über die wahre Filmkunst mal eben einen kompletten Drehtag ruiniert. Wie ein Pfarrer, der Gott und den Heiligen Geist anruft, wendet er sich an Renzo Piano und Martin Scorsese. Er präsentiert, sozusagen aus dem Hut, eine Mathematikerin und einen Kunstexperten, die seine gutgemeinten Thesen unterstützen sollen.
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Aber das Einzige, was passiert, ist: Er macht sich lächerlich. Die ganze Chose – eigentlich ja eine absolute Nebenhandlung – wird ein bisschen zu larmoyant, aber für die Fans des wahren, guten und schönen Arthouse-Kinos ist die Szene ein wahres Fest. Das gilt umso mehr für die Episode, in der sich Giovanni zwecks Kooperation mit Netflix-Vertreter*innen trifft. Hier darf dann so richtig abgelacht werden, da stimmen Tempo und Timing perfekt, wenn die beiden elastischen, flotten Netflixer beinahe mechanisch immer aufs Neue wiederholen, dass Netflix in 190 Ländern präsent ist. In 190 Ländern! Außerdem würde Giovannis Film der WTF-Moment fehlen – der „what the fuck“-Moment … kurz: Es wird nix aus dem Netflix-Deal, und Giovanni versinkt noch weiter im Sumpf der Depressionen.
Kein Wunder, dass seine Frau ihn verlassen will. Margherita Buy spielt sie mit der Attitüde einer leicht entnervten Mutter, der das Gequengel ihres Kindes mächtig auf die Nerven geht. Doch Giovanni rappelt sich auf, und gerade noch rechtzeitig sorgt er für die entscheidende Wendung – in seinem Film wird die italienische kommunistische Partei gerettet, und im wahren Leben versöhnt sich Giovanni mit der Welt.
Fazit: So wie Giovanni noch einmal die Kurve kriegt, so schafft das auch Nanni Moretti mit seinem Film, der immer leichter und witziger wird. Ein paar Gesangs- und Tanzeinlagen sind ebenfalls dabei und wirken beinahe so kathartisch wie ein Regenguss nach einem langen, viel zu heißen Sommertag in Rom.