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    Baadasssss!
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Baadasssss!
    Von Björn Becher

    Es ist eine der Erfolgsgeschichten des Kinos. Der farbige Filmemacher Melvin Van Peebles entschließt sich einen Film zu machen, der Realität und Lebensgefühl der schwarzen Community wiedergibt. Doch jeder hält ihn für verrückt, keiner will ihn finanzieren und darüber hinaus wirft man ihm immer mehr Knüppel zwischen die Beine. Doch Van Peebles hält an seinem Traum fest und schafft es, mit einer Verausgabung bis zum Letzten den Film zu drehen. Als es ihm schließlich auch noch gelingt, das Werk in die Kinos zu bringen, brechen alle Dämme: „Sweet Sweetback's Baadasssss Song“ sorgt für Zuschauerschlangen und wird mit einem US-Einspiel von 15 Millionen Dollar zum bis dato erfolgreichsten Mini-Independentfilm. Mehr als 30 Jahre später zeichnet sein Sohn Mario mit „Baadasssss!“ (Originaltitel: „How To Get The Man's Foot Outta Your Ass”) die Erfolgsgeschichte nach und zeigt in seinem dokumentarisch angehauchten, mit vielen Anekdoten gewürzten Spielfilm den schwierigen Weg seines Vaters.

    Filmemacher Melvin Van Peebles (gespielt von Sohn Mario) ist auf dem besten Wege, ein Regiestar zu werden. Seine Komödie „Ein Mann sieht Schwarz“ wurde gerade abgedreht und sein Agent (Saul Rubinek) sieht die Möglichkeit, ihm einen großen Drei-Filme-Deal mit einem Hollywood-Major zu besorgen. Doch er will etwas anderes machen. Er ist es leid, dass schwarze Darsteller sich in Filmen entweder zum Clown machen müssen oder ihre Dialoge nicht viel mehr als „Yes, Sir“ umfassen. Er peilt einen realistischen Film über Rassismus und Gewalt an. Doch damit kann er unmöglich bei einem Studio landen. So beschließt er, mit dem schrägen Hippie Bill Harris (Rainn Wilson) einen Independentfilm auf die Beine zu stellen. Doch die Probleme werden schnell unüberschaubar. Die Suche nach einem Geldgeber ist schwierig, die von weißen besetzten Gewerkschaften erlauben keinen Film mit größtenteils schwarzer Crew. Um diese auszubooten, gibt er vor, einen Pornofilm zu drehen und baut ein bisschen Sex und schöne Frauenbrüste ein (und etabliert damit nebenbei ein wichtiges Element des laxploitation-Kinos).

    Auch einen Geldgeber findet er schließlich. Doch direkt vor Drehbeginn wird der verhaftet und die Hauptdarstellerin (Joy Bryant) springt wegen der Sexszenen ab. Das Projekt scheint am Ende, bevor es begonnen hat. Doch Van Peebles kämpft weiter. Er verschuldet sich, improvisiert und kämpft. Ohne Rücksicht auf seine Gesundheit, seine Familie und sein Crew treibt er wie besessen den Film voran. Doch mit dessen Fertigstellung sind längst noch nicht alle Probleme bewältigt. Sein Werk bekommt ein X-Rating, die höchste Altersfreigabe, welche jede Werbung unmöglich macht. Kein großer Verleih scheint sich zu finden. Nur ein heruntergekommener Kleinverleiher (Vincent Schiavelli) bietet ihm an, „Sweet Sweetback's Baadasssss Song“ in ganze zwei Kinos zu bringen. Zähneknirschend nimmt Van Peebles an, sucht eines der beiden Kinos, das der jüdischen Brüder Goldberg (Len Lesser in einer Doppelrolle), persönlich auf und überzeugt die Besitzer, seinen Film nicht in einem Triple-Feature, sondern alleine zu zeigen. Er macht Mundpropaganda, kommt auf die geniale Idee, den Soundtrack zu vermarkten und erlebt trotzdem bei der ersten Vorstellung ein Desaster. Doch als man schon die Buchstaben am Kino abmontiert, stehen die Zuschauer plötzlich Schlange und Kinogeschichte wird geschrieben.

