The Thing With Feathers
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
The Thing With Feathers

Benedict Cumberbatch Vs. eine riesige Krähe

Von Lars-Christian Daniels

Mit seinem 2015 erschienenen Buch „Grief Is The Thing With Feathers“, dessen Titel ironisch auf Emily Dickinsons Gedicht „Hope Is The Thing With Feathers“ anspielt, gab der britische Schriftsteller Max Porter ein viel gelobtes, aber auch sehr sperriges und umstrittenes Debüt. Sein 120 Seiten kurzer, mit literarischen Querverweisen gespickter Text, der später auch als Theaterstück adaptiert wurde und sich mit der Trauerarbeit eines Vaters und seiner Söhne nach dem Tod der Mutter beschäftigt, ist nämlich alles andere als ein typisches Dramastück: In dem kryptisch arrangierten Werk trifft lyrisch anspruchsvolle Prosa auf derbe Dialoge, rätselhafte Metaphern und stakkatoartig eingestreute Satzfragmente. Eine wahrlich wilde Kreuzung, die sich in etwa wie ein Poetry Slam liest.

Unter Regie von Dylan Southern, der sich bis dato mit Dokumentarfilmen einen Namen machte, findet Porters Stoff nun den Weg ins Kino – doch verleiht der Regisseur und Drehbuchautor der bruchstückhaften und verschachtelten Vorlage in seinem Spielfilmdebüt „The Thing With Feathers“ eine deutlich klassischere Dramaturgie. Sein expressionistisches Schauermärchen entführt uns für gut eineinhalb Stunden in das Haus des trauernden Vaters und seiner zwei Söhne, die sich von heute auf morgen mit einer riesengroßen Krähe (!) als neuem Trauerbegleiter konfrontiert sehen. In seinen besten Momenten ist das gruselig, mitreißend und originell – manchmal aber auch ziemlich abgegriffen und auf der Zielgeraden sogar reichlich kitschig.

Der Vater (Benedict Cumberbatch) leider unter dem Verlust seiner Frau, muss aber stark sein für seine zwei Söhne, die ihre Mutter verloren haben. Anthony Dickenson & The Thing with Feathers Ltd
Der Vater (Benedict Cumberbatch) leider unter dem Verlust seiner Frau, muss aber stark sein für seine zwei Söhne, die ihre Mutter verloren haben.

Ein namenloser Familienvater (Benedict Cumberbatch) muss einen schweren Schicksalsschlag verarbeiten: Nach dem unerwarteten Tod seiner Frau (Claire Cartwright) stürzt er mit seinen Söhnen (Richard Boxall und Henry Boxall) in tiefe Trauer und verliert zunehmend den Bezug zur Realität. Eines Tages sieht sich der beruflich als Comiczeichner aktive Mann in seinem Haus mit einer überdimensionalen, menschenähnlichen Krähe (Eric Lampaert) konfrontiert, die fest entschlossen ist, die vier Wände der Familie nicht mehr zu verlassen. Bilden sich die drei die furchterregende Kreatur, die einer Skizze des nun alleinerziehenden Vaters entsprungen sein könnte, nur ein? Eines ist jedenfalls sicher: Sie müssen sich der erbarmungslosen Krähe ebenso stellen wie ihrer Trauer…

In den (recht spärlich gesäten) heiteren Momenten von „The Thing With Feathers“ wähnt man sich fast in den 2020 verfilmten „Känguru-Chroniken“ aus der Feder von Marc-Uwe Kling: Da zieht wie selbstverständlich ein großes Tier in einen Otto-Normalverbraucher-Haushalt ein und krempelt das Leben seiner menschlichen Mitbewohner gehörig auf links. Doch während das politisch ebenfalls am linken Rand zu verortende Känguru sich vor allem dem Verzehr von Schnapspralinen, hitzigen Debatten und dem ewigen Kampf mit seinem Pinguin-Erzfeind widmet, ist die Krähe hier zur Trauertherapie eingetroffen. Woher der Vogel stammt, lässt der Film genauso im Vagen wie die literarische Vorlage, aber das Tier wähnt sich als Ratgeber, Peiniger, Freund und Feind der Familie am richtigen Ort. Der schwarze Zweibeiner nistet sich ein und geht nicht mehr weg.

Im Film ist vieles einfacher zu verstehen als im Buch

Das Drei-Personen-und-ein-Vogel-Gefüge des Buches wird für die Leinwandadaption hier und da um einige Personen erweitert. Zu Vater, Söhnen und Vogel gesellen sich für wenige Augenblicke etwa der beste Freund Paul (Sam Spruell), der die Söhne zwischenzeitlich zu sich nimmt, oder Amanda (Vinette Robinson), eine enge Bezugsperson der verstorbenen Mutter. Die sperrigen, stellenweise sehr wirr getexteten Passagen des Buches hingegen finden im Film fast ausschließlich im Off statt: Die meist fluchend vorgetragenen verbalen Ergüsse und Märchenerzählungen des Vogels nehmen kaum Einfluss auf die Handlung. Dem klaren roten Faden kommt das ebenso zugute wie die Aufteilung der Geschichte in die Kapitel „Dad“, „Crow“, „Boys“ und „The Demon“, die die genannten Personen in den Mittelpunkt rücken, statt pausenlos die Perspektive zu wechseln.

