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    Krieg der Dämonen - The Great Yokai War
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Krieg der Dämonen - The Great Yokai War
    Von Björn Becher
    Zu Recht bezeichnete das TIME-Magazin vor einiger Zeit Takashi Miike als einen der zehn interessantesten Filmemacher unserer Zeit. Miike produziert einen Film nach dem anderen, wie wohl kein anderer Regisseur der Gegenwart und wie nur Fassbinder zu seinen besten Zeiten. Dabei stellt sich zuletzt immer stärker heraus, dass Miike zwei Wege beschreitet. Zum einen macht er Filme, die sich dem Zuschauer nicht anbiedern, sondern narrativ ganz speziell und nur schwer zugänglich sind. Bisheriger Höhepunkt in diese Richtung ist wohl „Izo“, der vom Großteil der Fangemeinde eher negativ aufgenommen wurde, sich aber auch in zahlreichen Jahresbestenlisten renommierter Filmkritiker wieder fand. Dann gibt es da noch den zugänglicheren Miike, der mit The Call mal auf der mittlerweile schon recht ausgelutschte Ringu-Schiene fährt und so einen Film abliefert, der schon sehr nahe am Mainstream liegt. Auch diesen Filmen drückt Miike mit seinem unnachahmlichen Inszenierungsstil zwar seinen Stempel auf, doch manchmal wirken sie so, als hätte sie Miike nur zwischendurch schnell heruntergekurbelt. „The Great Yokai War“ gehört sicher zu den Filmen, die man eher Miikes Mainstreamseite zurechnen kann, doch ist dieser Film ein besonderes Werk in Miikes Karriere. Daran ist nicht nur die ungewöhnliche lange Drehzeit für einen Miike-Filme schuld, sondern es ist sein erster Film, der das Label „Kinderfilm“ trägt. Miike ist zwar in allen Genres zu Hause, doch am bekanntesten ist er für eher harte Kost. Filmkritiker und Japanexperte Mark Schilling sagte zum Beispiel über den Umstand, dass Miike einen Kinderfilm inszenieren wird, dass wäre wie wenn Disney David Lynch (Eraserhead, Lost Highway) engagieren würde, damit dieser eine Realversion von „Schneewittchen“ dreht, in welcher Grumpy eine gasförmige Substanz durch eine Gasmaske inhaliert (also in etwas das, was aus Michael Cohns Schneewittchen geworden wäre, wenn ein Könner am Werk gewesen wäre). So bizarr und grotesk ist „The Great Yokai War“ aber dann doch nicht geworden.

    Oberflächlich betrachtet sieht alles erst einmal wie eine der typischen Fantasyfilmgeschichten aus. Nach der Trennung seiner Eltern musste der zwölfjährige Tadashi (Ryunosuke Kamiki) mit seiner Mutter (Kaho Minami) aus der Großstadt Tokyo auf das Land zum senilen Großvater (Bunta Sugawara) ziehen, während seine ältere Schwester (Akiko Narumi) in der Stadt beim Vater (Kanji Tsuda) zurückbleibt. Auf dem Land hat Tadashi die üblichen Probleme kindlicher Hauptdarsteller solcher Filme. Das Stadtkind, dazu noch kleiner als die Mitschüler, wird gehänselt und ist ein Außenseiter ohne Freunde. Doch eines Tages passiert etwas, was sein Leben verändert. Auf einem rituellen Volksfest wird symbolisch der „Kirin Rider“ gewählt, ein Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit. Die Wahl fällt, sehr zum Missfallen der übrigen Kinder, auf Tadashi. Der „Kirin Rider“ hat die Aufgabe ein Schwert von einem nahe liegenden, unheimlichen Berg zu holen. Tadashi nimmt all seinen Mut zusammen und macht sich auf den Weg. Doch mysteriöse Dinge geschehen. Eine kleine Kreatur, aussehend wie eine Mischung aus Meerschweinchen und Hamster, die nur er sehen kann, schließt sich ihm an. Sunekosuri, wie er seinen Weggefährten nennt, ist ein Yokai, eine jener mythologischen Figuren, die Tadashi nur aus den Mangas von Shigeru Mizuki kennt. Doch damit nicht genug, denn bald trifft Tadashi auf mehr Yokai, ungleich größer und gefährlicher aussehend als Sunekosuri, doch auch sie entpuppen sich mit der Zeit als Freunde.

