Wenn du Angst hast, nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Wenn du Angst hast, nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst

Die noch viel bessere Version eines Oscar-Gewinners!

Von Sidney Schering

Vor elf Jahren erzählte die französische Komödie „Verstehen Sie die Béliers?“ von der hörenden Tochter gehörloser Eltern und ihrem Balanceakt, ihre Familie zu unterstützen und sich im selben Moment von ihr Abzunabeln. 2021 startete mit „CODA“ ein US-Remake dieser Coming-Of-Age-Geschichte, das sogar mit dem Oscar für den Besten Film ausgezeichnet wurde. Jetzt feiert im Rahmen der Berlinale das Langfilmdebüt der österreichischen Filmschaffenden Marie Luise Lehner Premiere – und das lässt sich durchaus als subtileres, nuancierteres Pendant zu den beiden Wohlfühlfilmen beschreiben. Auch „Wenn du Angst hast, nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst“ dreht sich um die hörende Tochter einer gehörlosen Mutter, dem Drang nach Eigenständigkeit und der Sehnsucht, weiter zusammenzuhalten.

Lehners Originalfilm erzählt seine Geschichte aus einer großen Wiener Wohnanlage heraus und handelt zudem von gesellschaftlichen Stände-Strukturen sowie den vielen, kleinen Unterschieden, die sich gesellschaftlich im Alltag bemerkbar machen. Mit einem besonnenen Tonfall und facettenreichen Figuren, die wie direkt aus dem Leben gegriffen wirken, vermeidet die Filmemacherin konsequent Kitsch und Pathos sowie das Klischee einer herabblickenden Milieustudie: „Wenn du Angst hast, nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst“ ist eine inspirierende Geschichte über gegenseitige Fürsorge, das zeitige Erkennen von Fehlern sowie die Kraft des Verzeihens.

Anna (Siena Popovic) liebt ihr Mutter über alles, auch wenn sie sich manchmal für sie schämt. Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion
Anna (Siena Popovic) liebt ihr Mutter über alles, auch wenn sie sich manchmal für sie schämt.

Anna (Siena Popovic) wechselt von der Mittelschule aufs Gymnasium und fürchtet, dass sie dort nur mit Markenkleidung sozial Anschluss findet. Und obwohl sie ihre gehörlose Mutter Isolde (Mariya Menner) lieb hat, entwickelt die Zwölfjährige Schamgefühle, wenn diese in Kontakt mit ihren Mitschüler*innen gerät. Kurz vor ihrem Geburtstag fängt Anna obendrein an, sich über Zungenküsse und durchtrainierte Hintern Gedanken zu machen.

Daher sorgt die mangelnde Privatsphäre in der kleinen Wohnung für Unmut – zumal Isolde im wortkarg-freundlichen Atila (Markus Schramm) einen neuen Partner gefunden hat, mit dem es schnell ernst wird. Dass nicht genug Geld da ist, um Anna zur schulischen Ski-Freizeit zu schicken, erleichtert diese Übergangsphase auch nicht gerade. Wenigstens findet Anna in ihrer Mitschülerin Mara (Jessica Paar), die allein mit ihrem queeren Vater (Daniel Sea) lebt, eine Verbündete...

Ein genauer Blick für entscheidende Kleinigkeiten

Lehner zieht „Wenn du Angst hast, nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst“ anhand genau beobachteter, lebensnaher Vignetten auf, die sich zu einem stimmigen Gesamtbild ergänzen: Die noch scheue Anna wird von ihrer es gut meinenden Lehrerin gebeten, Gebärdensprache vorzuführen, woraufhin Anna von ihrer neuen Klasse nur ratloses Schweigen erntet. Vor ihrem ersten Turnunterricht an der neuen Schule saugt Anna die Gespräche ihrer Mitschülerinnen auf, die sich über „zu breite Hüften“ unterhalten, zugleich inspiziert sie die Unterschiede zwischen ihrem eigenen Kleidungsstil und dem der Klassen-Wortführerinnen.

Solche wirtschaftlichen Klassenunterschiede lenken Annas Verhalten fortan wie eine unsichtbare Hand. Doch so sehr Anna sich bemüht, ihren Status zu verleugnen, er macht sich immer wieder bemerkbar – am deutlichsten, als ein Ski-Ausflug die Möglichkeit bieten würde, Freundschaften zu schließen, wenn bloß genug Geld vorhanden wäre, um daran teilzunehmen. Obwohl Klassenunterschiede ein entscheidendes Thema in „Wenn du Angst hast, nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst“ darstellen, verzichtet Lehner allerdings darauf, ihren berechtigten Zorn konkret zu verbalisieren. Stattdessen bleibt sie nah an ihren Figuren und vertraut ihrem Publikum, die gezeigten Momente der Scham, des Verstellens und des Ausgeschlossen-Werdens entsprechend einzuordnen.

