A Missing Part
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
A Missing Part

Die dunkle Seite des japanischen Sorgerechts

Von Thorsten Hanisch

Die Szene geht zwischendrin fast ein wenig unter: Als nach etwa dreiviertel der Laufzeit Vater Jay (Romain Duris) und Tochter Lily (Mei Cirne-Masuki) endlich zusammenfinden, wird in einem kurzen Moment darauf hingewiesen, dass es eigentlich die Kinder sind, die am meisten unter Erwachsenen leiden, die meinen zu wissen, was das Beste für sie ist. Seien das jetzt Eltern oder Beamte, die Regeln wie das Sorgerechtsgesetz erlassen, wegen dessen Jay als Taxifahrer nachts durch die Mega-Metropole Tokio fährt. Er hofft, seine Tochter zu finden, zu der er seit der Scheidung von seiner japanischen Frau vor neun Jahren jeglichen Kontakt verloren hat.

Romain Duris („Die drei Musketiere: D'Artagnan“), der in fast jeder Szene zu sehen ist, macht den Schmerz, aber auch die Verlorenheit des Franzosen, der trotz aller Bemühungen nie wirklich zu diesem Land gehören wird, mit nuanciertem Spiel spürbar. „A Missing Part“ umschifft dabei sorgsam jegliche Kitsch-Klippen. Es gibt auch keine forcierten dramatischen Wendungen, Emotionsausbrüche sind selten, Tränen fließen verhalten, selbst die stimmungsvolle Bebilderung lässt die typischsten Tokyo-Motive aus. Es ist gerade diese Zurückhaltung, die nur von einem gelegentlichen, sanften Humor aufgebrochen wird, die „A Missing Part“ so unglaublich eindringlich macht.

Seit neun Jahren ist Jay (Romain Duris) auf der Suche nach seiner Tochter Lily (Mei Cirne-Masuki). Film Kino Text
Seit neun Jahren ist Jay (Romain Duris) auf der Suche nach seiner Tochter Lily (Mei Cirne-Masuki).

Jay darf seine Tochter nicht mehr sehen. Dass es sie noch gibt, weiß er nur, weil von seinem Konto monatlich Alimente abgezogen werden. Seine Ex-Frau nahm die damals Dreijährige mit aus Paris nach Tokyo – und in Japan hat das Sorgerecht eine besondere Regelung: Kinder dürfen nur einen Erziehungsberechtigten haben – und Gaijins (japanisch für Ausländer) haben da ganz besonders schlechte Karten. Jay darf seine Tochter legal erst an ihrem 18. Geburtstag treffen, aber der ist noch sechs Jahre hin. Und so durchstreift er in seinem Taxi fortwährend Tokio und hofft auf das eigentlich Unmögliche, das dann eines Tages doch Realität wird.

Eines Tages steigt Lily vor einer Schule ins Taxi. Er spürt sofort, dass seine Tochter auf der Rückbank sitzt, will sich aber vorerst nicht zu erkennen geben, da er Bedenken in Hinblick auf ihre Reaktion hat. Doch Jay ist nicht allein – der Film macht deutlich, dass das einseitige Sorgerecht ein Problem ist, das auch andere, nicht nur Ausländer, betrifft. Eine verzweifelte Bekannte, Jessica (Judith Chemla), macht gerade dasselbe durch: Ihr japanischer Mann hat sie verlassen und den Sohn mitgenommen, auch sie ist nun Teil einer Selbsthilfegruppe von ausgegrenzten Eltern …

Von der Schwierigkeit, in einem Land anzukommen

„A Missing Part“ erzählt nicht nur von einem Vater, der seine Tochter sucht, sondern ebenso von vergeblichen Integrationsbemühungen. Filme über Ausländer*innen, die sich in der japanischen Kultur verlieren, bilden spätestens seit Sofia Coppolas „Lost in Translation“ (2003) fast schon ein eigenes kleines Subgenre. Aber selten ist die Fremdheit als Motiv so konkret zum Tragen gekommen wie hier: Jay ist kein Fish out of water, Japan ist seine Heimat geworden. Er spricht beeindruckend gut Japanisch (Hut ab vor Duris!) und ist so ortskundig, dass selbst einheimische Fahrer sich von ihm Tipps abholen.

Er besitzt sogar eine Immobilie, bringt sich in die Gemeinschaft ein und war früher auch mit einer Japanerin verheiratet. Dennoch bekommt er immer wieder vermittelt, kein Teil der Gesellschaft zu sein – egal ob von Jessica oder seiner Schwiegermutter, die ihn anherrscht, er solle „wieder in sein Land zurückgehen“. Ihm wird immer wieder bewusst gemacht, dass er stets ein Gaijin bleiben wird, obwohl er es, wie es beim Streitgespräch mit der Schwiegermutter aus ihm herausbricht, auch als sein Land ansieht.

Eines Tages sitzt Lily plötzlich auf der Rückbank des Taxis. Film Kino Text
Eines Tages sitzt Lily plötzlich auf der Rückbank des Taxis.

Das verleiht der Figur eine zusätzliche Tragik und spiegelt hiesige Integrationsdebatten. Doch „A Missing Part“ flüchtet sich nicht in Bitterkeit, sondern blickt mit Optimismus auf seine Geschichte. Lily ist eine besonnene Zwölfjährige, die sich nicht beirren lässt und deren wachsende Sehnsucht nach dem Wiedersehen mit dem Vater von der grandiosen Jungdarstellerin Mei Cirne-Masuki mit kleinen Gesten wie einem flüchtigen Kuss auf die Wange spürbar gemacht wird. Es ist auch Lily, die schließlich einen Weg findet, die beiden titelgebenden „fehlenden Teile“ womöglich auf Dauer wieder zusammenzufügen.

Fazit: Gefühlvolles, aber nie kitschiges, gelegentlich sogar humoriges Scheidungsdrama, das nicht nur von den Auswirkungen rigoroser Sorgerechtsgesetze erzählt, sondern ebenso von der Schwierigkeit, in einem Land wirklich anzukommen. Ein großartiger Romain Duris, der praktisch den kompletten, schön bebilderten, Film schultert, aber auch die nicht minder überzeugende Jungdarstellerin Mei Cirne-Masuki machen „A Missing Part“ vollends zu einem der vielleicht schönsten europäischen Japan-Filme überhaupt.

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