Stilistisch fährt Dylan Southern im Fahrwasser prominenter Vorbilder: Krähen und anderes Federvieh sind nicht erst seit Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ eine gern bemühte Tierart im Horrorkino. Auch in der Stephen-King-Verfilmung „Es“ wird eine riesige Krähe zum Alptraum eines gepeinigten Kindes – und wenn die übergroße Kreatur hier erstmalig im Hausflur lauert und im Halbdunkel ihre Fingerchen spreizt, ist die Verneigung vor „Nosferatu“ kaum zu übersehen. Als effizient und gänsehautfördernd erweist sich das Spiel mit Licht und Schatten, das in den Opening Credits und in den Comic-Zeichnungen – schwarze Tinte auf weißem Grund – aufgegriffen und elegant auf die Spitze getrieben wird. In mehr als einer Szene fungiert plötzliches Licht als jäher Showstopper – etwa dann, wenn der Vater im stockdunklen Supermarkt in die Ecke gedrängt wird und plötzlich an der gleißend hell erleuchteten Kasse aus seinem Tagtraum erwacht.

Die Krähe kommt erst nach und nach ganz zum Vorschein

Viele dieser Schauermomente, die um ein paar abgegriffene Jump Scares und Haunted-House-Tricks ergänzt werden, deutet Southern nur an, löst sie aber nicht auf, was lange auch für die Erscheinung der Horrorkreatur gilt. Bis zur Mitte des Films ist das übergroße Ungetüm in dem vollgestellten, Klaustrophobie weckenden Haus nie ganz im Bild, sondern erlaubt uns nur flüchtige Blicke auf (und durch) seine unerbittlich bohrenden Augen, seinen scharfkantigen Schnabel oder sein ausladendes Federkleid. Passt die Krähe endlich ins einengende 4:3-Format, tut das schmale Budget dem Vergnügen etwas Abbruch: Weil auf aufwändige Effekte verzichtet wurde, durchzieht „The Thing With Feathers“ zwar ein sympathischer, visuell aber eher ernüchternder Retro-Touch. Am gruseligsten wird es, wenn wir nur die düstere Stimme des Menschenvogels aus dem Off hören und ihn nicht sehen.

Sherlock“- und Marvel-Star Benedict Cumberbatch manövriert den psychisch labilen Vater souverän durch den Film und darf sein immenses schauspielerisches Potenzial schon in der Eröffnungssequenz, in der er weinend auf dem Sofa sitzt, in die Waagschale werfen. Seine zunehmend dünnhäutige, bald die Kontrolle verlierende Vaterfigur, die den Kindern den benötigten Halt zu geben versucht, trägt den Film fast allein. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt, ihre mühsame und denkbar unkonventionelle Trauerarbeit mit dem tierischen Sparringspartner das emotionale Herzstück der Geschichte. Das vergleichsweise kurze Kapitel, das sich den Söhnen widmet, dient vor allem dazu, die Perspektive des über weite Strecken wie ein Kammerspiel anmutenden Films zu variieren und bei einer entlarvenden Szene am Küchenherd zu illustrieren, wo die Grenze zwischen Realität und Einbildung verläuft.

Ein enttäuschend entschärfendes Finale

So greifbar wird der Absturz des Vaters selten, und während einige Leerstellen den Reiz des Films durch Interpretationsspielraum erhöhen, wird es auf der Zielgeraden allzu konkret: Auf den furiosen Showdown mit Mensch, Monster und Märchen zitierendem Mitbewohner folgt ein kitschiger Schlussakkord, der den über weite Strecken so düster und tragisch arrangierten „The Thing With Feathers“ überraschend seicht und versöhnlich ausklingen lässt. Dadurch geht vieles an Wucht und Nachwirkung verloren. Nicht jedes finstere Schauermärchen benötigt ein Happy End, nicht jede Wunde verheilt bei Trauernden im Gleichklang. Vielmehr schlägt die Trauer oft spät und gnadenlos zurück – wer in seinem Leben einmal einen geliebten Menschen verloren hat, weiß das nur allzu gut.

Fazit: Dylan Southerns Spielfilmdebüt „The Thing With Feathers“ ist eine düstere und metaphorisch aufgeladene Horror-Trauerballade, die dramaturgisch in deutlich geordneteren Bahnen verläuft als ihre literarische Vorlage. Wirklich neue Ideen sind allerdings Mangelware – und auch das kitschige Finale raubt dem Schauermärchen auf der Zielgeraden einiges an Durchschlagskraft.

Wir haben „The Thing with Feathers“ bei der Berlinale 2025 gesehen, wo er als „Berlinale Special Gala“ seine Europapremiere feierte.

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