So habt ihr "Die Schöne und das Biest" noch nie gesehen
Von Lutz GranertÜber 20 Mal wurde das aus dem 18. Jahrhundert stammende französische Volksmärchen „Die Schöne und das Tier“ inzwischen verfilmt, wobei eine Adaption alle anderen deutlich in den Schatten stellt. Nicht zuletzt die oscarprämierte Musik und die liebevollen Animationen rund um ein verwunschenes Schloss und belebtes Geschirr bescherten der romantisch-fantasievollen Disney-Liebesgeschichte „Die Schöne und das Biest“ (1991) den Status eines (modernen) Zeichentrick-Klassikers, der weltweit das Dreizehnfache seiner Produktionskosten von etwa 25 Millionen US-Dollar an den Kinokassen wieder einspielte.
In vollkommen anderen finanziellen Dimensionen bewegt sich nun das mit gerade einmal 300.000 US-Dollar äußerst schmal budgetierte und auf einem eigenen Kurzfilm basierende Regiedebüt von Caroline Lindy, das sich zwar einiger Elemente der altbekannten Geschichte bedient, diese aber erfrischend auf links dreht und regelrecht brachial in die Gegenwart holt. „Mein Monster – Ungeheuer verliebt“ sorgte in den USA auch wegen der Besetzung von Horror-Star Melissa Barrera („Scream 6“, „Abigail“) in der Hauptrolle für soviel Aufsehen und Kritikerlob, dass der Festival-Hit vom Branchenmagazin Hollywood Reporter gar in die Top Ten der besten Horrorfilme des Jahres 2024 gewählt wurde.
Vertical
Die junge Schauspielerin Laura Franco (Melissa Barrera) ist am Boden zerstört. Als sie für eine Krebsbehandlung ins Krankenhaus muss, wird sie von ihrem langjährigen Freund und Theatermacher Jacob Sullivan (Edmund Donovan) eiskalt verlassen, der ihr eigentlich die Hauptrolle seines neuen Stücks auf den Leib geschrieben hat.
Während sie zu Hause ihrem Liebeskummer erliegt, macht sie unverhofft Bekanntschaft mit einem garstigen Monster (Tommy Dewey), das sich als bislang verborgen lebender Untermieter ihre Wohnung unter den Nagel reißen will. Doch beide arrangieren sich in einer zunächst unfreiwilligen WG. Als Laura wieder genesen ist, spricht sie schweren Herzens für eine Rolle in Jacobs Stück vor, der die Hauptrolle bereits anders vergeben hat. Bald entdeckt sie, dass sie für ihren neuen und ungeahnt feingeistigen Mitbewohner mehr als nur Sympathie empfindet…
Regisseurin und Drehbuchautorin Caroline Lindy spielt in ihrem Debütwerk augenzwinkernd mit Monster-Klischees. Der brachiale Zeitgenosse, der schon einmal genüsslich den „knusprigen“ Hals einer Whiskeyflasche verspachtelt, hat sich hinterm Schrank eine eigene, mit Plüschtieren übersäte „Wohnwelt“ aufgebaut und schläft natürlich nicht im, sondern unterm Bett – da, wo Kinder Monster eben vermuten. Zugleich offenbart der selbstbewusste (und keineswegs mit seinem schaurigen Aussehen hadernde) Zottelbär seine sensible Seite, wenn er sich beim gemeinsamen WG-Filmabend mit dem rührenden Musical-Klassiker „Königliche Hochzeit“ (1951) neben der regelrecht schluchzenden Laura nur mühsam die Tränen verdrückt.
» "Mein Monster - Ungeheuer verliebt" bei Amazon*
Ungleich schärfer gerät der Humor aber bei der satirischen Abrechnung mit dem reichlich oberflächlichen und von Männern dominierten Theaterbetrieb. Da erhält Jackie (Meghann Fahy) wegen ihrer Prominenz auch ohne Vorsprechen die Hauptrolle in Jacobs sexistischem Stück „House Of Good Women“, das sich um die „Erziehung“ selbstbewusster oder „unbequemer“ Frauen dreht. Der promiskuitive Theatermacher selbst ist ein schleimiger Manipulator, der immer wieder seine Macht betont und skrupellos demonstriert – und genauso auch in der Chefetage von Hollywood-Studios oder Produktionsfirmen zu finden sein könnte. Dagegen ist sein Assistent, der willfährige Bühnenmanager Don (Ikechukwu Ufomadu), nur ein depperter Trottel, der bei der Ansage für eine Probenpause noch nicht einmal bis zehn zählen kann.
Vertical
Auch wenn fast alle Szenen in Innenräumen spielen: „Mein Monster – Ungeheuer verliebt“ setzt sein geringes Budget geschickt ein – und vor allem bei der aufwändigen Monster-Maske mit wilder (Kunst-)Mähne wurde nicht gespart. Make-Up-Artist David LeRoy Anderson beweist nach der Anthologie-Serie „American Horror Story“ erneut sein Händchen fürs schaurig-schöne Antlitz gruseliger Erscheinungen.
Melissa Barrera, die hier bei plötzlichen Auftritten ihres Mitbewohners ihre Qualitäten als Scream Queen unter Beweis stellen kann, trägt mit ihrer knuffigen Performance als verletzliche, später ihre regelrecht monströs-biestige Seite entdeckende Schauspielerin den überaus charmanten und humorvollen Film ebenfalls souverän. Nur das verstörend-blutige Finale, wo bei hektisch-wirren Montagen rund um die Uraufführung von Jacobs Stück bis zum abrupten Ende mehr Fragen aufkommen als beantwortet werden, ist etwas missglückt.
Fazit: Auch wenn „Mein Monster – Ungeheuer verliebt“ kleine Schwächen aufweist: Die erfrischend-freche romantische Horrorkomödie mit einer sympathisch aufspielenden Melissa Barrera („Scream 6“) ist eine kleine Independent-Perle, die mit einigen Breitseiten gegen Männer im Showgeschäft punktet.
*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.