The Negotiator
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
The Negotiator

Ein Spionage-Thriller der guten alten Schule

Von Christoph Petersen

The Negotiator“ ist nicht etwa ein Remake des gleichnamigen Geiselverhandlungs-Thrillers mit Kevin Spacey und Samuel L. Jackson (der hierzulande „Verhandlungssache“ heißt). Stattdessen bezieht sich der englische Originaltitel „Relay“ auf einen gesetzlich vorgeschriebenen Service der US-Telefongesellschaften, der selbst den meisten US-Amerikaner*innen wenig bis gar nicht bekannt sein dürfte: Menschen mit Hör- oder Sprachbehinderungen können diesen nutzen, um dennoch telefonieren zu können. Sie müssen ihre Antworten dann lediglich eintippen, woraufhin sie ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin der Telefongesellschaft dem Gegenüber am anderen Ende der Leitung laut vorliest. Auch Ash (Riz Ahmed) nutzt regelmäßig den Relay-Service …

… allerdings nicht wegen etwaiger Behinderungen, sondern weil dieser ihm absolute Anonymität garantiert: Zum einen muss er seine Stimme nicht benutzen, zum anderen lassen sich die Telefonate zwar bis zum Relay-Anbieter, aber nicht bis zum ursprünglichen Anrufenden zurückverfolgen – quasi eine Art analoger VPN. Regisseur David Mackenzie („Hell Or High Water“) und Drehbuchautor Justin Piasecki („Last Meals“) servieren etliche präzise Details, wie es auch heute noch möglich ist, trotz digitaler Totalüberwachung anonym zu agieren – man denke an eine realistischere Version von „Der Staatsfeind Nr. 1“. Leider geben sie ihren angenehm bodenständigen und gerade deshalb so spannenden Ansatz auf der Zielgeraden doch noch auf.

Ash (Riz Ahmed) denkt an jedes Detail und geht absolute keine Risiken ein – zumindest bis er ein persönliches Interesse an seiner neuen Klientin entwickelt. LEONINE
Ash (Riz Ahmed) denkt an jedes Detail und geht absolute keine Risiken ein – zumindest bis er ein persönliches Interesse an seiner neuen Klientin entwickelt.

Edward Snowden, Chelsea Manning, Frances Haugen – wir alle kennen die Namen dieser Whistleblower*innen, die geheime Machenschaften der NSA, des US-Militärs oder des Meta-Konzerns ans Tageslicht gebracht haben. Aber was passiert eigentlich, wenn potenzielle Whistleblower*innen nach dem Entwenden der Daten kalte Füße bekommen und alles einfach zurückgeben wollen? Das ist gar nicht so leicht – denn für den Konzern bleiben sie trotz des Umdenkens eine Gefahr, da man sich nie sicher sein kann, ob wirklich keine Kopie mehr existiert bzw. der (Ex-)Mitarbeiter oder die (Ex-)Mitarbeiterin nicht doch noch auspackt. Von einer Klagewelle bis hin zum fingierten Selbstmord scheint da alles denkbar – und genau da kommt Ash ins Spiel.

Sein Job ist es, Whistleblower*innen einen möglichst sicheren Ausweg aus dem Schlamassel zu ermöglichen – für ein Honorar, das zum großen Teil von den entsprechenden Konzernen, die ihre belastenden Daten weiterhin unter Verschluss halten wollen, bezahlt werden muss. Seine neueste Kundin: die Wissenschaftlerin Sarah (Lily James), die für ein Agrarunternehmen gearbeitet hat, dessen genmanipuliertes Saatgut potenziell tödliche Nebenwirkungen haben könnte. Allerdings ist es für Ash alles andere als leicht, mit seiner Klientin überhaupt zu kommunizieren – sie steht schließlich unter der ständigen Überwachung einer Truppe von Industrie-Spion*innen (u.a. Sam Worthington, Willa Fitzgerald), die alles zu tun bereit sind, um die Forschungsunterlagen zurückzubekommen und Sarah unschädlich zu machen…

Wenig Worte, viel Spannung

Es dauert mehr als 30 Minuten, bis Riz Ahmed („Nightcrawler“) zum ersten Mal spricht – und selbst im gesamten Film bringt er es auf kaum mehr als ein paar Dutzend Sätze. Die Idee mit dem Relay-Service ist dabei nicht nur aus spionagetaktischen Gründen spannend, sondern macht auch die Beziehung von Ash und Sarah noch einmal besonders interessant: Die beiden tauschen bei den Telefonaten zwar hochsensible und teils auch sehr intime Informationen aus, aber zwischen ihnen steht stets eine (jedes Mal andere) Person, die die Worte laut ausspricht – und zwar selbst dann noch mit einer absolut professionellen Sachlichkeit, wenn etwa gerade die speziellen Abläufe einer Geldübergabe zur Sprache kommen. Ein faszinierendes Nebeneinander von Distanz und Nähe.

Aber es müssen nicht nur Informationen, sondern auch Dokumente ausgetauscht werden – und auch hier zählt jedes Detail: Ash schickt Sarah auf eine spontane Reise durch die halben USA und nutzt hier zur Abwechslung mal nicht die Telefongesellschaften, sondern die Besonderheiten des US-Postservices bis in die kleinsten Verästelungen aus. Das erinnert bisweilen an die Flughafen-Sequenz aus „Mission: Impossible 7 - Dead Reckoning“ – nur dass das Abschütteln der Beschatter*innen in „The Negotiator“ sogar noch nervenaufreibender gerät, einfach weil es so angenehm bodenständig und ohne spektakuläre Science-Fiction-Gadgets präsentiert wird.

Sarah (Lily James) wird nicht nur rund um die Uhr überwacht, auch sonst setzt ihr Ex-Konzern auf die übelsten Bully-Taktiken, um sie mürbe zu machen. LEONINE
Sarah (Lily James) wird nicht nur rund um die Uhr überwacht, auch sonst setzt ihr Ex-Konzern auf die übelsten Bully-Taktiken, um sie mürbe zu machen.

„The Negotiator“ ist immer dann am besten, wenn er sich ganz auf die prozeduralen Abläufe konzentriert – also einfach so genau wie möglich nachzeichnet, wie die Dinge technisch ablaufen. Ash ist schließlich ein Profi, der jede Eventualität in seine Pläne mit einzieht – zumindest bis irgendwann sein Beschützerinstinkt für Sarah die Oberhand gewinnt: Das führt in der finalen halben Stunde nämlich nicht nur zu zunehmenden Unachtsamkeiten bei Ash, sondern auch zu einem generischen Thriller mit gleichermaßen offensichtlichen wie wenig überzeugenden Wendungen. Hier hat Hollywoods Formelhaftigkeit kurz vor Schluss doch noch wieder zugeschlagen.

Fazit: Nach anderthalb hochspannenden Stunden, die neben der großartigen Präsenz von Oscarpreisträger Riz Ahmed vor allem mit ihrer präzisen Darstellung von Spionage-Details glänzen, verpatzt David Mackenzie mit einer so unnötigen wie unglaubwürdigen (und im selben Moment trotzdem vorhersehbaren) Wendung die Landung. Ein überdurchschnittlicher Thriller bleibt „The Negotiator“ aber dennoch allemal.

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