Der nächste Kino-Hit nach Colleen Hoover?
Von Michael Bendix„For you I'd bleed myself dry“, beschwört Chris Martin im Coldplay-Hit „Yellow“ eine Form von Liebe, deren Intensität allein die vollkommene Selbstaufgabe rechtfertigen würde. Der Song läuft gerade im Radio, als Kenna (Maika Monroe) und Scotty (Rudy Pankow) mit dem Auto von einem romantischen, aber auch nicht ganz nüchtern verbrachten Tag am See nach Hause fahren. Wenn die Szene als Rückblende gezeigt wird, wissen wir bereits, worauf sie hinausläuft: Kenna verliert die Kontrolle über das Steuer, das Fahrzeug überschlägt sich, Scotty stirbt. Durch die Erschütterungen des Aufpralls wird die Coldplay-Ballade für einen kurzen Moment bis zur Unkenntlichkeit fragmentiert, bevor Stille einsetzt. Die Liebe endet, bevor sich irgendjemand für den anderen aufopfern kann.
Kenna tut es trotzdem: Vor Gericht wird sie später darauf verzichten, sich über Gebühr zu verteidigen und so eine Chance auf ein milderes Urteil zu bekommen. Darin habe sie einfach keinen Sinn mehr sehen können, erklärt sie aus dem Off. Infolge des selbstverschuldeten Verlustes sei ihr Leben ohnehin vorbei gewesen, was machen da schon sieben Jahre Haft? Zu diesem Zeitpunkt hat Kenna allerdings noch keine Ahnung, dass sie ein Kind im Bauch trägt.
Universal Pictures
„Für immer ein Teil von dir – Reminders Of Him“, die dritte Verfilmung eines Romans von BookTok-Phänomen Colleen Hoover, setzt nach Kennas Entlassung aus dem Gefängnis ein – und entwirft eine klassische Homecoming-Situation, wie sie oft den Ausgangspunkt solcher Stoffe bildet. Die entwurzelte Protagonistin kehrt in ihre Kleinstadt zurück, um Kontakt zu ihrer Tochter aufzunehmen, die sie zu Beginn ihrer Haftstrafe zur Welt gebracht hat. Erschwert wird ihr dieses Vorhaben dadurch, dass Diem (Zoe Kosovic) bei Scottys Eltern Patrick (Bradley Whitford) und Grace (Lauren Graham) ein Zuhause gefunden hat – zu denen Kenna schon vor dem Tod ihrer großen Liebe ein eher kühles Verhältnis hatte und die in ihr nun kaum mehr sehen als die Mörderin ihres Sohnes. Leichter wird es nicht, als sich der charmante Barbesitzer Ledger (Tyriq Withers) als ehemaliger bester Freund von Scotty und enger Vertrauter seiner Familie herausstellt, der zudem ein enges Verhältnis zu Diem pflegt.
Nachdem „Nur noch ein einziges Mal“ im Jahr 2024 zum (von allerlei Kontroversen begleiteten) Kino-Hit wurde, scheinen Colleen-Hoover-Geschichten nun in einer ähnlichen Schlagzahl ihren Weg ins Kino zu finden wie einst die Bestseller ihres geistigen Vorläufers Nicholas Sparks („Wie ein einziger Tag“) – es ist kein halbes Jahr her, dass mit „All das Ungesagte zwischen uns – Regretting You“ ein weiteres Buch der Autorin verfilmt wurde. Grundsätzlich ist es erfreulich, dass auf diese Weise das Gefühlskino – oder zumindest eine bestimmte Spielart davon – im Hollywood der Gegenwart wieder einen Platz hat. „Für immer ein Teil von dir – Reminders Of Him“ ist trotzdem eine Enttäuschung.
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Die eher schlichte, gleichwohl direkte und emotionsgetriebene Sprache von Hoover überträgt sich hier weniger überzeugend in ein filmisches Format als im glamouröseren „Nur noch ein einziges Mal“ oder dem zwar nicht gerade elegant konstruierten, seinen Konfliktüberschuss aber kurzweilig verdichtenden Beziehungsgeflecht „All das Ungesagte zwischen uns – Regretting You“. Wenn Kenna anfangs in einem sichtlich abgewirtschafteten Apartmentkomplex strandet, das auf den Namen „Paradise“ hört, benennt sie kurz darauf via Voice-over das Offensichtliche: Ihr neues Zuhause heiße zwar Paradise, um ein Paradies handele es sich dabei aber nicht. Kennas innere Monologe – Briefen entnommen, die sie an ihren verstorbenen Partner richtet – haben den Bildern nur selten etwas hinzuzufügen.
