Train Dreams
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Train Dreams

Netflix' nächste große Oscar-Hoffnung

Von Lutz Granert

Als Denis H. Johnson 2011 seine Novelle „Train Dreams“ veröffentlichte, folgten etliche Lobeshymnen. Sowohl in der Geschichte eines ebenso einsamen wie wortkargen Mannes als auch in den einfachen und direkten Aussagesätzen erkannten Literaturkritiker*innen den Geist des großen US-amerikanischen Romanciers Ernest Hemingway („Der alte Mann und das Meer“). Einen bleibenden Eindruck hinterließ das 2012 für den renommierten Pulitzer-Preis nominierte Werk auch bei „Jockey“-Regisseur Clint Bentley (oscarnominiert für sein Skript zu „Sing Sing“), der es kurz vor seinem College-Abschluss überwältigt las – und dann alle weiteren (Kurz-)Geschichten und Texte von Johnson regelrecht verschlang.

Diese flammende Leidenschaft für den Stoff nimmt man Bentley, der die literarische Vorlage zusammen mit Greg Kwedar für die große Leinwand adaptierte, sofort ab. Und genau auf eine solche Leinwand gehört das von Kritiker*innen nach seiner Premiere auf dem Sundance-Filmfestival hochgelobte Independent-Drama (satte 97 Prozent positive Wertungen auf RottenTomatoes) hin – weshalb sich Netflix erfreulicherweise auch zu einem (Mini-)Kinostart kurz vor dem Streaming-Release entschied. Enorm bildgewaltig und wunderschön fotografiert läuft der Australier Joel Edgerton („The Green Knight“) inmitten eines insgesamt hochkarätigen Cast zu Oscar-würdiger Hochform auf.

Die erträumten Züge aus dem Titel sind nicht nur eine Metapher, sondern spielen in der Handlung tatsächlich eine zentrale Rolle.  Netflix
Die erträumten Züge aus dem Titel sind nicht nur eine Metapher, sondern spielen in der Handlung tatsächlich eine zentrale Rolle.

1917 im ländlichen Idaho: Der Tagelöhner Robert Grainier (Joel Edgerton) lernt bei einem Besuch in der Stadt Gladys (Felicity Jones) kennen und lieben. Das Paar baut sich ein kleines, abgelegenes Holzhaus am Ufer des Moyie River. Um Gladys und bald auch Töchterchen Kate zu versorgen, reist Robert für einträgliche Jobs als Holzfäller quer durchs Land. Ein paar glückliche Jahre vergehen, bis Robert während eines tobenden Waldbrands zurückkehrt, dem auch seine Hütte zum Opfer gefallen ist – von Gladys und Kate fehlt jede Spur. Seine Trauer lässt den Witwer, der sich auch beruflich neu orientieren muss, über Jahrzehnte nicht los. Nur sein Freund und Ladenbesitzer Ignatius Jack (Nathaniel Arcand) gibt ihm Halt…

Grandiose Bilder

Auf den ersten Blick wirkt der Plot von „Train Dreams“ nicht neu: Schließlich wurde die Lebensgeschichte eines tief regional verwurzelten, trauernden Witwers, der mit seiner Arbeit den Grundstein für einen ihn später überfordernden industriellen Fortschritt legt, etwa schon in dem bewegenden Alpen-Drama „Ein ganzes Leben“ erzählt. Doch Clint Bentley und Greg Kwedar haben auch die weiteren Themen der literarischen Vorlage in ihrer Adaption berücksichtigt: Während der raue Umgang mit chinesischen Gastarbeiter*innen vor allem in einer bedrückenden Mord-Szene ziemlich schnell und beiläufig abgefrühstückt wird, erhalten die geisterhaften Erscheinungen von Gladys und Kate ungleich mehr Raum. Im Zusammenspiel mit den ungemein taktil anmutenden Bildern verleihen sie „Train Dreams“ einen ebenso mystischen wie epischen Anstrich.

Intensive Farbtexturen mit erdigen Tönen und sattem Grün machen die Magie der Wälder und Wildnis plastisch erfahrbar, selbst wenn die Holzfäller als Quasi-Reinkarnation der Cowboys sie auf ihrer von Eisenbahnschienen begleiteten Eroberung des Westens fortwährend zerstören. Bei seiner dynamischen Kameraführung legte Adolpho Veloso großen Wert auf natürliches Licht. Ebenso unermüdlich wie wunderschön filmt er gegen das zarte Rosa des Abendhimmels – wodurch sämtliche Familienszenen vom Spielen am Fluss bis zum Schmieden von Zukunftsplänen natürlich wirken und darüber hinaus ein großes Maß an menschlicher Wärme und Intimität entfalten.

Zumindest gegenüber der Geologin Claire (Kerry Condon) kann sich Robert (Joel Edgerton) nach vielen Jahren des Schweigens doch noch ein Stück weit öffnen. Netflix
Zumindest gegenüber der Geologin Claire (Kerry Condon) kann sich Robert (Joel Edgerton) nach vielen Jahren des Schweigens doch noch ein Stück weit öffnen.

Auch wenn seine zunehmend entwurzelte Figur kaum über ihr verschlossenes Innenleben spricht (was durch einen Voice-Over-Erzähler allerdings aufgefangen wird), agiert Joel Edgerton ebenso stark wie bewegend. Seine bescheidene, vielleicht sogar etwas tumbe Figur legt er zurückhaltend an, wobei kaum Worte, dafür aber umso mehr Tränen der Verzweiflung aus ihm herausbrechen. Es herrscht eine tolle Chemie zwischen Joel Edgerton und Felicity Jones („Der Brutalist“) als ebenso pragmatische wie überlegte Ehefrau und Mutter, die selbstbewusst den Umgang mit der Waffe lernt. Deshalb ist es auch besonders schade, dass sie nach nur wenigen Szenen und bereits nach dem ersten Drittel der Laufzeit fast komplett aus dem Film verschwindet.

Auch die weiteren Nebenrollen sind hochkarätig besetzt: William H. Macy („The Running Man“) steuert als lebenskluger Sprengmeister, der sich bei harter körperlicher Arbeit lieber redselig zurücklehnt, ein willkommenes Maß an Humor bei, während mit Kerry Condon („F1 – Der Film“) als toughe Geologin und Mitarbeiterin der Forstbehörde spät eine Vertrauensperson von Robert eingeführt wird, der er sein Herz öffnet. Doch auch sie bleibt ebenso wie Roberts späte Ausflüge in ein Theater oder auf einen Flugplatz nur eine Randnotiz in einer Lebensgeschichte, die zuweilen dazu tendiert, einige Handlungsfäden zu viel aufzumachen.

Fazit: Auch wenn einige Subplots weitgehend versanden, ist „Train Dreams“ ein ebenso schwermütiges wie bewegendes und stark gespieltes Drama, das einen mit seinen absolut Oscar-würdigen Bildern die Magie alter Nadelwälder fast schon körperlich erfahren lässt.

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