Holy Meat
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Holy Meat

Passionsspiele mit Plastikpenis

Von Susanne Gietl

Alle zehn Jahre wird in Oberammergau die Leidensgeschichte Jesu Christi in mehrstündigen Passionsspielen dargestellt – Alison Kuhn braucht dafür nur ein paar Minuten. Die Regisseurin, auch bekannt für die Regie der achten Staffel der Jugendserie „Druck“, rückt in ihrem ersten Spielfilm die Umsetzung der Passion Christi mit prominentem deutsch-dänischem Ensemble (u.a. Jens Albinus, Lars Brygmann und Christopher Læssø) in den Vordergrund. Sie verknüpft nicht nur eigene Beobachtungen von der katholischen Kirche und dörflichem Leben miteinander, sondern nimmt auch den Theaterbetrieb humorvoll aufs Korn.

Die Wahlberlinerin beschreibt in ihrem fiktionalen Langfilmdebüt die avantgardistische Theaterszene so treffend, dass die Aktualität sie längst eingeholt hat. Mitte Mai 2025 ließen im Rahmen des Festakts „1250 Jahre Westfalen“ halbnackte Schauspieler gerupfte Hühnchen vorm Kirchenaltar des Paderborner Doms wie Puppen tanzen und sangen „Fleisch ist Fleisch“ (frei nach Opus‘ 80er-Jahre-One-Hit-Wonder „Life Is Life“) als Kommentar zu Massentierhaltung und Bauernprotesten. Die Tiefkühlhühnchen trugen Babywindeln, die Darsteller*innen weite Röcke und Sensen. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, Schirmherr und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sowie Erzbischof Udo Markus Bentz saßen in der ersten Reihe der skurrilen Kunstperformance „Westfalen Side Story“ der Gruppe bodytalk. Über 20.000 konservative Stimmen forderten nach dem „Skandal im Dom“ eine Neuweihe des entweihten Doms.

Die Passionsspiele im schwäbischen Winteringen sind vieles – aber ganz sicher nicht bibeltreu! Camino Filmverleih GmbH
Die Passionsspiele im schwäbischen Winteringen sind vieles – aber ganz sicher nicht bibeltreu!

Alison Kuhn eröffnet „Holy Meat“ ähnlich provokativ. Einem sakralen „Kyrie Eleison“ folgt ein Erlösungs-Rave in SM-Klamotten im Stroboskoplicht inklusive Blut, Prophetin mit Wurstkette (Amelie Gerdes) und einem grunzenden Schwein in einem fahrenden Ufo. Die Metzgerin trägt ein Fleischkostüm am DJ-Pult. Später fuchtelt ein alter Mann in Nikolausmitra (Bischofsmütze) mit einem an seinem Bischofsstab befestigten Plastikpenis auf der Bühne herum. Wer bereits nach der ersten, von Tanzstar Eric Gauthier choreografierten Szene flieht, verpasst das Beste – denn der Weg zu diesem Debakel macht unglaublich viel Spaß und es geht um viel mehr als eine Persiflage des Theaterbetriebs.

Mit Engelszungen überredet Pater Iverson (Jens Albinus) seinen Vorgesetzten, sich von Dänemark ins ländliche Winteringen versetzen zu lassen. Kaum im schwäbischen Dorf angekommen, erfährt er, dass die Pfarrei kurz vor der Eingemeindung mit dem benachbarten Sommeringen steht. Doch Iverson ist findig und erlügt sich die Verlängerung seines Aufenthaltes. Er verspricht ein riesiges Theaterspektakel mit einem international erfolgreichen Regisseur und trifft damit genau ins Schwarze, denn gerade der Erzbischof (Lars Brygmann) ist ein großer Theaterfan. Gefällt ihm das Stück, dann bekommt Winteringen genug Geld, damit Iverson bleiben kann.

Irgendwann menschelt es gewaltig

Fortan setzt Iverson alles daran, dass die Laien-Aufführung der „Passion Christi“ ein voller Erfolg wird. Er macht sogar Akquise am Sterbebett. Leider erweist sich das als keine gute Idee. Metzgerstochter Mia (Homa Faghiri) hat deswegen so eine Wut auf Iverson, dass sie sogar eine Sau ans Kreuz nagelt. Auch keine gute Idee: Mit Roberto (Pit Bukowski) holt sich Iverson einen Regisseur ins Dorf, der keinen Plan von Religion hat und mit Schimpf und Schande aus der Hauptstadt gejagt wurde. In Winteringen wagt er nun einen Neuanfang. Als sich Mia in Robertos Stück einmischt, entgleitet auch Iverson die Kontrolle – aber das wird er viel zu spät erfahren. Biblisch akkurat ist da nichts mehr.

In Form eines Triptychons (mit Prolog und Epilog) wirft Alison Kuhn einen Blick auf den Pfarrer, die Metzgerin und den Theaterregisseur. Zwar lassen sich erzählerische Wiederholungen nicht vermeiden, trotzdem sind die knapp zwei Stunden von „Holy Meat“ recht kurzweilig. Mit jeder Perspektive zeichnet Alison Kuhn, die auch das Drehbuch geschrieben hat, ein liebevolles Bild der Dorfgemeinschaft, in der es – nicht nur in der neu geschaffenen Erwachsenendisco – gewaltig menschelt. Matthias Reissers Kamera bleibt empathisch nah an den Figuren, dafür leistet sich Kuhn auch Überzeichnungen. Im kirchlichen Gemeinderaum hängt definitiv mehr als ein Kreuz, die Kirchengemeinde besteht im Film meist aus nicht mehr als fünf Personen mit verschiedenen Motiven – und ein Quotenchrist (Jeremias Meyer) ist auch dabei. Der war der Ausgangspunkt von Alison Kuhns Satire „Holy Meat“, die – wie man später erfährt - durchaus einen ernsten Hintergrund hat und damit für mutigen wie amüsanten Zündstoff sorgt.

Fazit: Alison Kuhns „Holy Meat“ ist eine freche, christlich angehauchte Provinzkomödie. Bibelfest muss hier niemand sein.

Wir haben „Holy Meat“ beim Filmfest München 2025 gesehen, wo der Film in der Reihe „Neues Deutsches Kino“ seine Weltpremiere feierte.

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