Leonora im Morgenlicht
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Leonora im Morgenlicht

Kunst als Mittel der Emanzipation

Von Björn Schneider

Bis heute stehen Frauen in vielen Kunstgattungen im Schatten von Männern, gerade in der Malerei. Doch ein Blick in die Kunstgeschichte zeigt: Es gab sie schon immer, jene Frauen, die die Barriere durchbrachen und nicht mehr länger nur Muse waren. Zu diesen prägenden Frauen der Kunstgeschichte, deren Werke auf Auktionen inzwischen ebenfalls Spitzenpreise erzielen, zählt die britisch-mexikanische Malerin Leonora Carrington. Selbst wenn ihr die verdiente Würdigung der gesamten Kunstwelt so richtig erst nach ihrem Tod im Jahr 2011 zuteilwurde – mittlerweile weiß man um ihre künstlerischen Verdienste und Leistungen.

Seither nennen sie viele sogar in einem Atemzug mit der großen Frida Kahlo, über die es bereits einige Filme gibt. Darunter eine erst im vergangenen Jahr veröffentlichte, sehr sehenswerte (und wundervoll animierte) Doku namens „Hola Frida“ – sowie natürlich das Biopic „Frida“ aus dem Jahr 2002, das Salma Hayek als Kahlo in einer ihrer stärksten Rollen überhaupt zeigt. Die Britin Olivia Vinall gewährt in „Leonora im Morgenlicht“ nun eine vergleichbar nuancierte, elektrisierende Darbietung, die wohl ebenso lange im Gedächtnis bleiben wird.

Die Beziehung von Leonora Carrington (Olivia Vinall) Max Ernst (Alexander Scheer) ist alles andere als unkompliziert… Alamode Film
Die Beziehung von Leonora Carrington (Olivia Vinall) Max Ernst (Alexander Scheer) ist alles andere als unkompliziert…

Paris in den 1930er-Jahren: Die gebürtige Britin Leonora Carrington (Olivia Vinall) bricht als Rebellin regelmäßig mit den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit. Ihr Leben nimmt jedoch eine entscheidende Wendung, als sie in der französischen Hauptstadt 1937 den deutschen Maler Max Ernst (Alexander Scheer) kennenlernt. Carrington verliebt sich in den 26 Jahre älteren Künstler und zieht mit ihm zusammen. Wenig später macht Ernst sie mit der surrealistischen Bewegung bekannt. Carrington lernt Größen wie Salvador Dalí und Pablo Picasso kennen – und findet in ihrer Beziehung zu Ernst Inspiration für ihre eigene Kunst. Nach der Verhaftung von Ernst durch die Nazis geht Carrington nach Spanien, wo sie einen Zusammenbruch erleidet und daraufhin in eine Nervenklinik eingewiesen wird.

Viele Monate geht Carrington dort durch die Hölle: Nicht nur Elektroschocks stehen an der Tagesordnung. Trotz dieser traumatischen Erlebnisse gelingt es Carrington später, in Mexiko neu anzufangen – und sich zu einer gefeierten Künstlerin des Surrealismus zu entwickeln. „Leonora im Morgenlicht“ setzt nun 1951 ein, als die Jahre mit Ernst und in der Psychiatrie lange hinter Carrington liegen. Regisseur Thor Klein verzichtet bewusst auf eine lineare Erzählung und simples chronologisches Abarbeiten ihrer Lebensstationen. Stattdessen baut er Rückblenden in die Kindheit der Ausnahmekünstlerin ein – und verschränkt so dramaturgisch klug die Zeitebenen.

Fantastereien, maskierte Pferde, dunkle Mystik

Schon als Kind hatte die Surrealistin einen Hang zu Fantastereien, nicht zuletzt dank ihres Kindermädchens, die der jungen Leonora Märchen von Geisterwesen und geheimnisvollen Kreaturen erzählte. Das Mädchen war der Überzeugung, mit Tieren sprechen zu können. Überhaupt hatte sie seit jeher ein besonderes Verhältnis zu Pferden und Hyänen. Verweise darauf liefert Klein etwa in der Benennung der einzelnen Kapitel seines biografischen Dramas, die Namen wie „The Horse“ und „The Hyene“ tragen.

Klein („Abenteuer eines Mathematikers“) setzt zudem von Beginn an auf atmosphärischen Feinsinn und eine mysteriöse Aura, was dem Film ganz wunderbar bekommt – und ziemlich gut der Bildsprache der Arbeiten seiner porträtierten Künstlerin entspricht! Schließlich sind Carringtons Werke ebenfalls von dunkler Mystik, fantastischen Tier- und Fabelwesen sowie surreal-alptraumhaften Elementen und Motiven durchzogen. Diese traumhaft-hypnotisierende Wirkung entfaltet sich in „Leonora im Morgenlicht“ vor allem auf der Tonspur. Das wird bereits in den ersten Minuten überdeutlich: Klein nutzt gefühlt die gesamte „Klaviatur“ möglicher Soundkulissen, Genres und musikalisch erzeugter Stimmungen.

