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    Amityville Horror - Eine wahre Geschichte
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Amityville Horror - Eine wahre Geschichte
    Von Carsten Baumgardt
    White Noise”, „Boogeyman”, „Hide And Seek”, „Der Fluch”: Die Liste der Horror-Gurken ist allein schon im Jahr 2005 lang. Und auch „The Ring 2“ hat wahrlich nicht jeden überzeugt. Völlig überraschend durchbricht Debüt-Regisseur Andrew Douglas diese schwarze Serie mit einem lupenreinen Genre-Highlight, das keineswegs zu erwarten war. Sein Remake des Haunted-House-Movies „The Amityville Horror“ glänzt mit einer tadellosen, stilvollen Inszenierung, guten Schauspielern, einer packenden Atmosphäre und jede Menge Thrill. Das von Michael Bay produzierte Update übertrifft das bei Fans und Kritikern umstrittene Original stilistisch.

    November 1975: George (Ryan Reynolds) und Kathy Lutz (Melissa George) wähnen sich am Ziel ihrer Träume. Das junge Ehepaar zieht - mit Kathys drei Kindern Michael (Jimmy Bennett), Billy (Jesse James) und Chelsea (Chloe Moretz) aus erster Ehe - in ein altes Traumhaus in Amityville, Long Island. Sie ahnen aber noch nicht, dass ihnen ein wahrer Albtraum bevor steht. Innerhalb der Familie gibt es kleinere Spannungen, weil Sohn Michael Kathys neuen Mann George noch nicht als Vaterfigur akzeptiert, aber ansonsten verläuft das Familienleben sehr harmonisch. Doch das 1692 erbaute Haus bringt den Lutz’ kein Glück. George verändert sich zusehends. Genauso wie Chelsea beginnt er, Erscheinungen und Visionen zu bekommen, die ihn nach und nach um den Verstand bringen. Die Tatsache, dass exakt ein Jahr zuvor der Vorbesitzer Ronald Defoe (Brendan Donaldson) seine gesamte Familie auf bestialische Art und Weise umbrachte, weil er glaubte, Stimmen hätten ihm dieses befohlen, haben sie bisher ignoriert. Ein Fehler, wie sich herausstellt. Das Haus wird zur tödlichen Falle...

    Basierend auf einer wahren Geschichte: Dieses Prädikat wird von den Verleihen immer sehr gern benutzt, um schon einmal von vornherein einen emotionalen Bezug zum potenziellen Zuschauer herzustellen. Dass ein Horrorfilm auf einem tatsächlichen Ereignis beruht, ist allerdings recht ungewöhnlich. Zumindest die reinen Fakten entsprechen hier der Realität. Was diese ausgelöst haben, bleibt natürlich unklar. Aber Regisseur Andrew Douglas’ „The Amityville Horror“ ist selbstverständlich kein Doku-Drama, sondern ein klassischer Horrorreißer, der sich die Lebensgeschichte von George und Kathy Lutz als Aufhänger nimmt. Popcorn-Papst Michael Bay („The Island“, „Armageddon“, „Pearl Harbor“, „The Rock“), der schon das bei den Fans sehr gut angekommene Remake von „Texas Chainsaw Massacre“ zu einem US-Hit (Einspiel: 80 Millionen Dollar) machte, trat auch hier als Produzent auf. Bays Regiekünste mögen umstritten sein, aber er hat ein Näschen für das jugendliche Publikum und dessen Bedürfnisse.

    Rein formal ist „The Amityville Horror“ tadellos. Die Ausstattung ist stilecht und authentisch den 70er Jahren angepasst und die ausgezeichnete Fotographie von Peter Lyons Collister („Mr. Deeds“, „The Replacement Killers“) sorgt für Atmosphäre, die sich jeweils dem Gemütszustand der Protagonisten anpasst und sehr schön mit Licht- und Schatten-Effekten operiert. Das Drehbuch von Scott Kosar („Texas Chainsaw Massacre“, „The Machinist“), nach dem Roman von Jay Anson, ist grundsolide und stimmig, sodass George und Kathy Lutz als Sympathieträger bestens funktionieren, was für die Gesamtkonstruktion eines Horrorfilms äußerst wichtig ist. Die Dialoge sind sicherlich kein Shakespeare, dafür aber zweckmäßig und keineswegs hölzern. Kosars Skript orientiert sich enger an der literarischen Vorlage als das Original aus dem Jahr 1979.

