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    La Boum - Die Fete
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    La Boum - Die Fete

    Vom Herbeiträumen einer Wirklichkeit

    Von Jochen Werner
    Wenn man „La Boum – Die Fete“ in der eigenen Kindheit oder Jugend gesehen hat, dann wird man speziell eine Szene vermutlich nie wieder vergessen. Auf der titelgebenden Fete, inmitten von Stimmengewirr und im Hintergrund dudelnder Musik, zwischen mehr oder weniger schüchternen Annäherungsversuchen zwischen noch etwas unbeholfen cool spielenden Gerade-erst-Teenagern, schleicht sich Mathieu (Alexandre Sterling) von hinten an Vic (Sophie Marceau) heran und setzt ihr die Kopfhörer seines Walkmans auf.

    Von einem Augenblick auf den anderen setzen alle Umgebungsgeräusche aus, ein anderer Song beginnt zu spielen. „Dreams are my reality“, meine Wirklichkeit sind die Träume, heißt es darin. Wie vom Blitz getroffen dreht sich Vic zu Mathieu um, sinkt zum Engtanz in seine Arme, und von blauen, roten und gelben Discoscheinwerfern beleuchtet beginnt ihre noch unschuldige, von einer Handvoll meist unspektakulärer Hindernisse unterbrochene Romanze.

    Die "Dreams are my reality"-Szene gehört zu Recht zu den legendären romantischen Momenten der Kinogeschichte.


    Das ist ein Moment für die Kinogeschichte. Aber wenn man „La Boum“ heute wiedersieht, ist man ein bisschen überrascht, wieviel Raum auch anderen, erwachseneren Geschichten da eingeräumt wird. Eigentlich ist Claude Pinoteaus Film eine Familiengeschichte – und der unwiderstehliche Reiz, den er seit mehr als 40 Jahren auf Teenager*innen aller Generationen ausübt, mag auch darin begründet liegen, dass er Vics adoleszente Irrungen und Wirrungen ebenso ernst nimmt wie die amourösen Konflikte ihrer Eltern, dem Zahnarzt François (Claude Brasseur) und der Cartoonistin Françoise (Brigitte Fossey).

    Die gelangen an die Oberfläche, als François von einer alten Affäre, der Parfümeurin Vanessa (Dominique Lavanant), zu einem letzten Treffen erpresst wird. Die gekränkte Geliebte gibt sich bei einem Telefonat mit Françoise als Krankenschwester aus und bringt François in die Bredouille, indem sie der Rivalin von einem vermeintlich gebrochenen Bein ihres Gatten erzählt. Dieser begibt sich zunächst auf klassisches Komödienterrain, indem er sich ein gesundes Bein eingipsen lässt, um Françoise zur Vertuschung des eigenen Seitensprungs eine entsprechende Charade vorzuspielen, entschließt sich dann aber doch, reinen Tisch zu machen, was zu einer vorläufigen Trennung führt…

    „La Boum - Die Fete“ ist am 7. Juni 2022 im Rahmen der „Best Of Cinema“-Reihe nochmal für einen Tag in den deutschen Kinos zu sehen. Spielzeiten und weitere Infos findet ihr auf der auf der „Best of Cinema“-Website.

    Das Herz des Films


    An diesem narrativen Kipppunkt wird deutlich, was „La Boum“ nicht sein will. Hätte Pinoteau seinen Film etwas eindeutiger als Komödie inszenieren wollen, hätte er hier massig Potenzial für klassische Täuschungsmanöver und Missverständnisse bis hin zur finalen Eskalation und schlussendlichen Versöhnung vorgefunden. Diesen Weg geht er aber gerade nicht, und das ist tatsächlich wichtig, will man das Herz von „La Boum“ treffend erfassen.

    Stattdessen deutet Pinoteau das Slapstick-Potenzial des Handlungsstrangs für eine Handvoll kurze Minuten lediglich an, nur um seine Protagonist*innen dann weiterhin komplexe, widersprüchliche, echte Menschen statt Rädchen im Getriebe einer komödiantischen Eskalationsdramaturgie sein zu lassen. Menschen, die einander verletzen, die trauern und wütend sind und die dann, mit mal mehr und mal weniger Erfolg, versuchen, sich wieder zusammenzuraufen.

    Für einen Teenie-Film sind auch die Elternfiguren in "La Boum" extrem gut ausgearbeitet.


