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    Elizabeth: Das goldene Königreich
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Elizabeth: Das goldene Königreich
    Von Jürgen Armbruster
    Auch wenn der Fortsetzungswahn im internationalen Filmgeschäft mitunter gar böse grassiert, so wurde ein Genre von diesem Unart bislang weitestgehend vorschont: der Historienfilm. Der Grund hierfür liegt auf der Hand. Auch wenn sich die großen Filmproduzenten den schnöden Mammon betreffend, um Sinn und Unsinn zumeist einen feuchten Dreck scheren, so lassen ein Großteil der im Genre produzierten Filme eine Fortsetzung selbst bei sehr viel Phantasie einfach nicht zu. Wenn Reese Witherspoon als Becky Sharp den Jahrmarkt der Eitelkeit überwunden hat (Vanity Fair), Elizabeth und Mr. Darcy endlich zueinander finden (Stolz und Vorurteil) oder Colonel Brandon und Marianne sich das Ja-Wort geben (Sinn und Sinnlichkeit) ist alles, was erzählt werden muss, auch erzählt. Vor diesem Hintergrund ist Shekhar Kapurs Elizabeth aus dem Jahr 1998 eine echte Ausnahme. Hier ist eine Fortsetzung inhaltlich nicht nur ohne weiteres möglich, sie macht sogar Sinn. Denn während sich Kapur im ersten Teil dem Werdegang von Elizabeth I. von der jungen Frau zur Monarchin widmete, steht nun neun Jahre später in „Elizabeth: Das goldene Königreich“ die eigentliche Regentschaft im Mittelpunkt.

    England, 1585: Königin Elizabeth I. (Cate Blanchett) herrscht seit mittlerweile fast 30 Jahren über das englische Königreich. Noch immer wird ihr Land von religiösen Unruhen heimgesucht und noch immer weigert sich Elizabeth standhaft gegen eine politische Ehe mit einem Monarchen vom europäischen Festland. Trotz zahlreicher Avancen hat sie vielmehr insgeheim ein Auge auf den Seefahrer Sir Walter Raleigh (Clive Owen) geworfen. Sie ist fasziniert vom abenteuerlustigen Freidenker, der sein Leben der Erforschung der Neuen Welt verschrieben hat und bereits so viel mehr kennen gelernt hat, als nur das Leben bei Hofe. Doch eine Liaison mit Raleigh ist undenkbar. Somit muss sich Elizabeth damit begnügen, seinen Geschichten zu lauschen und ihre Lieblingszofe Beth (Abbie Cornish) darum zu bitten, mehr über den unangepassten Abenteurer in Erfahrung zu bringen. Unterdessen schmiedet der spanische König Philip II. (Jordi Mollà) Invasionspläne gegen England. Der fanatische Katholik sieht es als seine Berufung an, die Protestantin Elizabeth vom englischen Thron zu stoßen. Ein Vorhaben, das auch Elizabeths Cousine Mary Stuart (Samantha Morton) sehr gelegen kommt. Nur bruchstückhaft erfährt Sir Francis Walsingham (Geoffrey Rush), Elizabeths engster Berater und Vertrauter, von den Intrigen, deren Urheber nach dem Leben der Königin trachten.

    Shekhar Kapurs „Elizabeth“ gehörte zu den positiven Erscheinungen des Kinojahres 1998. Mit sieben Oscar-Nominierungen (gewonnen: Bestes Make-up) und drei Nominierungen für den Golden Globe (gewonnen: Cate Blanchett als beste Schauspielerin in einem Drama) haben wohl selbst die verwegensten Optimisten im Vorfeld der Produktion nicht gerechnet. Losgelöst vom Erfolg seines Regie-Erstlings in englischer Sprache gebührt Kapur vor allem Dank dafür, dass er der Filmwelt das ganze Potenzial der damaligen Nachwuchs-Schauspielerin Cate Blanchett aufzeigte und damit eine Weltkarriere ins Rollen brachte. In der Zwischenzeit wurde es allerdings ruhig um den gebürtigen Inder. Seit 1998 brachte er mit dem zwar gut besetzten und opulent bebilderten, aber im Grunde mittelmäßigen Historien-Epos Die vier Federn nur einen Film zustande und erarbeitete sich einen Ruf als Exzentriker vor dem Herrn. Vielleicht liegt es auch daran, dass die internationale Fachpresse mit „Elizabeth: Das goldene Königreich“ mitunter hart ins Gericht ging. Vorrangig dürfte dies allerdings auf ein ganz anderes Phänomen zurückzuführen sein: „Elizabeth“ war ein guter, bisweilen sogar starker Film. Doch im gleichen Maße, wie der Vorgänger im Überschwang leicht überbewertet wurde, wird nun der Nachfolger unterbewertet. Denn eine würdige Fortsetzung ist Kapur mit dem zweiten „Elizabeth“-Film allemal gelungen.