    Regisseur Andrew Douglas schafft es, die Spannungsschraube kontinuierlich anzuziehen, indem er die Idylle mehr und mehr in einen Albtraum verwandelt. Den Horror und die Gänsehaut, die „The Amityville Horror“ verbreitet, gewinnt der Filmemacher nicht aus permanenten Blutorgien, sondern durch psychologische Effekte – mal abgesehen von der starken, bluttriefenden Eröffnungssequenz. Der Horror spielt sich zumeist im Kopf des Zuschauers ab. Die Visionen und Erscheinungen der Beteiligten sorgen in Verbindung mit der stilvollen Kameraführung für stetes Gruseln. Auch bei der Montage der Szenen leistet Douglas exzellente Arbeit. Exemplarisch dafür steht die packende Sequenz, in der Chelsea Lutz auf Anraten ihrer imaginären Freundin Jodie (fahl: Isabel Conner) einen Kopfsprung vom Dach des Hauses in den Tod ansetzen will. Die Rettungsversuche von George, Mutter und Geschwistern sind beispielhaft elektrisierend inszeniert. Dieses Prinzip, zwei Handlungsorte per schnellem Schnitt und Gegenschnitt zusammenzuführen, kommt dem Film auch im spannenden Finale zugute.

    Den starken Gesamteindruck des 18 Millionen Dollar teuren „The Amityville Horror“ unterstützen die beiden Hauptdarsteller. Ryan Reynolds („Blade: Trinity“, „Ein ungleiches Paar“, „Harold And Kumar“) glänzt mit einer für das Horrorgenre ausgesprochen sensiblen Performance. Seine schleichende innere Wandlung vom liebenden Ehemann und Ersatzvater zum Besessenen („What’s the matter with you people? Wako family!“) transportiert der Kanadier mühelos. Der Mann hat schlicht Charisma. Melissa George („Mulholland Drive“, „Down With Love“, „Alias“) ist als liebevolle und besorgte Mutter eine ebenso gute Wahl. Sehr schön macht die Australierin ihre Zerrissenheit zwischen Zu- und Misstrauen gegenüber ihrem sich verändernden Mann deutlich. Von den Kinderdarstellern gefällt besonders Jimmy Bennett („Der Polarexpress“, „Der Kindergarten Daddy“), der in Konflikt zu dem neuen Gatten seiner Mutter steht. Erwähnung verdient auch der kurze, witzige und markante Gastauftritt von Rachel Nichols („Dumm und dümmerer“, „Es begann im September“), die als schlampenhaftes Kindermädchen mit geringer Halbwertzeit mit fliegenden Fahnen untergeht. Nett ist auch Philip Baker Halls („Magnolia“, „Insider“) vergeblicher Versuch, als Pater einen Exorzismus zu betreiben.

    „The Amityville Horror“ ist Genrekino in Reinkultur. Wer sich nicht für das Horror-Sujet interessiert, sollte diesem Film fern bleiben, da die Regeln des Genres selbstverständlich auch hier in Kraft sind. Für Fans ist Andrew Douglas’ nervenzerrendes Remake allerdings eine Pflichtaufgabe – ein straighter, klassischer, packender Schocker mit null Anspruch, aber viel Atmosphäre. Ein Kopfarbeiter. Was die realen Lutz’ schlussendlich dazu verleitet hat, das Haus 28 Tage nach dem Einzug in der Nacht kopfüber zu verlassen und niemals wieder an den Ort zurückzukehren, bleibt rätselhaft. Wie meinte George noch im Film: „Houses don’t kill people. People kill people.”
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