Das perfekte Geschenk
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Das perfekte Geschenk

Drei Dildos sind nicht automatisch lustiger als einer!

Von Gaby Sikorski

Laut einer Liste von FILMSTARTS steht – Überraschung! – „Stirb langsam“ auf Platz 1 der besten Weihnachtsfilme aller Zeiten. Gerade noch so auf Platz 10 gelandet ist „Der kleine Lord“, für viele der Inbegriff eines humorvollen und gleichzeitig kitschigen Weihnachtsfilms, bei dem man immer wieder staunt, was für ein großartiger Schauspieler Alec Guiness war, um neben seinem kleinen Kollegen Ricky Schroder bestehen zu können. Erstaunlicherweise fehlen die beiden Weihnachtsdauerbrenner „Tatsächlich... Liebe“ und „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ auf der Liste.

Auch „Das perfekte Geschenk“ von Raphaële Moussafir und Christophe Offenstein wird es wohl kaum in die Liste der besten Weihnachtsfilme aller Zeiten schaffen. Immerhin der Anfang ist vielversprechend und sorgt für gute Laune: Los geht’s mit kurzen Clips von Kindern und Erwachsenen, die Pakete und Päckchen öffnen, um mit mal mehr und mal weniger Begeisterung Geschenke in Empfang zu nehmen. Anschließend spricht Charlotte (Camille Lellouche, „Meine geliebte Unbekannte“) darüber, dass ihre Mutter ihr noch immer Kinderbettwäsche zu schenken pflegt. Wenn das Bild sich öffnet, ist zu erkennen, dass sich Charlotte gerade bei ihrem Psychiater (Jean-Jacques Vanier) befindet, der sich durchaus engagiert um sie bemüht. Denn dass sie viele Probleme mit sich und der Welt hat, ist schnell klar.

Charlotte (Camille Lellouche) hat am 22. Dezember Geburtstag. Deshalb fällt ihr Festtag bei vielen ohnehin schon von Weihnachten gestressten Freunden und Familienmitgliedern hinten runter… Neue Visionen Filmverleih
Charlotte (Camille Lellouche) hat am 22. Dezember Geburtstag. Deshalb fällt ihr Festtag bei vielen ohnehin schon von Weihnachten gestressten Freunden und Familienmitgliedern hinten runter…

Eines der kleineren ist, dass sie ausgerechnet am 22. Dezember Geburtstag hat, also heute. Wie alle wissen, die rund um Weihnachten und Neujahr geboren wurden, ist das eine besondere Herausforderung. Ihre Schwester Julie (Mélanie Doutey), deren Ehe gerade kriselt, gratuliert ihr nur schnell per Handy. Ihr Bruder Jérome (Max Boublil) knutscht gerade mit seiner neuen Flamme, dem Pop-Sternchen Océane (Vanessa Guide). Ihr will er seine Tante Rivka (Liliane Rovère) vorstellen, eine KZ-Überlebende, von der er behauptet, sie habe bei der Befreiung nur noch 17,2 Kilo gewogen – mit besonderer Betonung auf der Zahl hinter dem Komma. Stopp, Moment mal: Wird es jetzt etwa geschmacklos? Die Antwort lautet eindeutig: ja!

Nach und nach wird die ganze große Familie vorgestellt, einschließlich der pupsenden Großmutter und den Eltern Françoise und Michel, dargestellt vom erprobten Komödien-Traumpaar Chantal Lauby und Gérard Darmo („Das große Los“). Weitere Beteiligte sind Julies Ehemann und Charlottes Geburtstagsgeschenk von ihren Freunden: ein hübscher Stripper, der sich nicht nur auszieht, sondern über Nacht bleibt, bis Charlotte ihn schließlich selbst engagiert, damit er sie auch noch zum Weihnachtsessen mit der Familie begleitet…