    Das liegt in erster Linie einmal daran, dass Kapur zumindest teilweise aus den im Vorgänger begangenen Fehlern gelernt hat. Eines der größten Mankos war seinerzeit, dass es seinem Hauptcharakter an einem echten Gegenspieler mangelte. Zwar entpuppte sich der Herzog von Norfolk (Christopher Eccleston) als Drahtzieher hinter der Verschwörung zur Ermordung Elizabeths, doch letztlich war dies zu abstrakt und wenig konkret. Bei „Das goldene Königreich“ wurden Elizabeth nun gleich zwei Widersacher entgegen gestellt: der König von Spanien und Mary Stuart (großartig: Samantha Morton). Und die Rechnung geht auf. Die Gefahren für Elizabeth und deren Regentschaft haben nun ein konkretes Gesicht. Insbesondere das Mainstream-Publikum dürfte Kapur dies danken. Ein anderes Übel des Vorgängers konnte Kapur indes nicht abstellen: Auch im zweiten Teil sind Mängel in der Dramaturgie unübersehbar. In der ersten Filmhälfte steht das Leben am Hof im Mittelpunkt der Ereignisse. Das ist zwar nett anzusehen und weit davon entfernt langweilig zu werden, der rote Faden ist indes eben auch nicht immer ersichtlich. Und als der Film mit der Invasion seinen vermeintlichen Höhepunkt finden sollte, ist eigentlich genau das Gegenteil der Fall. Die Seeschlachten sind nur mäßig inszeniert und Elizabeths „Kämpft für Euer Land“-Ansprache an ihre Untertanen ist ein Griff in die Mottenkiste.

    Letztlich sind es wieder einmal die schauspielerischen Leistungen und die großartigen Bilder von Kameramann Remi Adefarasin (Match Point, Scoop), die „Das goldene Königreich“ unbedingt sehenswert machen. In den neun Jahren seit „Elizabeth“ hat sich Cate Blanchett (Aviator, Babel, Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels) anerkanntermaßen als eine der besten Darstellerinnen überhaupt fest etabliert. Was sie hier auf die Leinwand bringt, ist alleine schon das Eintrittsgeld wert. Insbesondere in den Szenen, in denen die Emotionen aus der eigentlich unterkühlten und distanzierten Monarchin heraus brechen, drückt einen Blanchett mit ihrem famosen Spiel regelrecht in die Sitze. Joseph Fiennes wurde als Love Interest zumindest ebenwürdig durch Clive Owen (Hautnah, Shoot 'Em Up, Inside Man) ersetzt, der seinem Walter Raleigh eine faszinierende Ausstrahlungskraft verleiht. Abgerundet wird die großartige Besetzung durch den gewohnt souveränen Geoffrey Rush (Fluch der Karibik, München), die bezaubernde Abbie Cornish (Somersault, Candy, Ein gutes Jahr) und die wieder einmal famos aufspielende Samantha Morton (Oscar-nominiert für In America und „Sweet And Lowdown“, Minority Report, Code 46). Stimmig begleitet wird „Elizabeth: Das goldene Königreich“ durch die tolle musikalische Untermalung von Craig Armstrong (Tatsächlich Liebe, Ray) und Bollywood-Veteran A.R. Rahman (Swades).

    Im Grunde sind die Fronten bei „Elizabeth: Das goldene Königreich“ klar verteilt: Shekhar Kapur ist eine würdige Fortsetzung gelungen, die sich um die historische Akkuratheit zeitweilig so sehr schert, wie der Vorgänger, diesem losgelöst davon allerdings auf Augenhöhe begegnen kann. Wer also mit „Elizabeth“ etwas anzufangen wusste, dem sei auch dieser Film empfohlen. Die Kenntnis des ersten Teils oder zumindest der historischen Hintergründe ist jedoch ausdrücklich angeraten.
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