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    Edelweißpiraten
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Edelweißpiraten
    Von Deike Stagge
    Seit Filmen wie Der Untergang und Sophie Scholl - Die letzten Tage sind der Zweite Weltkrieg und der Widerstand zum Nazi-Regime wieder Themen im deutschen Kino. Mit „Edelweißpiraten“ beleuchtet Niko von Glasow jetzt eine etwas weniger bekannte Gruppierung im Widerstand gegen das Dritte Reich.

    Die Geschichte selbst basiert auf den realen Erfahrungen und dem Leben des Kölner Edelweißpiraten Jean Jülich, der ein Bekannter der Steinbrück-Gruppe und mit einigen der filmischen Protagonisten befreundet war. Er stand dem Team als Berater für Drehbuch und Regie zur Verfügung und übernahm auch die Rolle des Off-Erzählers, der das Publikum über die Edelweißpiraten aufklärt. Interessant an der Gruppe ist, dass sie eigentlich zunächst gänzlich politisch unmotiviert war; die Jugendlichen verband eine gemeinsame Abneigung gegen die Nazis mitsamt ihrer militärischen Lebensart und der Drang nach Freiheit und Rebellion. Ein Aufnäher mit einem Edelweiß auf der Jacke war das öffentliche Kennzeichen der Kids.

    Auch Karl (Iwan Stebunov) hat sich den Edelweißpiraten angeschlossen. Sein Vater ist an der Ostfront, der kleine Bruder Peter (Simon Taal) in der HJ und daher überhaupt nicht empfänglich für Karls Rebellion gegen das System. Der große Bruder Otto ist bereits gefallen und hinterlässt Cilly (Anna Thalbach) sowie zwei kleine, uneheliche Kinder. Eines Tages stoßen Karl und ein paar seiner Freunde in einem zerstörten Haus auf den KZ-Flüchtling Hans Steinbrück (Bela B. Felsenheimer), genannt „Bombenhans“. Kurzerhand verstecken sie ihn bei Cilly, die sehr zu Karls Missfallen bald eine Affäre mit dem überzeugten Widerstandskämpfer eingeht. Doch nicht nur Cilly versteht sich blendend mit Hans, auch die anderen Edelweißpiraten lassen sich von ihm zu Sabotageakten gegen das NS-Regime inspirieren. Nach dem Tod von Karls Vater heftet sich auch Peter an Hans’ Fersen und Karl droht die Kontrolle über seine Familie komplett an den Widerstandskämpfer zu verlieren. Als die Gestapo zum Gegenschlag ausholt und Cilly mit ihren Kindern in die Schusslinie gerät, muss sich Karl zwischen bewaffnetem Kampf und dem Zurücklassen seiner Familie entscheiden.

    Ein Widerstandsdrama mit „Ärzte“-Schlagzeuger Bela B. Felsenheimer in der Hauptrolle klingt für den Zuschauer vielleicht im ersten Moment ziemlich bizarr. Aber der für seinen Humor bekannte Drummer passt beim näheren Hinsehen doch sehr gut in die Figur von Bombenhans Steinbück. Auch wenn man ihn eigentlich lieber in der Rolle des Bösewichts sieht, kann Felsenheimer das Engagement und die Fürsorge für Cilly und die Kinder hervorragend transportieren. Als Gegenpol zu dem erwachsenen Kämpfer macht der bisher unbekannte junge Russe Iwan Stebunov als Karl seine Sache ebenfalls sehr gut, indem er den Konflikt zwischen Abneigung gegen den Rivalen Hans und der Loyalität zu Familie und Freunden eine glaubhafte Form gibt. Die eigentliche Entdeckung ist aber der 1985 geborene Simon Taal als Karls kleiner Bruder Peter, der durch seine herausragende Leinwandpräsenz die fehlende Erfahrung wie selbstverständlich überdeckt und den Übergang vom HJ-Mitglied zum überzeugten Gegner des Regimes klar herausstellt.

    Dennoch ist „Edelweißpiraten“ durch die Anlage der Erzählweise und den Fokus seiner Handlung kein reines Widerstandsportrait, sondern eher ein Familiendrama, welches von den Umweltbedingungen des Zweiten Weltkriegs maßgeblich mitbestimmt wird. Ein sehr großer Teil des Films wird vom Rivalitätskonflikt zwischen Karl und Hans um die Liebe von Cilly und später auch dem jungen Peter eingenommen, der nur am Rande die verschiedenen Ansichten der beiden Kontrahenten um aktiven Widerstand und Schutz der Familie darstellt. Leider nimmt sich das Drehbuch keine Zeit, um die Motivation der einzelnen Edelweißpiraten für ihre Zugehörigkeit zur Gruppe zu erklären. Dadurch wird es dem Publikum wesentlich schwerer gemacht, den Zugang zu den Jugendlichen zu finden, die sich zunächst durch Schlägereien mit der Hitlerjugend, Schießlust und Rumhängen auf den Trümmerfeldern hervortun. Erst langsam wird ihr politisches Potential gezeigt und der Weg zu engagierten Widerständlern vollzogen.

    Die filmische Umsetzung von „Edelweißpiraten“ ist dagegen lückenlos gelungen. Der Regisseur Niko von Glasow („Maries Lied“, „Hochzeitsgäste“) entschied sich über weite Strecken für eine unruhige und durchweg subjektiv wirkende Handkamera, welche sich direkt an den Schauspielern bewegt und benutzte grobkörniges Filmmaterial, wie man es aus Dokumentarfilmen kennt. So entsteht ein unverkennbarer Look der „Edelweißpiraten“, der durch braun-rote Farbstiche die Illusion von Historizität perfektioniert. Auch die Trümmerkulisse des zerbombten Kölns, die in St. Petersburg nachgebaut wurde, zeugt von der Liebe am Detail des Projekts. Allein vom gestalterischen Standpunkt aus ist „Edelweißpiraten“ daher ein sehenswerter Film. Darüber hinaus kann sich das Publikum an der unkonventionellen Zusammenstellung der Schauspieler und der Aufarbeitung eines bisher kaum beachteten Themas der deutschen Geschichte erfreuen.
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