Night Always Comes
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Night Always Comes

Die Wohnungsnot in den USA als packender Thriller

Von Lutz Granert

Vanessa Kirby erlebt durch ihre Zugehörigkeit zum MCU gerade einen ordentlichen Karriereschub. Schließlich sind ihr nach ihrem aktuellen Kino-Auftritt in „The Fantastic Four: First Steps“ als Sue Storm alias Invisible Woman weitere Auftritte in zwei geplanten „Avengers“-Teilen sicher. Dabei hat die Britin in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass sie auch eine durchaus vielseitige Charakterdarstellerin ist. Neben ihrer Rolle als Joséphine de Beauharnais in „Napoleon“, in dem sie Joaquin Phoenix Paroli bot, beeindruckte sie vor allem mit ihrer kraftvollen Darstellung in „Pieces Of A Woman“, wobei sie sich vor allem durch ihr authentisches Spiel in einer 23-minütigen (!) Geburtsszene eine Oscar-Nominierung erspielte.

Auch „Night Always Comes“ von Regisseur Benjamin Caron (mit dem sie bereit bei mehreren Folgen von „The Crown“ zusammenarbeitete) profitiert enorm von Kirbys starker Performance. Dabei geht das mit einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik angereicherte, äußerst grimmige und mit Jennifer Jason Leigh („The Hateful 8“) sowie „Hostel“-Regisseur Eli Roth in Nebenrollen prominent besetzte Netflix-Thrillerdrama immer wieder andere Wege als erwartet.

Wird es Lynette (Vanessa Kirby) gelingen, innerhalb von kürzester Zeit 25.000 Dollar aufzutreiben und ihre Familie damit vor der drohenden Obdachlosigkeit zu retten? Netflix
Wird es Lynette (Vanessa Kirby) gelingen, innerhalb von kürzester Zeit 25.000 Dollar aufzutreiben und ihre Familie damit vor der drohenden Obdachlosigkeit zu retten?

Ihr Vermieter will sich aus dem Immobiliengeschäft zurückziehen, also macht er der strebsamen Lynette (Vanessa Kirby) ein sehr gutes Angebot: Für nur 25.000 US-Dollar kann sie das etwas heruntergekommene Haus kaufen, in dem sie zusammen mit ihrem geistig behinderten Bruder Kenny (Zack Gottsagen) und ihrer in den Tag hinein lebenden Mutter Doreen (Jennifer Jason Leigh) wohnt. Doch da Doreen die lange zusammengekratzten Ersparnisse am Stichtag für den Kaufvertrag lieber für ein neues Auto verjubelt, droht dem Trio nun die Zwangsräumung – wenn es Lynette nicht irgendwie gelingt, die Summe über Nacht aufzutreiben…

Die Prämisse von „Night Always Comes“ mit ordentlich Zeitdruck bei der Geldbeschaffung klingt nun wahrlich nicht originell – und die wiederholt eingeblendeten Uhrzeiten als Spannung treibendes Stilmittel hat man bei vergleichbaren Filmen auch schon häufiger gesehen. Tatsächlich unterläuft „Night Always Comes“ aber genau beim Fortgang des Plots erfrischend die Erwartungshaltungen: Lynette rennt eben nicht bewaffnet und maskiert in die nächste Bank, sondern klappert ihren Freundes-, Bekannten- und Kundenkreis nach Bargeld ab. Ihre langen und atmosphärisch dicht gefilmten Autofahrten durch verschiedene Viertel von Portland, Oregon führen nicht nur an prekären Wohnverhältnissen auf der Straße vorbei (die USA verzeichneten durch stark gestiegene Mieten in den Großstädten bei weitgehend stagnierenden Einkommen im Jahr 2024 Rekordzahlen an Obdachlosigkeit), sondern zunehmend auch in Lynettes eigene, schmerzhaften Vergangenheit.

Vanessa Kirbys Performance trägt den Film

Nach einer Verfolgungsjagd mit aggressiven Kriminellen (inklusive einer kleinen, technisch anspruchsvollen Plansequenz ohne Schnitt) klopft sie etwa zum Verhökern von Koks an die Tür von Tommy (Michael Kelly). Der ist zwar aktuell Besitzer eines Trödelladens, hat jedoch als Zuhälter den Körper der damals 16-jährigen Lynette verkauft. Das hat die schnell aufbrausende Frau bis heute geprägt – weshalb es dann umso merkwürdiger ist, dass Regisseur Caron erst auf der Zielgeraden kurze Rückblenden aus dieser erhellenden Lebensepisode der oft als aufbrausend beschriebenen Lynette auspackt, deren Vergangenheit lange Zeit in vagen Andeutungen verbleibt.

Die nahezu in jeder Einstellung äußerst präsente Vanessa Kirby verleiht ihrer rastlosen, angespannten und zerbrechlichen Figur zutiefst menschliche Züge – was auch an einer beweglichen, regelrecht an ihr klebenden Kamera liegt, die große Nahbarkeit suggeriert. Immer wieder schluckt sie ihre schiere Verzweiflung herunter, bewahrt auch bei gänzlich empathiebefreiten Gesprächsverläufen sichtlich mit sich ringend ihre Contenance – etwa dann, wenn sie weder bei einem nur auf Spaß bedachten Escort-Stammkunden noch bei einer lediglich mit perfektem Styling beschäftigten Kollegin ein offenes Ohr für ihre Sorgen findet.

Netflix
"The Hateful 8"-Star Jennifer Jason Leigh bekommt als Lynettes zwischen Lethargie und Sprunghaftigkeit in den Tag hineinlebende Mutter etwas zu wenig Raum.

Während Eli Roth als schmieriger Fiesling eine passable Vorstellung abgibt, kommt Jennifer Jason Leigh in ihren wenigen Szenen einfach zu kurz, um der lethargisch-sprunghaften Mutterrolle, die etwa vollkommen euphorisiert und schräg bei einer „Mazda Madness“-Werbeaktion zuschlägt, wirkliche Konturen zu verleihen. Das trifft auch auf die anfänglich als Voice-Over eingespielten Nachrichten zum angespannten Wohnungsmarkt in den USA zu, die zwar die ultrabrenzlige Situation von Lynette mit ihrer drohenden Obdachlosigkeit untermauern, aber irgendwann einfach keine wirkliche Rolle mehr spielen.

Fazit: Als äußerst geerdetes Thrillerdrama kommt „Night Always Comes“ ohne großes Actionbrimborium aus und überzeugt mit einer spielfreudigen Vanessa Kirby. Das ist erfrischend, funktioniert erstaunlich gut – und lässt darüber hinwegsehen, dass der gesellschaftskritische Hintergrund nur angedeutet bleibt.

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