Ein Wohnzimmer voller verbotener Bücher
Von Gaby SikorskiBei all den Diskussionen über Migration und Geflüchtete wird häufig ein Land vergessen, das Menschen schon seit vielen Jahrzehnten aus politischen Gründen verlassen: der Iran. Solange Schah Mohammad Reza Pahlavi regierte, dessen berüchtigte Geheimpolizei jede Form von Opposition unterdrückte, verließen viele Intellektuelle das westlich orientierte Land. Nach dem Sturz des Schahs 1979 gab es zunächst die Hoffnung auf demokratische Veränderungen. Doch mit der Machtübernahme durch islamistische Kräfte wandelte sich das Land rasch in eine theokratische Republik, in der die Menschenrechtslage sich erneut verschlechterte. Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit sind heute stark eingeschränkt, auf Homosexualität, außerehelichen Geschlechtsverkehr und Blasphemie steht die Todesstrafe, und Frauen haben viele Rechte verloren. Die Folge: Proteste werden immer wieder mit Gewalt niedergeschlagen, und jährlich verlassen noch immer Zehntausende das Land.
Voller Hoffnung und Optimismus kommt die iranische Literaturwissenschaftlerin Azar Nafisi (Golshifteh Farahani) kurz nach dem Sturz des Schahs mit ihrem Ehemann, dem Architekten Bijan Naderi (Arash Marandi), aus den USA zurück, um an der Universität Teheran englische Literatur zu lehren. „Große Literatur muss unbequem sein“, sagt sie in einer ihrer ersten Vorlesungen – doch nicht alle Studierenden geben ihr recht. Einige plädieren sogar dafür, dass „Der große Gatsby“ verboten werden müsse, weil das Buch den Ehebruch propagieren würde. Da hilft es wenig, dass Azar in einer Art Tribunal den Roman verteidigt.
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Die Atmosphäre im Land wird immer mehr von religiösem Fanatismus und Repressalien bestimmt. Islamistische Proteste treffen dabei auch die Universität selbst: Die Freiheit der Wissenschaft ist bedroht, einige von Azars Studentinnen werden verhaftet – manche kehren nie mehr zurück. Auch Azar selbst sieht sich mit einem Klima der Angst konfrontiert, doch sie bleibt mutig, selbst als ihr angedroht wird, dass sie nicht mehr unterrichten darf, wenn sie weiterhin unverschleiert bleibt. Aufgrund dessen wird sie schließlich suspendiert.
Einige Jahre später gründet Azar in ihrem Wohnzimmer einen geheimen Literaturzirkel, wo sie gemeinsam mit sechs Studentinnen verbotene Werke der englischsprachigen Weltliteratur diskutiert, von „Der große Gatsby“ bis hin zu „Lolita“. Auf diese Art schafft sie einen geschützten Raum abseits der staatlich verordneten Kulturfeindlichkeit, mit dem sie die jungen Frauen und sich selbst von der ständigen Bedrohung durch islamistische Fanatiker*innen ablenkt. Doch noch wichtiger für die sechs Studentinnen ist die Möglichkeit, sich neue Gedankenwelten zu eröffnen – in einer stillen Rebellion gegen das Regime, geleitet vom Wunsch nach Selbstbehauptung und der Leidenschaft, immer mehr zu lernen und zu entdecken. Das Lesen wird zur immersiven Begegnung mit geistiger Autonomie und innerer Freiheit.
Azar Nafisi bleibt bei all der Gefahr angetrieben von einer fast beängstigenden Furchtlosigkeit, die nicht auf Naivität beruht, sondern auf ihrer festen Überzeugung, das Richtige zu tun. Schließlich gehört der Diskurs über Texte ebenso zu ihrem Leben wie die Weitergabe von Wissen.
