The Colors Within
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
The Colors Within

Zarte Pastelle statt großer Emotionen

Von Ulf Lepelmeier

Naoko Yamada gehört zu den einfühlsamsten Stimmen des japanischen Animationsfilms. Ihre Werke kreisen meist um introvertierte Jugendliche, deren Gefühlswelten sich nur zögerlich offenbaren. In „A Silent Voice“ thematisierte sie etwa Mobbing, Schuld und soziale Ausgrenzung auf intensive Weise. In „Liz und der blaue Vogel“ wiederum erzählte sie fast meditativ von der sehnsuchtsvoll-ambivalenten Freundschaft zweier Mädchen. „The Colors Within“, ihre erste Kinofilmproduktion mit dem Studio Science Saru („Inu-Oh“), ist nun ein leiser Coming-of-Age-Film über drei Jugendliche, die zusammen eine Band gründen und zu Freunden werden.

Erneut arbeitete die Regisseurin dafür mit der Drehbuchautorin Reiko Yoshida zusammen. Dabei basiert die Geschichte erstmals nicht auf einem existierenden Manga oder Roman, sondern auf einer Originalidee. Trotz dieser neuen kreativen Freiheit wirkt „The Colors Within“ vertraut: Themen wie Einsamkeit, Selbstzweifel, unausgesprochene Gefühle und der Rückzug in Musik als Schutzraum bestimmen auch diesen Film. Doch während in früheren Werken der Regisseurin mit emotionalem Nachdruck schmerzhafte Konflikte aufgriffen wurden, hat sich „The Colors Within“ der Leichtigkeit verschrieben. Unaufgeregt und grundpositiv werden die Probleme der Figuren eher angedeutet, statt ausformuliert. So wirken mitunter nicht nur die herbstlichen Pastelltöne weichgezeichnet.

Als Totsuko ihre ehemalige Mitschülerin Kimi mit einer Gitarre entdeckt, entsteht die Idee, gemeinsam eine Band zu gründen. PLAION PICTURES
Als Totsuko ihre ehemalige Mitschülerin Kimi mit einer Gitarre entdeckt, entsteht die Idee, gemeinsam eine Band zu gründen.

Totsuko besucht ein christliches Mädcheninternat und besitzt eine ungewöhnliche Fähigkeit: Sie sieht die Aura anderer Menschen als Farben, vergleichbar mit einer Synästhesie. Doch aus Angst vor Ablehnung behält sie diese Begabung für sich. Als sie der Mitschülerin Kimi begegnet, ist sie von deren strahlenden Farbe direkt fasziniert. Aber kurz darauf verlässt Kimi die Schule und scheint spurlos verschwunden – bis Totsuko sie in einem versteckten Secondhand-Buchladen mit einer Gitarre in der Hand entdeckt. In ihrer Verlegenheit gibt Totsuko vor, sich für ein Klavier-Notenheft zu interessieren – ein Missverständnis, das der zurückhaltende Rui beobachtet. Das Trio kommt ins Gespräch und fasst direkt den Entschluss, eine Band zu gründen. Zwischen den Außenseitern entsteht langsam eine Freundschaft…

Naoko Yamada bleibt sich in „The Colors Within“ formal und thematisch treu, doch erreicht der Film nicht die Stärke seiner Vorgänger. Wie so oft bei der Regisseurin stehen Jugendliche im Zentrum des Geschehens, die mit den Erwartungen ihrer Umgebung und den eigenen Unsicherheiten ringen. Totsuko verbirgt ihre Gabe der Farbwahrnehmung. Kimi hadert nach dem Verlassen der Mädchenschule unterdessen damit, dies ihrer fürsorglichen Großmutter zu offenbaren – und Rui kämpft mit dem Druck, eine medizinische Laufbahn einschlagen zu müssen, um die Inselpraxis seiner Familie weiterzuführen. Alle drei suchen nach einem Ort, an dem sie einfach sie selbst sein dürfen und ihre Freude an Musik ausleben können.