Ausgegrabene Klischees

Bis es so weit ist, wird die Gagmaschine angeworfen, knatternd springt sie an und macht vor nichts und niemandem halt. Dafür werden gern vergessen geglaubte Klischees wieder ausgebuddelt: das dumme Blondchen = Océane, der alte Hypochonder = Papa Michel, oder das ältliche Mauerblümchen = Charlotte. Was als jüdisch-stämmige, temperamentvolle Familie, in der alle ihre Macken haben, möglicherweise an die Familienszenen der frühen Woody-Allen-Komödien erinnern soll, bleibt aber eher im Bereich von Monsieur Claude und seinen noch weniger lustigen Epigonen hängen. Anstelle des Aufbaus einer zusammenhängenden, schlüssigen Handlung werden sketchartige Szenen mit den jeweiligen Familienmitgliedern aneinandergereiht. Eine eher beliebige Kombination absurder Situationen, die häufig vom Schenken und Beschenktwerden handeln:

Wegen eines falschen Geschenks zoffen sich Julie und ihr Mann, während ihre kleine Tochter unter Einsatz praktisch sämtlicher ihr zur Verfügung stehenden Mittel um Fanartikel von Océane als Weihnachtsgeschenk kämpft. Wenn die Popsängerin dann bei Tante Rivka einen extra für sie komponierten KZ-Schlager mit dem Titel „Tochter von Auschwitz“ singt, ist der vorläufige Gipfel der Peinlichkeit erreicht. Immerhin sind auch Jérome und die alte Dame von dem plumpen Fauxpas schockiert. Später relativiert sich das Bild, was auch für beinahe alle anderen Geschmacklosigkeiten gilt. Aber der Schreck sitzt doch einigermaßen tief.

Ein ausgestopfter Marder stiehlt allen die Show

Dagegen sind Charlottes Geburtstagsgeschenke, die den Reigen der Präsente eröffnen, beinahe nett. Sie bekommt eine Reihe von Dildos – Ha! Soll hier womöglich auf ihr fehlendes Sexleben hingewiesen werden? Doch dahinter steckt ein Missverständnis, was Humor betrifft: Ein Dildo könnte unter Umständen komisch sein, aber drei auf einmal sind es definitiv nicht. Mehr Dildos bedeuten eben leider nicht unbedingt auch mehr Lacher. „Zu viel ist nicht genug“, sagt ein alter Bühnenspruch, übersetzt auf diesen Film könnte er lauten: „Klamauk bleibt Klamauk.“ Ab und zu zünden die Witze, so der Running Gag, dass die ganze Familie denselben Psychiater hat, auf dessen Schrank ein ausgestopfter Marder mit einer Weihnachtsmütze hockt. Sobald das Gespräch ans Eingemachte bzw. in die Tiefe gehen könnte, wird stattdessen stets der Marder thematisiert: „Steht der da schon immer?“

Doch das generelle Problem bleibt bestehen: Die einzelnen Handlungsstränge wirken wie ein Episodenfilm, der im Zeitraum vom 22. bis 25. Dezember spielt und möglicherweise an „Tatsächlich... Liebe“ anknüpfen soll, das aber bei Weitem nicht schafft. Die Gags leiden häufig unter Originalitätswahn und wirken oft aufgesetzt, weil sie mehr auf Klischees als auf Charakteren basieren, auch wenn sie später zu Teilen konterkariert werden: Tante Rivka freut sich am Ende tatsächlich über den KZ-Song, weil ihr noch niemand ein Lied geschrieben hat, möchte allerdings statt des wahrlich haarsträubenden Textes zwischendurch lieber nur „lalala“ hören. Generell fehlt hier lange Zeit im Umgang mit dem Humor und mit dem Personal eine gewisse Eleganz oder wenigstens ein wenig Leichtigkeit. Stattdessen regiert die derbe Plumpheit. Erst im letzten Drittel entwickelt die platte Komödie dann so etwas wie eine versöhnliche Stimmung, in der auch die Gags ein bisschen besser funktionieren.

Fazit: Wer sich darauf gefasst macht, eine Stunde lang mehr oder weniger geschmacklose Witze über sich ergehen zu lassen, wird im letzten Drittel zumindest mit einer versöhnlichen Stimmung entlohnt.

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