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    La Vie En Rose
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    La Vie En Rose
    Von Björn Helbig
    Der Eröffnungsfilm der Berlinale hat es traditionell besonders schwer, es Publikum und Kritikern recht zu machen: Snow Cake, Man To Man und Unterwegs nach Cold Mountain – die Filme der vergangenen Jahre sahen sich teils mit harscher Kritik konfrontiert. Auch der diesjährige Eröffnungsfilm der Berlinale 2007 „La Vie En Rose“ von Oliver Dahan, wird es aufgrund seiner Eigenwilligkeit, mit der er sich dem Mythos Edith Piaf nähert, nicht leicht haben, seine Zuschauer uneingeschränkt für sich einzunehmen.

    Edith Piaf wurde unter dem bürgerlichen Namen Edith Giovanna Gassion am 19. Dezember 1915 in Paris geboren. Von ihrer Mutter verlassen, wuchs sie in sehr ärmlichen Verhältnissen bei ihrer Großmutter auf, bis sie 1917 von ihrem Vater Louis zu seiner Mutter in ein Bordell gebracht wurde, wo sie sich von den Hungerjahren erholte. Fünf Jahre später begleitete sie ihren Vater, einen Artisten, zum ersten Mal auf seiner Tournee. Dort begann sie zu singen. Schon als Kind verfügte sie über eine äußerst ausdrucksstarke Stimme. Ihre Jugend verbrachte Piaf auf der Straße und in zwielichtigen Pariser Bars, in denen sie sich durch Singen das Nötigste zum Leben verdiente. In dieser Zeit bekam sie durch den Clubbesitzer Louis Leplée auch ihren Künstlernamen: Môme Piaf – kleiner Spatz. Ihre erste Platte nahm sie im Alter von 20 Jahren auf. Von da an ging es zumindest finanziell steil bergauf. Von einem glücklichen Leben konnte aber keine Rede sein. Die alkoholabhängige Edith Piaf verlor ihre Tochter, die genau wie sie selbst als Kind an Hirnhautentzündung erkrankte; ihre große Liebe, der Boxer Marcel Cerdan, starb bei einem Flugzeugabsturz; und bei einem schweren Autounfall kam sie beinahe selbst ums Leben. Und schließlich wurde bei der nur 35-Jährigen unheilbarer Krebs diagnostiziert. Viele der folgenden Auftritte, die sie sich nicht nehmen ließ, konnte sie nur unter der Einwirkung von Morphium durchstehen. Edith Piaf starb im Alter von nur 47 Jahren.

    „Du spielst mit deinem Leben, Edith“ – „Mit irgendwas muss man doch spielen.“

    Anstatt das Leben von Edith Piaf chronologisch zu inszenieren, greift Regisseur Oliver Dahan (Die purpurnen Flüsse 2) immer wieder voraus und zeigt die an ihre körperlichen Grenzen gelangte Sängerin. Nach der dichten Anfangssequenz, die Ediths Kindheit, ihre Beziehungen zu ihrem Vater (Jean-Paul Rouve, „Tanguy“), ihr Heranwachsen im Bordell und ihre Freundschaft zu einer Dirne (Emmanuelle Seigner, „Die neun Pforten“, „Bitter Moon“) zeigt, geht es in der Zeit ihrer Jugend schon viel fragmentarischer zu. Im weiteren Verlauf häufen sich die Zeitsprünge. Wie im Rausch zieht das Leben an Edith Piaf vorbei, ihre Gönner, ihre Liebhaber, Freunde – manchmal sind sie schneller wieder verschwunden, als der Zuschauer sie überhaupt zur Kenntnis nehmen konnte. Berühmtheiten wie Gérard Depardieu (Paris, Je T´Aime , Wie sehr liebst du mich) tauchen im Film nebenbei auf (und wieder ab) wie z.B. die in Deutschland eher unbekannten Darsteller Catherine Allégret und Marc Barbé. Großartig auch: Pauline Burlet als junge Edith.

    Alle Schauspieler, bis in die kleinsten Nebenrollen, machen ihre Sache mindestens gut, auch wenn sie nicht mehr sind als Momente im Leben der Protagonistin, die das starke, unhintergehbare Zentrum des Films bildet: Denn während bei den Nebenfiguren zuweilen ein ziemliches Durcheinander herrscht, ist Marion Cotillard (Liebe mich, wenn du dich traust, Ein gutes Jahr) in ihrer Darstellung der Edith Piaf unglaublich stark und fokussiert. Cotillards Spiel ist auch dem sehr überzeugenden Werk der Maskenbildnerin zu verdanken, die aus allen Altersstadien der Sängerin das Optimum herausholt. Mit einer beinahe unbeholfenen Weise, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, Schüchternheit, gekoppelt mit einer gehörigen Portion Derbheit, trägt Cotillard ihre Version der Sängerin vor und ist damit zu jeder Zeit ein Blickmagnet, der fesselt, aber auch von dem Drumherum ablenkt. Letzters erweist sich als positiv, denn die anderen Charaktere verschwinden ebenso schnell wie sie aufgetaucht sind, ohne dass dem Zuschauer Informationen über deren Hintergrund und deren Bedeutung für das Leben der Sängerin gegeben werden. Der nicht Sachkundige wird nach diesem Film nur einen sehr speziellen Blick auf die Piaf erlangt haben. Derjenige hingegen, der seine Piaf-Hausaufgaben gemacht hat, wird viele Ereignisse zu wenig oder gar nicht beleuchtet finden.

    Doch die gelungene Verfilmung eines Lebens wie das von Edith Piaf hängt nicht in erster Linie an Vollständigkeit. Faszinierender ist es zu sehen, wie eine Person und die Atmosphäre einer Zeit zum Leben erweckt wird. Und hier liegt die große Stärke des Films. Marion Cotillards Performance der Legende überzeugt in gleicher Weise wie zuletzt Jamie Foxx in Taylor Hackfords Ray oder auch Joaquin Phoenix in James Mangolds Walk The Line – ja, sie überragt diese bisweilen. In seinen zahlreichen charakterstarken Momenten verzaubert der Film den Zuschauer wie auch die eingespielten Chansons „La vie en rose“, „Milord“, „Hymn to Love“ oder auch das wunderbare „Non, je ne regrette rien“. Auch wenn „La Vie En Rose“ aus genannten Gründen und einigen kleineren Längen, die sich in seine 140 Minuten einschleichen, vom Gesamteindruck nicht ganz an diese starken Konkurrenten heranreicht – verstecken muss sich der wahrscheinlich eigenwilligste Vertreter dieses Trios nicht. Wer auf eine Geschichtslektion über die Piaf gehofft hat, wird möglicherweise nach der Vorstellung frustriert nach Hause gehen. Wer es aber schafft, sich auf Dahans Zugang einzulassen und sich an Marion Cotillards Darstellung zu berauschen, wird vielleicht mehr von der Sängerin mitnehmen, als der, der auf ein eine Lehrstunde gehofft hat.
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