Knallharte Kerle mit klugem Kern
Von Oliver KubeWas machen die Härtesten der Harten unter den Metal-Musikern eigentlich, wenn sie nicht gerade bei ohrenbetäubenden Dezibelwerten auf der Bühne stehen? Ziehen sie Groupies verschlingend, Kirchen entweihend und dabei Unmengen an Alkohol und Drogen konsumierend, durch die Lande, um überall nur Schutt und Asche zu hinterlassen? Oder sitzen sie lieber bei einem Kräutertee im Tourbus, analysieren akribisch jeden kleinen Spielfehler des letzten Auftritts, pflegen ihre geschundenen Körper, besuchen Museen und treffen ihre ihnen schon seit Dekaden treuen Fans zu einem durchaus gehaltvollen Plausch vor der nächsten Show – alles mit einer gehörigen Portion Humor und Selbstironie?
Glaubt man der Dokumentation „Kreator - Hate & Hope“, fällt die Antwort bei den global erfolgreichen Metallern Kreator eindeutig aus. Regisseurin Cordula Kablitz-Post („FCK 2020 - Zweieinhalb Jahre mit Scooter“) begleitete das Quartett zu diversen Stationen seiner Welttournee zum noch immer aktuellen 2022er-Longplayer „Hate über alles“. Dabei präsentieren sich die Musiker unter anderem in Wacken, Japan, Indien und Nordamerika glaubhaft als ambitionierte, aber auch intelligente und integre Typen von nebenan. Sie mögen verwegen ausschauen, aber ein Kinderschreck ist keiner von ihnen. Eher ist das Gegenteil der Fall. So manch junger Mensch dürfte davon profitieren, sich die Essener zum Vorbild zu nehmen.
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Das Gros der Laufzeit wird mittels Live-Mitschnitten aus aller Welt plus locker eingestreuten Gesprächen mit der Band um Frontmann/Mastermind Mille Petrozza gefüllt. Aber auch internationale Kollegen wie Anthrax oder Testament sowie Crew-Mitglieder und Bewunderer*innen wie Die-Ärzte-Star Bela B. und Schauspieler Lars Eidinger kommen zu Wort. Zusätzlich wird das Ganze immer wieder durch Archivmaterial aus über 40 Jahren Bandhistorie illustriert. Das Ergebnis sind wie im Fluge vergehende 110 Minuten, die selbst für Doku-Fans interessant sein dürften, die mit Kreators Musik nicht unbedingt etwas anfangen können beziehungsweise sich bisher noch nicht einmal an diese herangewagt haben.
Die 1982 im Arbeiterstadtteil Altenessen gegründeten und noch immer dort beheimateten Kreator zählten damals zu den Pionieren des deutschen Speed Metals, der später enormen Einfluss auf die Entwicklung global populärer Stile wie Thrash und Black Metal haben sollte. Schon mit dem zweiten, inzwischen als richtungsweisend geltenden Album „Pleasure To Kill“ gelang der Durchbruch. Trotz diverser Besetzungswechsel und gelegentlicher Stilkorrekturen steigerten Kreator ihre Popularität kontinuierlich, bis sie im Jahre 2017 mit „Gods Of Violence“ erstmals auf Platz 1 der deutschen LP-Charts einsteigen konnten. Bisher wurden 15 Studiowerke, drei Live-Alben sowie sechs Konzertfilme veröffentlicht. Ein Ende ist trotzdem nicht abzusehen. Warum auch?
Kreator operierten schon immer etwas anders. So waren sie eine der wenigen Metal-Gruppen der 1980er, die nicht über Historien- und Fantasy-Hokuspokus, satanistischen Quark oder den Rock-’n'-Roll-Lifestyle mit Frauen, Suff und Drogen sangen. Stattdessen prangerte der diesbezüglich vom Hardcore-Punk beeinflusste Mille Petrozza in seinen Texten schon früh gesellschaftliche Missstände wie soziale Ungerechtigkeit, Homophobie und Fremdenfeindlichkeit an. Und auch mentale Probleme wurden immer wieder thematisiert. Dadurch entstand eine nicht nur intellektuelle, sondern auch emotionale Bindung zu vielen ihrer Fans. Die im Film zu sehenden Treffen mit einigen von ihnen im Rahmen von Autogrammstunden und Meet-&-Greets sind berührend. Man spürt, wie viel die Begegnung mit ihren Stars diesen Leuten bedeutet, ohne dass es dabei auch nur ansatzweise creepy oder bedenklich wird, wie kürzlich in der Eminem-Doku „Stans“ zu erleben.