Stimmungsvolle Klangkulisse beim Abdriften in den Wahn

Von aufziehendem Unheil künden die wabernden, teils flirrenden Elektro-Sounds. Dazu gesellen sich – wie passend – immer mal wieder Natur-Klänge und Tier-Geräusche, von Pferdehufen bis zu den prägnanten Rufen einer Hyäne. Und während die getragenen Streicher- und Klavierpassagen die enthemmten und von Lebensglück geprägten Phasen und Erlebnisse im Leben Carringtons untermalen, verströmen perkussive Sounds Unbehagen und eine Aura der Angst. Das passt besonders gut zu den verstörenden Bildern, die Carringtons allmähliches Abgleiten in eine Psychose visualisieren – Panikattacken, Paranoia und Wahnvorstellungen inklusive.

Der Score passt sehr gut, um die verstörenden Szenen in der Anstalt zu untermalen. Szenen, in denen Klein wahrlich eine zwischen Panik und Hilflosigkeit aufgeladene Atmosphäre erzeugt! In diesen Momenten erinnert der Film streckenweise sogar an deftige Psycho-Horrorfilme – nur dass sich die hier gezeigten (Folter-) Szenen tatsächlich so zugetragen haben. Schließlich beruht der Film auf dem Tatsachen-Roman „Frau des Windes“ von Elena Poniatowska.

Die Beziehung von Leonora zu ihren sonstigen Wegbegleiter*innen bleibt im Film leider etwas unterentwickelt. Alamode Film
Die Beziehung von Leonora zu ihren sonstigen Wegbegleiter*innen bleibt im Film leider etwas unterentwickelt.

Etwas vage und zaghaft bleibt Klein unterdessen bei der Ausgestaltung von Carringtons Beziehungen zu ihren engsten Verwandten und Wegbegleitern, im beruflichen wie privaten Umfeld. Dazu zählen ihre Eltern ebenso wie einige jener Künstlerpersönlichkeiten, die Carrington in Paris kennenlernt. Richtig nah kommt man keiner der Nebenfiguren, dafür liegt der Fokus viel zu sehr auf der Porträtierten, ihren seelischen Befindlichkeiten und ihrer inneren Zerrissenheit.

Daneben widmet sich der Film jener toxischen Beziehung ausführlich, die Carrington wie keine andere in ihrem Leben prägte: der langjährigen romantischen und beruflichen Beziehung zu Max Ernst. Viele Jahrhunderte standen Frauen in der Kunst nicht vor der Leinwand, sondern mussten dahinter als Modelle und reine Objekte herhalten. Man nahm sie nicht ernst, die Gesellschaft (und hier vor allem die Männer) sprach ihnen oft ihre künstlerischen Fertigkeiten ab. So erging es viele Jahre auch Carrington, bis sie, das zeigt der Film ausführlich, langsam zu ihrem eigenen Stil – und schließlich zu sich selbst – fand. Nicht zuletzt dank Ernst. „Ich weiß nicht, wer ich bin, aber ich male immer, was ich fühle“, stellt sie an einer zentralen Stelle des Films fest.

Der Kampf für die eigene Freiheit

Carringtons Beziehung zu Ernst war geprägt von gegenseitigem Respekt und enormer Verbundenheit. Aber auch von Versuchen Carringtons, sich zu emanzipieren, für die eigene Freiheit zu kämpfen und sich von der Strahlkraft des bedeutenden Malers und Bildhauers zu emanzipieren. „Leonora im Morgenlicht“ fängt diese Wankelmütigkeit in den Empfindungen Carringtons und die komplizierte Beziehung der zwei selbstbewussten, ebenso dickköpfigen wie rebellischen Charaktere glaubhaft ein. Was zuvorderst dem brillanten Schauspiel von Alexander Scheer („Köln 75“) und Hauptdarstellerin Olivia Vinall zu verdanken ist.

Vinall agiert mit würdevoller Zurückhaltung und verkörpert ihre komplexe Figur faszinierend-feinfühlig und mit unerschütterlicher Hingabe. Sie kämpft dabei bisweilen jedoch gegen ein etwas bruchstückhaftes, unfertig wirkendes Drehbuch an, das einige zentrale Themen und Lebensstationen ausspart. Der Einfluss der Surrealisten auf die Kunstszene und im Besonderen auf Carrington wird kaum beleuchtet, ebenso wenig ihre Rolle in der Frauenbefreiungsbewegung Mexikos. Ihre Lebensleistung als feministische Vordenkerin und künstlerische Freiheitskämpferin würdigt der Film folglich etwas zu wenig. Bei einer Laufzeit von 106 Minuten, was für ein Biopic wahrlich nicht lang ist (man denke nur an „Respect“ über Aretha Franklin mit 145 Minuten oder „Elvis“ mit fast 160 Minuten), wäre hierfür vermutlich noch Platz gewesen.

Fazit: Trotz gesellschaftlicher Einschränkungen und Vorurteile konnte sich die Surrealistin Leonora Carrington in einer von Männern bestimmten Kunstwelt durchsetzen. Das von einer assoziativen Erzählweise dominierte Biopic „Leonora im Morgenlicht“ setzt dieser außergewöhnlichen Künstlerin ein filmisches Denkmal. Einigen ins Leere laufenden Handlungssträngen und ein paar Auslassungen zum Trotz ist daraus ein bildstarker, kraftvoller Film geworden. Dies liegt vor allem am unbekümmerten, souveränen Auftritt der Hauptdarstellerin Olivia Vinall.

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