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Der israelische Regisseur Eran Riklis, der mit seinem satirischen Politdrama „Die syrische Braut“ im Jahr 2004 den internationalen Durchbruch schaffte, hat den autobiografischen Bestseller von Azar Nafisi durchaus kämpferisch, aber auch mit einigem Feingefühl verfilmt. Sein Versuch, gleichzeitig die Geschichte Irans und Nafisis Leben zu erzählen – insgesamt ein Zeitraum von ca. 25 Jahren – ist dabei nicht ganz gelungen, nicht nur durch die Zäsur nach etwa einem Drittel des Films, die nahezu 15 Jahre umfasst. Manches bleibt an der Oberfläche, Nafisis Familie kommt zu kurz, ihr Ehemann ist hauptsächlich Stichwortgeber, und eine Ehekrise wird nur angedeutet. Doch es geht auch kaum um private Probleme, sondern um das Leben unter einer Diktatur und um den Widerstand dagegen.
Der Film ist in vier Kapitel eingeteilt, die Romantitel tragen. Die Buchtitel wirken etwas greifbarer als die Autorennamen, nach denen Naisi ihre Bestseller-Biografie gliederte, doch das Drama bleibt atmosphärisch etwas spröde und wird selten emotional – das allerdings passt gut zu einem Film, der viel von Angst und weniger von Hoffnung handelt. Selten gibt es Momente der Unbefangenheit, vielleicht noch am ehesten in den wenigen häuslichen Szenen mit Azar und Bijan, ihren Kindern und Azars Mutter. Das Leben in Teheran scheint durchgängig geprägt von der alltäglichen Unterdrückung in einem Klima der Gewalt und des Schreckens.
Einige der Studentinnen werden verhaftet. Ihre Erfahrungen mit Folter, Misshandlungen und Vergewaltigung werden nicht explizit gezeigt – eine Auspeitschung wird beinahe diskret dargestellt –, aber die Atmosphäre in den dunklen Zellen, wo die Frauen darauf warten, zum Verhör geholt zu werden, ist bedrückend genug. Eran Riklis zeigt den beklemmenden Alltag in einem Terrorregime ebenso überzeugend wie die hingebungsvolle Leidenschaft der Frauen, die sich ihre Lektüre nicht verbieten lassen wollen.
Riklis zeigt in klaren Bildern, worum es Azar Nafisi geht, die heute wieder im Exil lebt: die befreiende Wirkung von Literatur sowie die generelle Möglichkeit, sich von Gedankenzwängen zu befreien, seien sie kulturell, sozial oder religiös bedingt. Die Frauen im Film blühen in den Diskussionen regelrecht auf, eine neue Offenheit ist spürbar, die geheimen Lehrveranstaltungen werden zu konspirativen Treffen von Freundinnen, die immer mehr von sich preisgeben. Wenn sie gemeinsam Jane Austen interpretieren, dann vergessen sie alles andere, stellen sich voller Begeisterung und Leidenschaft zum Tanz auf, tauchen ein in die sittenstrengen Rituale der Regency-Ära und schaffen Verbindungen und Parallelen zu ihrer eigenen Situation.
Die Exil-Iranerin Golshifteh Farahani („Auf der Couch in Tunis“) verkörpert Azar Nafisi als sympathisch energische Frau mit unerschrockenem Mut. Sie ist nicht nur klug, sondern sie lässt sich ihre Souveränität von niemandem nehmen. Ihre unterdrückte Wut wird dabei ebenso deutlich wie die Trauer um den Verlust ihrer (geistigen) Heimat. Die Studentinnen des Literaturzirkels werden ebenfalls von Exil-Iranerinnen gespielt. Aber auch ohne dieses Wissen sind ihre Darstellungen erschütternd glaubwürdig.
Über dem Film steht in unsichtbaren Lettern eine große Frage: Warum gibt es in Diktaturen so viel Angst vor Büchern (sowie vor Filmen, Theaterstücken, Bildern und Musik), dass sie nicht ohne Zensur und staatliche Bevormundung auskommen? Was kann Literatur eigentlich bewirken? Und was bedeutet die Freiheit der Kunst? Diese Fragen werden immer wieder gestellt, und sie sind heute genauso wichtig wie vor 250 oder 100 Jahren.
Fazit: Ein ambitioniertes Drama über das Leben in einer Diktatur zwischen Anpassung und Widerstand, das für die Freiheit der Kunst und der Gedanken Partei ergreift – immer leicht distanziert und ohne Pathos, aber mit einer klaren kämpferischen Message.