    Die Gefahr droht dagegen von anderer Seite. Der mächtige und Furcht einflössende Kato (Etsushi Toyokawa) hat einige Yokai entführt, aus denen er mit Hilfe einer geheimnisvollen Macht namens Yomotsumono furchtbare und riesige mechanische Kampfroboter macht, mit denen er die Menschheit vernichten will. Ihm zur Seite steht Aki (Chiaki Kuriyama), sexy aber hochgefährlich. Die letzte Hoffnung für die Yokai und die gesamte Menschheit ist der „Kirin Rider“, also Tadashi, der nun mehr Mut braucht, als er je zu haben glaubte, um mit dem sagenumwobenen Goblinschwert und der Hilfe seiner Freunde wie etwa die zum Yokai mutierte Prinzessin Kawahime (Mai Takahashi) gegen Kato anzutreten. Das hört sich wahrlich nach der typischen Standardgeschichte jedes 08/15 – Fantasyfilms an und Miike war sich dessen wohl sehr bewusst. Er hat sich wohl daher für eine interessante Gratwanderung zwischen eben den Elementen dieser Geschichte und einer ironischen Brechung davon entschieden. So wirkt „The Great Yokai War“ zum einen wie ein buntes Potpurri aus diversen Filmen des Fantasygenres, allen voran „Die unendliche Geschichte“, aber auch mit Elementen aus der "Herr der Ringe – Trilogie", Krieg der Sterne und „Die Goonies“ versehen – sogar ein kleiner Schuss „Harry Potter“ hat sich eingeschlichen. Zum anderen sieht man aber einen Film, der es vermeidet sich übermäßig ernst zu nehmen und gerade dadurch zu unterhalten versteht.

    Der Film strotzt nur so von schrägem Humor. Die Kampfroboter tragen zum Beispiel TV-Geräte und Mikrowellen mit sich rum. In letzterer findet sich Sunekosuri wieder, was bei alten PC-Spielfreunden unweigerliche Erinnerungen an das Spiel „Day of the Tentacle“ hervorruft. Später darf sich Sunekosuri dann einem der Riesenroboter erwehren, in dem er ihn anpinkelt. Die Yokai werden von Miike bewusst trashig inszeniert. Obwohl es die mit Abstand teuerste Produktion seiner Karriere ist, fühlt man sich bei den Kostümen immer wieder mal an einen B-Film erinnert (was durch die leider nicht immer glänzenden CGI-Effekte verstärkt wird). Das Aussehen der teilweise recht putzigen Yokai und das überdrehte Spiel ihrer menschlichen Darsteller ist aber der Grundstein für den Charme und den Humor des Films. Auf die Spitze getrieben wird dies durch die Inszenierung von Miike, der die Yokai immer mal wieder förmlich aus dem Nichts auftauchen lässt. Da entpuppt sich dann eine Mauer als Yokai, der „Mauer“ heißt und wie eine aussieht. Andere Yokai sind ein Regenschirm, eine Schildkröte (natürlich menschengroß und auf zwei Beinen) oder eine Schneeprinzessin, welche die ganze Zeit traurig im Schnee herum steht. Miike lässt die Welt der Yokai immer wieder ins bizarre, ins groteske abgleiten und oft reicht nur der Anblick der Darsteller in ihren wundersamen Kostümen für einen Lacher oder zumindest einen Schmunzler. Wenn sie dann interagieren wird es noch lustiger. Weiter verstärkt wird dies dadurch, dass die Yokai gar nicht so sind, wie man sich Dämonen vorstellen würde. Sie werden vielmehr sehr kindlich-naiv dargestellt.

    Man sollte nun aber nicht glauben, dass der Film eine Komödie sei. Es gibt zahlreiche dunkle Horrorszenen, die auch aus einem Genrefilm stammen könnten. Vor allem Tadashis Erkundungen des dunklen Waldes und sein erstes Aufeinandertreffen mit den Yokai sind hier zu nennen. Gerade in dieser ersten Hälfte ist der Film recht düster. Die später amüsanten und knuffeligen Yokai wirken erst einmal bedrohlich und tauchen in bester Horrorfilmmanier immer wieder erschreckend auf. Eine Szene, in welcher Tadashi im Bus fährt und langsam eine Furcht einflössende Hand ins Bild gleitet, ist ein Beispiel für einen der zahlreichen Spannungsmomente.

    Die für den Film sehr wichtigen Yokai entstammen der japanischen Mythologie. Vor allem in den Werken des Manga-Künstlers Shigeru Mizuki spielen sie eine sehr große Rolle. Nach seinen Werken entstanden zwei TV-Serien (eine in den Sechziger, eine in den Achtziger Jahren) und eine dreiteilige Filmreihe (1968-1969), deren Mittelteil wohl mit den Mangas die Hauptvorlage für den Miike-Film bildet. Beide Filme heißen im Original „Yôkai daisensô“. Shigeru Mizukis Mangas sind nicht nur eine Hauptvorlage für den Film, sondern spielen auch in diesem eine wichtige Rolle. Miike führt die ganze Geschichte zweimal wundervoll ad absurdum. Tadashi erkundigt sich im Film erst einmal über Yokai und nimmt dazu natürlich die Mangavorlage zum Film von Mizuki. An anderer Stelle reden zwei Yokai über die Mangas. Als der eine sich lieber verkriechen will, anstatt in den Krieg zu ziehen, meint der andere, dass er in den Mangas doch deutlich mutiger sei. Shigeru Mizuki wurde von Miike auch als Berater für das Filmprojekt herangezogen und darf einen „seiner“ Yokai selbst spielen.