Das Kernproblem des zweiten Spielfilms von Vanessa Caswill, die vorher in erster Linie im Fernsehserien-Bereich tätig war, besteht darin, dass er nicht weiß, was er mit seinem Dilemma anfangen soll. Während schnell klar ist, auf welche Konfrontation (und welche Lösung) der Film unweigerlich zusteuert, muss „Für immer ein Teil von dir – Reminders Of Him“ auf augenfällige Hinauszögerungstaktiken zurückgreifen, um seine zwei Stunden zu füllen – der Buchvorlage standen dafür wechselnde Ich-Perspektiven zur Verfügung. Im Ergebnis tritt das dramatische Arrangement häufig auf der Stelle, bis eine Art Deus-Ex-Machina-Wendung das moralische Koordinatensystem noch einmal neu justiert und so zusätzlich erzählerisches Reibungspotenzial verspielt.
Nun befinden wir uns in der Welt eines Melodram-Bestsellers, in dem das Personal auf Namen wie Kenna Rowan, Ledger Ward oder Scotty Landry hört und die Hauptfigur von ihrer neuen Vermieterin zum Einzug erst einmal ein Kätzchen in den Arm gedrückt bekommt. In dem namenlosen, von Bergen und Wäldern umgebenen Örtchen geht man noch persönlich von Tür zu Tür, wenn man einen Job sucht, und so kann Kenna selbst einer ihr den Neuanfang erheblich erschwerenden Umgebung noch so etwas wie provinziellen Charme abtrotzen. Doch auch die obligatorische Romanze will nicht ganz gelingen.
Die bisher vor allem aus Genrefilmen wie „It Follows“ oder „Longlegs“ bekannte Maika Monroe bewegt sich auf diesem Terrain zwar erstaunlich sicher – wohl auch deshalb, weil die unfreiwillige Einzelgängerin, deren innere Versehrtheit sich in zurückhaltender Mimik und mit subtilen Gebrauchsspuren versehener Kleidung spiegelt, gar nicht so weit von ihrem angestammten Rollentypus entfernt ist. Im ausdrucksschwachen Newcomer Tyriq Withers („Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“), der als Ledger zunächst zwischen der Wiedervereinigung von Kenna und ihrer Tochter Diem steht, findet sie jedoch keinen ebenbürtigen Gegenpart.
Auch zu einem zentralen Motiv fällt Regisseurin Caswill wenig ein: Denn der eingangs beschriebene Einsatz von Coldplay markiert nicht nur eine der wenigen genuin filmischen Ideen von „Für immer ein Teil von dir – Reminders Of Him“, er ist auch eng an das Trauma von Kenna geknüpft. Musik ist für sie nun per se zum Trigger von Schuldgefühlen und Verlusterfahrungen geworden. Einen Ausdruck dafür, wie Erinnerungen an Musik gekoppelt sind und sich Klänge in die eigene Welterfahrung eingraben, findet der Film aber nicht – dafür ist seine Songauswahl auch viel zu beliebig: In Ledgers Bar laufen verknödelte Bluesrock-Versionen von „Stand By Me“, und der austauschbare Countrypop von Noah Cyrus soll am Ende die Katharsis bringen. Ganz unsympathisch ist das alles nicht – beim nächsten Hoover-Film darf es aber gerne wieder etwas mehr Lust an Eskalation und emotionaler Überformung sein.
Fazit: Trotz stark gespielter Protagonistin und einem Appartmentkomplex mit supersympathischer Kätzchen-Policy die bisher schwächste Colleen-Hoover-Verfilmung: „Für immer ein Teil von dir – Reminders Of Him“ bewegt sich zu lange nicht vom Fleck, bis sich der zentrale Konflikt etwas zu leicht in Wohlgefallen auflöst. Auch die Romanze will diesmal einfach nicht so recht zünden.