    Diese beeindruckende Geschichte rund um die außergewöhnliche Entstehung und den Kampf um eine Filmproduktion zeichnet Mario Van Peebles (New Jack City) in einer gekonnten Mischung aus Dokument, Hommage und dramatischem Spielfilm nach. Äußerlich verfolgt er dabei den Aufbau einer Dokumentation. Sein selbst gesprochener Off-Kommentar der Figur seines Vaters begleitet das Geschehen, die dabei getroffenen Aussagen stammen aus dem Buch „Sweet Sweetback's Baadasssss Song: A Guerilla Filmmaking Manifesto“, welches Melvin Van Peebles schrieb und das die Grundlage für diese Hommage bildet. Unterbrochen werden die Szenen, die den Guerilla-Filmemacher bei seinem verzweifelten Versuch zeigen, sein Projekt auf die Beine zu stellen, immer wieder durch Intervieweinschübe mit beteiligten Personen - wobei nicht die realen Figuren selbst sprechen, sondern ihre Darsteller deren Worte wiedergeben. Nur im Abspann ändert Mario Van Peebles dieses System und lässt zu Photographien der sich über mehrere Häuserblöcke erstreckenden Besucherschlangen vor den Kinos auch die realen Figuren zu Wort kommen, unter ihnen übrigens Komiker Bill Cosby, der „Sweet Sweetback's Baadasssss Song“ kurz vor Ende der Dreharbeiten mit einer Finanzspritze rettete.

    Dass ausgerechnet Sohn Mario den Rückblick auf das Werk seines Vaters macht, gereicht dem ganzen Projekt zum Vorteil. So bekommt man nämlich einen ungemein persönlichen Blick, der sich vor allem auf die Vater-Sohn-Beziehung auswirkt. So klingt durchaus kritisch an, wie Melvin in seinem Fanatismus nicht nur seine Crew, sondern auch seine Kinder schlecht behandelt, den dreizehnjährigen Sohn Mario (Khleo Thomas) sogar in einer nicht-jugendfreien Szene einsetzt und bloßstellt. Dazu geraten natürlich auch ein paar interessante Anekdoten in das Gesamtwerk und da wird dann nicht nur ein Teil der Crew während der Dreharbeiten unschuldig verhaftet (eine Parallele zur Handlung), sondern es rutscht auch mal eine echte Pistole in die Requisitenkiste des Drehs.

    „Sweet Sweetback's Baadasssss Song“ ist ein extrem rauer Film, dessen explosive Story eher trivial ist und dessen Look die begrenzten handwerklichen Fähigkeiten der vielen Amateure am Set, die zahlreichen Improvisationen, die viel zu knapp vorhandene Drehzeit und das minimale Budget natürlich nicht verhehlen kann. Die Hommage „Baadasssss!“ krankt dagegen nicht an dieser Problematik. Mario Van Peebles bekam die Idee, als er für Michael Mann (Collateral, Heat) eine Nebenrolle als Malcom X in Ali spielen sollte. Van Peebles bekam von Mann ein eigenes stattliches Budget für die Recherche über seine Rolle zur Verfügung gestellt und fand dabei heraus, dass sein Vater Malcom X kurz vor dessen Tod interviewte. Das Interview wurde aus mysteriösen Gründen nie ausgestrahlt und als Mario seinem Vater Melvin, der ihm alles aus dem Gespräch erzählte, so gegenüber saß und ihn betrachtete, kam ihm die Idee. Als er sie Michael Mann erzählte, war der sofort Feuer und Flamme und sagte spontan zu, das Projekt zu produzieren. Damit hatte Mario Van Peebles natürlich deutlich bessere Voraussetzungen als sein Vater, die er auch zu nutzen versteht.

    Mit „Baadassss!“ gelingt Mario Van Peebles nicht nur ein dramaturgisch ausgereifter Spielfilm, sondern auch ein hochinteressantes Dokument über die turbulente Entstehung eines der außergewöhnlichsten Werke der Filmgeschichte. Spannender kann ein Blick aufs Filmemachen und das Business kaum ausfallen. Nur ein paar eingefügte surreale Szenen, in denen sich Melvin Van Peebles mit seinem Filmalterego Sweetback unterhält, stören ein wenig.

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