    Wie sehr Miike für den besonderen Humor und die immer wieder vorhanden Einschübe von Humor verantwortlich ist, zeigt sich daran, dass er zum ersten Mal in seiner Karriere ein Drehbuchcredit bekommen hat. Takashi Miike ist dafür bekannt, dass er während der Dreharbeiten das Drehbuch verändert, also oft auch wie ein weiterer Drehbuchautor fungiert, doch hier hat er noch stärker als sonst auf die Entwürfe Einfluss genommen. Wie eingangs schon erwähnt, hat er sich mit dieser sehr großen Produktion deutlich länger als normal beschäftigt. Nach eigener Aussage ist dies sein bisher mit Abstand zeitintensivster Film, an dem er ein Jahr gearbeitet hat (davon sieben Monate Dreharbeiten), ein Zeitraum, in dem er auch schon einmal sechs verschiedene Filme fertig gestellt hat.

    Darstellerisch kann „The Great Yokai War“ rundum überzeugen. Am bekanntesten dürfte dem westlichen Zuschauern wohl Chiaki Kuriyama sein, die in Quentin Tarantinos Kill Bill Vol. 1 sowie in „Battle Royale“ brillierte. Als sexy Handlangerin des Oberbösewichts sorgt sie für eine kleine Prise Erotik, was durch ihre hautengen und bisweilen auch recht knappen Kostüme unterstrichen wird. Außerdem ist sie prädestiniert für fiese, unsympathische Rollen und das merkt man auch hier wieder. Mit Bunta Sugawara konnte man einen der ganz großen Darsteller des japanischen Yakuza-Films der Siebziger Jahre verpflichten. Vor allem die „Battles Without Honor And Humanity“-Reihe von Kinji Fukasaku (Yakuza Graveyard) machte ihn legendär. Sugawara sorgt mit einer augenzwinkernden Performance als leicht verkalkter und trotteliger Großvater für den Humor zu Beginn des Films, bevor die Yokai stärker eingebunden werden. Mit Darstellern wie Kenichi Endo („Visitor Q“) oder Renji Ishibashi (Audition) dürfen auch altbekannte Miike-Recken in Yokai-Kostüme schlüpfen. Eindeutiger Star des Films ist aber der junge Ryunosuke Kamiki. Auch wenn er in der ersten Hälfte des Films fast durchweg am Schreien ist und damit einem durchaus mal auf die Nerven geht, schafft er es, die Sympathien des Zuschauers auf seine Seite zu ziehen. Dies verstärkt dann auch die Stimmung im Finale, wenn er entschlossen in den Kampf gegen den Oberbösewicht zieht. Ryunosuke Kamiki ist zwar erst zwölf Jahre alt, doch schon fast ein alter Hase im Filmgeschäft und in Japan ein Star. Er stand mit zwei Jahren das erste Mal vor der Kamera und ist neben der Arbeit als Schauspieler, vor allem als Synchronsprecher sehr gefragt. So leiht er zum Beispiel in den Originalversionen von Hayao Miyazakis Filmen Chihiros Reise ins Zauberland und Das wandelnde Schloss wichtigen Figuren seine Stimme und ist auch in der japanischen Version von Die Reise der Pinguine einer der Sprecher.

    Auch wenn „The Great Yokai War“ sehr viele komische und amüsante Seiten hat, sei darauf hingewiesen, dass er nicht unbedingt für die kleinsten Kinder geeignet ist. Auch wenn er in Japan als Familienfilm vermarktet wurde und auch in dieser Hinsicht guten Zuspruch fand, so muss man darauf hinweisen, dass es viele Elemente gibt, die Kinder stark ängstigen können. Die erwähnten Horrorszenen sind nicht von schlechten Eltern und gegen Ende sieht man dann noch – allerdings sehr kurz – einen gegen einen Polizisten gerichteten Kopfschuss, auch eine Szene, die man in keinem westlichen Kinderfilm finden würde.

    „The Great Yokai War“ ist sicher nicht die allerbeste Arbeit, die Miike abgeliefert hat. Aber er hat erneut seine Vielseitigkeit unter Beweis gestellt. „The Great Yokai War“ funktioniert wunderbar als Unterhaltungsfantasyfilm mit eigenem Charme. Kleinere Längen im Mittelteil werden durch die fulminante letzte halbe Stunde locker ausgeglichen. Man muss sich nur darauf einstellen, dass der Charme des Films ein etwas trashiger ist und darf keine fulminanten oder epischen Schlachten á la „Herr der Ringe“ erwarten. Selbst damit bricht Miike nämlich ironisch. Wenn die Yokai in den Krieg ziehen, machen sie das nicht, um sich und die Menschen zu retten, nein, sie denken, sie würden auf ein Festival gehen…
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