    Auch Vics Handlungsstrang verfügt über einen solchen potenziellen Kipppunkt in Richtung einer reinen Komödie. Gemeinsam mit ihrer Urgroßmutter, der als exaltierter Gegenpol zu den eher bourgeoisen Eltern gezeichneten Harfenistin Poupette (Denise Grey), reist Vic da Mathieu in die Sommerferien hinterher und verstrickt sich zur Begründung der eigenen Anwesenheit in ein abenteuerliches Lügengebilde. Auch hier bietet sich wieder ein reiches Repertoire klassischer komödiantischer Verstrickungen an, aus dem die damaligen deutschen Komödienhandwerker wie ein Franz Josef Gottlieb sicherlich gleich einen ganzen Film mit Chris Roberts, Ilja Richter oder Roy Black gestrickt hätten. Pinoteau aber lässt all das bewusst ungenutzt und inszeniert diese Episode auf einen durchaus intimen Moment in einem Bootsschuppen und ein geradezu demonstrativ unspektakuläres Auffliegen der Lügengeschichte hin.

    All das heißt natürlich nicht, dass „La Boum“ kein lustiger Film wäre. Das Etikett „Teenagerkomödie“ passt ihm trotzdem vortrefflich – und als solche ist er ja auch in die Kinogeschichte eingegangen und wird bis heute erinnert, geschaut und geliebt. Der Humor und der generelle Tonfall sind aber anders, leiser, als man das von fast allen anderen Klassikern des Genres kennt – eine Strategie, die auch der wohl legendärste aller Teenagerfilmregisseure, John Hughes („Das darf man nur als Erwachsener“), erst ein halbes Jahrzehnt später für das Hollywoodkino zumindest ansatzweise übernahm.

    Träume und Wirklichkeit


    Dieser zurückgenommenere Ansatz mag einerseits daran liegen, dass Vic einige Jahre jünger ist als die Protagonist*innen der grelleren, sexualisierteren Teenagerfilme der späten 70er und frühen 80er Jahre – zur selben Zeit lief ja etwa Boaz Davidsons auch angesichts der zahlreichen Sequels bis heute sträflich unterbewerteter „Eis am Stiel“ überaus erfolgreich in den Kinos. Die von Sophie Marceau in ihrem Kinodebüt bezaubernd verkörperte Vic aber ist erst 13, fast noch, aber nicht mehr ganz ein Kind. Sex ist ein Thema in den Gesprächen auf dem Schulhof oder den Partys, aber scheint eher noch etwas Ungreifbares, Entferntes, aber näher Rückendes, von dem man einander erzählt, das man aber noch nicht so recht einschätzen kann. Es ist aber auch eine ästhetische Entscheidung von Claude Pinoteau, der die Wirklichkeit, anders als im Titelsong behauptet, absolut gleichrangig neben die Teenagerträume stellt.

    Wahrscheinlich liegt gerade darin auch die Zeitlosigkeit von „La Boum“ begründet, der stilistisch zwar eindeutig in einer historisch konkreten Zeit verankert ist, aber doch weit über die daraus entstehende nostalgische Aufladung hinaus bis heute ein beträchtliches Publikum auch emotional berührt. Die ganze Zeit über hat man das Gefühl, hier echten Menschen zuzuschauen, die, egal wie alt sie sind, mit ihren jeweiligen Mitteln versuchen, ihren unterschiedlichen und jeweils eigenen emotionalen Konflikten beizukommen.

    "La Boum" lässt eine den Herzschmerz noch einmal so erfahren, wie man ihn sonst nur als Teenager*in spürt.


    Jeder schlägt sich hier mit seinen eigenen Problemen herum, und auch wenn es mitunter schwerfällt, versuchen eigentlich alle einander zu verstehen, ernst zu nehmen und zu unterstützen, auch über Generationengrenzen hinweg. Darin liegt auch ein zutiefst humanistisches Moment, das das Ende dieses wunderbaren Films nur umso bittersüßer färbt. Wie ein Schmetterling flattert da die Verliebtheit, die „La Boum“ zuvor fast zwei Stunden lang als die wichtigste Sache der Welt behandelt hat, von einer Schulter auf die nächste, im Verlaufe ein und desselben Tanzes. Das hat etwas Leichtes, Verspieltes, Schwereloses, aber es steht auch für die nicht immer schmerzfreien Wahrheiten des Erwachsenwerdens und schlägt vielleicht auch bereits eine erste Brücke zu den desillusionierten Liebeskonflikten der älteren Generation.

    Träume, so deklamiert der Soundtrack immer wieder, mögen Vic noch wahrer als die Wirklichkeit erscheinen. Sie mag auch noch versuchen, in diesen Träumen zu leben. Aber die Realität und die Mühsal ihres alltäglichen zwischenmenschlichen Kampfes, der es gleichwohl wert ist, ausgetragen zu werden, werden auch sie einholen. Gleichwohl, wir sehen sie durch Liebe, Verständnis und Solidarität so gut dafür gerüstet, wie man es eben überhaupt sein kann angesichts dieser alle Generationen verbindenden Lebensaufgabe.

    Fazit: Ein ganz wunderbarer Klassiker, manchmal noch leiser und bittersüßer, als man ihn erinnern mag. „La Boum – Die Fete“ hat weit über den Nostalgiefaktor hinaus Bestand und wirkt bis heute ebenso berührend wie wahrhaftig.

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