Die durch Bilder von Petrozza auf seinem Fahrrad oder von Drummer Jürgen „Ventor“ Reil in seiner mit einem kleinen Tattoo-Studio eingerichteten Privatwohnung propagierte Bodenständigkeit ist jederzeit absolut glaubhaft. Schließlich probt man auch noch immer in demselben schäbig-fensterlosen Raum wie zu Beginn der Laufbahn. Vor ihren Auftritten wird nicht einmal ein Fläschchen Bier angerührt. Schließlich wollen sie ihre Anhänger*innen nicht enttäuschen, die für ihr sauer verdientes Eintrittsgeld die bestmögliche Show verdient hätten.
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Das bedeutet nicht, dass Kreator hier keinen Spaß hätten. Im Gegensatz zu manch anderen Acts nehmen sie aber, was sie tun, offenbar sehr ernst. Für die Lockerheit im Tourbus und damit auch im Film sorgt meistens ihr noch immer recht neuer Bassist, der sympathische Franzose Frédéric Leclercq, mittels witziger Anekdoten und/oder kleiner Missverständnisse. Zudem halten Vergangenheit und Gegenwart einer so intensiv und weltweit tourenden Truppe natürlich immer Potenzial für Momente in Richtung „This Is Spinal Tap“ bereit.
Damals war es garantiert nicht immer lustig, heute können Kreator aber über den einen oder anderen absurden Moment während ihrer Karriere herzhaft lachen. So etwa, als der im Rahmen der ersten Nordamerikareise im Jahr 1987 naiv vom Dasein als Rockstars träumende Tross herausfand, dass die abendliche Show in irgendeinem Kaff im Mittleren Westen nicht wie erwartet in einem Szeneclub, sondern in einer Familienpizzeria gebucht war. Da mussten sie erst einmal eigenhändig ein paar Stühle und Tische auf den Bürgersteig räumen, um dann vor einer Handvoll Geburtstag feiernder Kinder und Bauarbeiter beim Feierabendbier aufzutreten.
Ein echtes Highlight der Doku ist das im Sommer 2024 in einem Gelsenkirchener Amphitheater angesetzte Open-Air-Konzert. Bei diesem genrehistorischen Event traten erstmals die sogenannten „Big Four Of Teutonic Thrash Metal“ – Kreator plus ihre Kollegen von Sodom, Destruction und Tankard – gemeinsam auf. Fans aus den entlegensten Winkeln des Globus waren angereist, um diese einmalige Sache zu erleben. Im Vorfeld freuten sich alle nicht nur über das Wiedersehen mit Weggefährten der letzten vier Dekaden, sondern immer wieder auch darüber, wie schön es doch sei, dass das Wetter mitspielen würde.
Pünktlich als die Headliner Kreator dann auf die Bühne gehen, braut sich allerdings ein orkanartiges Unwetter über dem Ruhrgebiet zusammen. Mitten in der Show sehen sich die lokalen Behörden schließlich gezwungen, buchstäblich den Stecker zu ziehen. Anstatt zu sagen „Pech gehabt“, ein paar Bierchen zu kippen und wie verabredet Party zu machen, sitzen die Musiker ernüchtert bis am Boden zerstört zusammen. Angestrengt überlegen sie, wie man diese Enttäuschung – für die keiner von ihnen verantwortlich ist – beim Publikum wiedergutmachen könnte. Denn sie alle wissen, wem sie es zu verdanken haben, dass sie nicht wie ihre Väter unter Tage gehen oder wie ihre Mütter an einer Supermarktkasse schuften müssen.
Fazit: „Kreator - Hate & Hope“ funktioniert als klassische „Rockumentary“, die die Karriere eines populären Musik-Acts mit dem üblichen Handwerkszeug kompetent aufbereitet. Dem Film gelingt es obendrein aber auch, auf mal locker unterhaltsame, dann durchaus intensive Art zu zeigen, dass Menschen innerhalb eines von Kodexen und Klischees bestimmten Sujets durchaus ihren eigenen Weg gehen und dennoch enormen Erfolg haben können.