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    Odette Toulemonde
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Odette Toulemonde
    Von Nicole Kühn

    Mit seiner Geschichte „Odette Toulemonde” wagt sich Eric-Emmanuel Schmitt, Autor bittersüßer Geschichten über die zeitlosen Wahrheiten im Leben (Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran), das erste Mal als Regisseur hinter die Filmkamera. Und beschert uns damit eine fabelhafte Komödie, die einem das Herz aufgehen lässt. In anrührender Naivität trifft ein distinguierter Albert Dupontel als Erfolgsautor Balthazar Balsan auf eine wunderbar verschrobene Catherine Frot alias der bescheidenen Allerweltsfrau Odette Toulemonde. Der Not der Bescheidenheit setzt die Dame die Tugend einer federleichten, farbenfrohen Fantasie entgegen und stiehlt sich schwebend in das Herz ihres großen Schwarms.

    Eigentlich hätte sie nicht viel Grund, sich glücklich zu wähnen, die schon namentlich völlig unspektakuläre Odette Toulemonde (zu deutsch: alle Welt) (Catherine Frot). Wie alle anderen Angestellten völlig fehl am Platze steht sie im Kaufhaus ihrer Kleinstadt in der Kosmetikabteilung, das dürftige Gehalt bessert sie durch Heimarbeit für Pariser Theater auf, die kleine Wohnung wird bevölkert von ihrem schwulen Sohn (Fabrice Murgia) und der mürrischen Tochter (Nina Drecq) nebst schmuddeligem Freund (Nicolas Buysse). Doch Odette hat gelernt, im tristen Alltag die bunten Farbtupfer der kleinen Freuden zu entdecken. Das Größte für sie ist, in den Büchern des Bestseller-Autors und Frauenhelden Balthazar Balsan (Albert Dupontel) zu versinken. Welcher Schatz ihm da mit ihrer Fanpost auf den Tisch geflattert ist, bemerkt er erst, als sein neuestes Buch von der Kritik verrissen wird und seine Frau ihn betrügt – mit dem federführenden Literaturkritiker! Voller Selbstmitleid sucht er Unterschlupf bei Odette und entdeckt hinter der Tür ihres bescheidenen Heimes eine Welt ohne Glanz und Glamour, doch voller Wärme und Heiterkeit.

    In seiner ersten Regiearbeit bastelt Erfolgsautor Schmitt mit viel Liebe zum Detail und einem Sinn für eigenwillige Komik einen Kosmos, der den Unzulänglichkeiten des Alltags entrückt zu sein scheint. Nicht, dass es die Unzulänglichkeiten einfach nicht gäbe: Vielmehr schlägt ihnen die Protagonistin Odette mit naiver Fantasie und konsequentem Optimismus ein Schnippchen. Für die Sorgen ihrer Mitmenschen hat sie trotz ihrer unbefriedigenden und vielen Arbeit immer ein Feingespür und versteht es, ohne falsches Mitleid das Richtige zu tun.

    Der autobiografisch angehauchte Stein, der das Geschehen ins Rollen bringt, enthüllt so manche Wahrheit über Sein und Schein. Die Lichtgestalt des umschwärmten Künstlers entpuppt sich als einsamer Mensch, dessen Leben auf Äußerlichkeiten ausgerichtet ist. Dagegen stecken in der unscheinbaren Verkäuferin wahrlich literarische Qualitäten, die sie in einem Brief an ihr Idol unbewusst und damit ohne jede Eitelkeit offenbart. Was die beiden so ungleichen Menschen miteinander verbindet ist, dass beide in einer Scheinwelt leben. Mit dem großen Unterschied allerdings, dass Balthazar an der Begegnung mit der Realität beinahe zerbricht, während Odette mittendrin steht und bei aller Verklärung immer genau weiß, dass das lebensgroße Liebespaar im Sonnenuntergang nur auf ihrer Tapete existiert. Dieses Schweben zwischen Realität und Traum setzt Kameramann Carlo Varini in Bilder um, denen man ihre detaillierte Komposition anmerkt. Die Figuren scheinen sich zuweilen in der Schwerelosigkeit zu bewegen, in der die Koordinaten von Zeit und Raum verschwimmen. So rückt ins Bild, was Rudy seiner Mutter über die Macht bzw. Ohnmacht der eigenen Vorstellungen verrät: Obwohl er erst dachte, auf dünne Männer zu stehen, ist er nun von einem wahren Bären fasziniert. Man muss seine Sinne nur öffnen, um das Schöne auch ganz woanders als erwartet entdecken und die Welt aus neuen Perspektiven wahrnehmen zu können.

    Was der gebildete Mann von Welt sich von einer kleinen Angestellten so alles sagen lassen muss, bietet jede Menge Stoff für Dialoge, die ebenso komisch wie gespickt mit einfachen Wahrheiten sind. Dabei allerdings bewegt sich Schmitt manchmal hart an der Grenze zu eben dem Kitsch, dem er großzügig die Daseinsberechtigung als Kunst für die Kleinen Leute erteilt. Das hat in gewisser Weise System, verlangt aber eine recht hohe Toleranzschwelle in Sachen zuckersüßer Naivität vom Zuschauer. Auch wenn die Lieder immer einen direkten Aussagewert zur aktuellen Befindlichkeit der Figuren haben, tanzt sich Odette allzu oft zu Josephine Bakers quietschiger Stimme durchs Leben. Mit seinen wenigen Worten ist da der allgegenwärtige persönliche Jesus von Madame Toulemonde um einiges angenehmer.

    Dass die Geschichte dennoch trägt und romantische Seelen verzaubert, liegt vor allem an den wunderbaren Darstellern. Hierzulande noch wenig bekannt, gehören Catherine Frot (Das Mädchen, das die Seiten umblättert, „Dinner für Spinner“) und Albert Dupontel (Ein perfekter Platz) in ihrer Heimat Frankreich zu den meistbeschäftigten Darstellern und begeistern hier durch ein Spiel, das die Überladenheit und überdeutliche Symbolik der Dekors durch Präzision und Zurückgenommenheit ausgleicht. Die beiden belgischen Leinwandneulinge Fabrice Murgia und Nina Drecq ergänzen das Paar zu einem runden Ensemble, das die entrückte Erzählweise in unaufdringlicher Weise erdet. Wer gerne in wahrhaft übersinnlicher Romantik schwelgt, der bekommt hier eine große Portion davon und wird aus dem Kinosaal schweben.

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