In ihrer Klassenkameradin Mara (Jessica Paar) findet Anna eine gute Freundin. Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion
In ihrer Klassenkameradin Mara (Jessica Paar) findet Anna eine gute Freundin.

Genauso geht die Regisseurin und Autorin vor, wenn sie sie die Alltags-Tücken einfängt, denen sich Isolde ausgesetzt sieht – beispielsweise, wenn sie Bahntickets erwerben will, aber aufgrund des Schalteraufbaus nicht die Lippen der sie bedienenden Dame lesen kann. Mit ähnlicher aussagekräftiger Beiläufigkeit widmet sich Lehner Annas Pubertät: Zwischen neidvollem Social-Media-Konsum und lässig-altbackenen Autoquartett-Sessions kristallisieren sich durch hormonelle Veränderungen weitere Unterschiede zwischen Anna und ihren Gleichaltrigen heraus. Wie Lehner schildert, hat der Grad der Offenheit, den Anna vermittelt bekommt, unweigerlichen Einfluss auf ihr Selbstwertgefühl und somit ihren eigenen Umgang mit ihren Mitmenschen.

Kein Bedarf für eskalierende Konflikte

Derartige Beobachtungen zahlen konsequent auf das wahre Herzstück des Films ein: Die konkret definierte Mutter-Tochter-Beziehung, die trotzdem universell für Eltern-Kind-Dynamiken inklusive etwaiger, kleiner Tiefs steht. Schließlich sind Missverständnisse, sich wandelnde Bedürfnisse und vor allem das Chaos der Adoleszenz allgemeingültig. Und Lehner versteht es hervorragend, ihre im Umgang miteinander so lebensecht wirkenden Hauptdarstellerinnen so einzusetzen, dass sich das allgemeingültig Wahrhaftige aus ihren spezifischen Gefühlen herauskristallisiert.

Wenn Isolde etwa mit Engelsgeduld auf dem klapprigen Sitz ihres Einkaufs-Trolleys in der Schule hockend auf ihre Tochter wartet, spricht die Unbequemlichkeit, die sie liebevoll in Kauf nimmt, Bände. Dasselbe gilt für den peinlich berührten Blick der sich noch einfügenden Anna, wenn sie ihre Mutter in der Schule erspäht. Jedoch forciert Lehner keinen einseitigen, sich kontinuierlich intensivierenden Konflikt: Momente des zwischenmenschlichen Missmuts fallen flüchtig aus. Statt mahnend mit dem Finger zu zeigen, gesteht sie Anna und Isolde gleichermaßen zu, irgendwie im Recht zu liegen.

Toll: Der Film ist seinen Figuren gegenüber wahnsinnig großzügig

Andere Male mag eine der Beiden mehr Schuld auf sich laden, doch die vom ganzen Herzen kommende Entschuldigung folgt meist rasch. Lehner braucht dank ihrer mit ungekünstelter Ausstrahlung und bodenständiger Ambivalenz gespielten Figuren keine drastische Eskalation: Bei diesem Mutter-Kind-Bund schmerzen bereits prompt entschuldigte Fehltritte, wie etwa ein im Internet abgeguckter Streich. Und die Glücksmomente sind umso befreiender – ganz gleich, ob es zärtlich-beiläufige Gesten sind oder dezente Ausbrüche aus dem Alltag, wie ein von Kamerafrau Simone Hart in heimeligen Farben eingefangener Hallenbad-Besuch, bei dem kurz sämtliche Sorgen verfliegen.

Mit solch einer Ausgewogenheit macht Lehner wundervoll (und beinahe ohne didaktische Monologe) deutlich, dass wir zwar nicht im Alleingang die Strukturen aus der Welt schaffen können, die uns zu trennen drohen. Aber wir haben es alle in der Hand, Scham und Vorurteile abzustreifen, um empathischer, fürsorglicher und solidarischer miteinander umzugehen.

Fazit: Marie Luise Lehners Langfilmdebüt „Wenn du Angst hast, nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst“ ist eine wunderschön-unaufgeregt erzählte Mutter-Tochter- und Pubertätsgeschichte mit lebensnahen Figuren, die mit inspirierender Selbstverständlichkeit vorführt, wie wir leichter zueinander finden können.

Wir haben „Wenn du Angst hast, nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er in der Sektion Forum gezeigt wurde.

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