Scheue Gesten

Auffällig ist, dass Yamada diesmal eine kommunikativere Protagonistin gewählt hat: Totsuko ist quirliger und offener als die oft in sich gekehrten Heldinnen ihrer vorherigen Werke. Dennoch bleibt die Sprachlosigkeit ein zentrales Motiv, etwa wenn es um die Beziehung zwischen Totsuko und Kimi geht. Dass es sich hier möglicherweise um erste romantische Gefühle handelt, wird nur angedeutet und bewusst nicht ausformuliert. Es bleibt bei Blicken und kleinen Gesten der Nähe. Die queere Kodierung ist spürbar, aber wie so oft bei Yamada dezent, fast scheu.

Visuell ist „The Colors Within“ eine konsequente Fortführung von Yamadas Stil. So setzt der Film auf zarte Pastelltöne, bei denen Figuren und Hintergründe schon einmal kurz vorm Verschmelzen stehen. Das passt gut zu einem Animationsfilm der leisen Töne, in dem die jugendlichen Figuren vorsichtige erste Schritte in ein selbstbestimmtes Leben wagen. Ein Aquarell-artiger Look dominiert insbesondere in jenen Szenen, in denen Totsuko die Farben anderer Menschen sieht. Diese visuelle Umsetzung der Synästhesie verleiht dem Film eine poetische Qualität, auch wenn die Fähigkeit selbst im Verlauf der Geschichte zunehmend in den Hintergrund tritt. Die Farbensymbolik ist eher ästhetischer Ausdruck als narrativer Antrieb.

Totsuko kann die Auren anderer Menschen als Farben sehen. Kein Wunder also, dass „The Colors Within“ seinem Titel auch visuell alle Ehre macht. PLAION PICTURES
Totsuko kann die Auren anderer Menschen als Farben sehen. Kein Wunder also, dass „The Colors Within“ seinem Titel auch visuell alle Ehre macht.

Auch die Musik bleibt in ihrer Wirkung überraschend zurückhaltend. Wie sich die drei Jugendlichen beim heimlichen Proben annähern und ihre Schüchternheit überwinden, wird einfühlsam eingefangen, doch der kreative Prozess des Komponierens und gemeinsamen Musizierens wird eher angedeutet als vertieft. Die Elektro-Pop-Band fungiert weniger als erzählerisches Zentrum, sondern vielmehr als symbolischer Ausdruck von Zusammenhalt und jugendlicher Selbstfindung. Dass die Regisseurin selbst angibt, dass sie mit dem Film ihren Traum, eine eigene Band zu gründen, ausleben wollte, erklärt die liebevolle und mitunter idealisierte Darstellung der Musikgruppe. Indem tiefere Konflikte und Sehnsüchte der Jugendlichen nur angedeutet werden, bewahrt die Erzählung eine wohltuende Leichtigkeit, bleibt jedoch auch zurückhaltend in ihrer emotionalen Tiefe.

Auch wenn das präzise Beobachten von Gesten, Körperhaltungen, Schweigen auch bei „The Colors within“ zum Tragen kommt, wirken die zwischenmenschlichen Dynamiken oftmals zu glatt, zu vorsichtig. Die Konflikte werden nicht durchlebt, sondern eher umkreist. Vor allem Rui bleibt eine Randfigur – seine Probleme werden nur gestreift. Gerade weil sich der Film fast vollständig von dramatischen Zuspitzungen fernhält, wirkt er emotional gedämpft. Es fehlt der Schmerz von „A Silent Voice“, die obsessive Bindung von „Liz und der blaue Vogel“. Stattdessen bleibt ein inhaltlich wie visuell pastellfarbenes Animationswerk, das voller Wärme und Leichtigkeit von drei Jugendlichen erzählt, ohne dunklere Farben zuzulassen.

Fazit: „The Colors Within“ ist visuell bezaubernd, bleibt inhaltlich aber überraschend weichgezeichnet. Yamada verzichtet auf dramatische Entwicklungen und umschifft emotionale Problemfelder, was den Film leichtfüßig, aber auch etwas belanglos wirken lässt.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren