Behutsame, klug arrangiert und sehr bewegend
Von Dobrila KonticSieben Romane, einen Gedichtband und zahlreiche Essays hat die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt seit den 1980er Jahren veröffentlicht. Nichtsdestoweniger wird ihr Name wahrscheinlich noch immer vor allem mit Paul Auster assoziiert, mit dem sie bis zu dessen Tod 2024 ein über New York hinaus weltbekanntes Autoren-Traumpaar gebildet hatte. Sabine Lidl, die sich mit TV-Dokumentationen über Künstlerinnen wie die Fotografin Nan Goldin, die Schauspielerin Hannelore Elsner und die Regisseurin Doris Dörrie einen Namen gemacht hat, porträtierte den Schriftsteller 2019 in ihrem Film „Paul Auster – Was wäre wenn“. Dabei formte sich der Gedanke, auch Hustvedt einen Dokumentarfilm zu widmen, der sich schließlich zu dem reichhaltigen und sorgfältig komponierten „Siri Hustvedt – Dance Around The Self“ formte.
Der Film beginnt 1978, als Siri Hustvedt vom heimischen Minnesota im Mittleren Westen der USA nach New York zieht, um an der Columbia University englische Literatur zu studieren und zugleich an ihrem ersten Roman zu arbeiten. Fortan konzentriert sich „Siri Hustvedt – Dance Around The Self“ auf Hustvedts Werk und die Überlappungen zu ihrer Biografie: Mit Super-8-Kamera gedrehte Passagen zeigen eine junge Frau (Jules Elting), die die Straßen von Manhattan durchschreitet, auf der Suche nach ihrem ersten Romanhelden – es ist die Personifizierung der Erzählerin, die Hustvedt damals vorschwebte. Begleitet wird dies aus dem Off durch Hustvedts Stimme, die im Verlauf der gesamten Doku immer wieder aus ihren Romanen vorliest und sich dann in Unterhaltung mit Sabine Lidl den Bezügen zu ihrem Leben und ihren Erinnerungen widmet.
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Schnell gewinnt man den Eindruck einer sehr nachdenklichen und ungeheuer belesenen Frau, deren bedachte, penibel auf Betonung achtende Sprechweise auffällt. Die Gespräche finden meist in dem vierstöckigen Brownstone statt, das Hustvedt über 30 Jahre lang mit ihrem Ehemann bewohnte. Da der Dokumentarfilm knapp vier Jahre im Leben von Hustvedt begleitet, ist anfangs auch immer wieder Paul Auster zu sehen, der sich liebevoll und stets mit Hochachtung vor ihren schriftstellerischen Fähigkeiten über seine Frau äußert. Trotz unterhaltsamer Stellen, an denen beide in Erinnerungen – etwa an die in größter Geldnot gefeierte Hochzeit – schwelgen, bleibt der Fokus von „Siri Hustvedt – Dance Around The Self“ immer auf der Schriftstellerin.
Das ist zu begrüßen, denn lange galt Hustvedt auch in der Literaturszene lediglich als ebenfalls schreibende Frau des Schriftstellers, der mit seiner New-York-Trilogie Ende der 1980er weltbekannt wurde. Hustvedts Prosa, so hebt der Film hervor, haftete zudem immer der abschätzige Verdacht des rein Autobiografischen an, wogegen sie sich auch in diesem Dokumentarfilm wehrt. „Siri Hustvedt – Dance Around The Self“ spürt stattdessen den Gedanken nach, die Hustvedts Schreiben und dessen besondere Subjektivität ausmachen – und durchwandert zugleich ihr Werk mit einer Fülle an sorgsam arrangierten Elementen und Themen.
So wird etwa ein Fokus auf die Frauen gerichtet, die Hustvedt im Laufe ihres Schaffens nachhaltig beeindruckt haben, darunter die Naturphilosophin Margaret Cavendish oder die Dada-Künstlerin Elsa Baroness von Freytag-Loringhoven. Zum Leben erweckt werden diese Vorbilder durch lebhafte Schwarz-weiß-Animationen, die sich von Beginn an punktuell durch den Film ziehen und teilweise auch Hustvedts eigene Zeichnungen aufgreifen. Gleichzeitig zeichnet die Doku Hustvedts Herkunft und Werdegang nach: Ihre norwegischen Wurzeln, die beschauliche, mit drei Schwestern verbrachte Kindheit in Minnesota und der früh geformte Wunsch, Schriftstellerin zu werden, werden gleichermaßen mit Fotoaufnahmen und in Gesprächen mit ihrer Familie und Freunden dokumentiert.
Doch bei aller wohligen Nostalgie über drollige Kindheitsfotos aus den 1960ern und spannende Erzählungen über das New York der 1980er ist es vor allem die in „Siri Hustvedt – Dance Around The Self“ dargestellte Gegenwart, die nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Hustvedts Gedanken über ihr eigenes Werk und Leben berühren kunsthistorische, feministische und gesellschaftskritische Aspekte – etwa, wenn sie den in der Gegenwart grassierenden „Best self“-Optimierungswahn als neoliberale Lebensphilosophie entschieden ablehnt. Schwierige Erlebnisse gehörten zum Leben, einem ständig in Bewegung befindlichen Fluss, nun mal dazu, erklärt sie an einer Stelle.
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Dass sie dabei aus Erfahrung spricht, macht dieser Dokumentarfilm in seinem Gegenwartsstrang schließlich schmerzhaft deutlich: Innerhalb der vier Jahre, die Sabine Lidl die Schriftstellerin immer wieder aufgesucht hat, ist Paul Auster an Krebs erkrankt und schließlich gestorben. „Siri Hustvedt – Dance Around The Self“ wird so nicht nur zu einer sehr reflektierten Auseinandersetzung mit dem Werk und der Persönlichkeit Hustvedts, sondern auch zur bewegenden Aufzeichnung des Umgangs mit solch einem herben Verlust – und dem Leben danach.
Fazit: „Siri Hustvedt – Dance Around The Self“ durchwandert mit einer behutsam arrangierten Fülle an Material das Leben und Werk der Schriftstellerin und fördert nachdenkliche Einsichten zu Tage. Eine erhellende und bewegende Doku – längst nicht nur für diejenigen, die Hustvedts Romane ohnehin bereits kennen und schätzen.
Wir haben „Siri Hustvedt – Dance Around The Self“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Sektion Panorama seine Weltpremiere gefeiert hat.