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    Red Rock West
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Red Rock West
    Von Ulrich Behrens
    Ist der film noir eigentlich tot? Der 1992 gedrehte Streifen „Red Rock West“ hat etwas vom film noir, zugleich vom Road Movie, vom Western, Krimi, allerdings in einer von Kameramann Marc Reshovsky gefilmten Schlichtheit, Kühle und Hitze zugleich, die den Film in Verbindung mit dem Drehbuch der Dahls (zuletzt „Joyride“, 2001) zu einem spannenden Erlebnis werden lassen.

    Der Texaner Michael Williams (Nicolas Cage) ist unterwegs in Wyoming, um einen Job zu suchen. Er hat allerdings ein Handicap: eine Knieverletzung aus dem Krieg. Ein Tankwart empfiehlt ihm, in Red Rock bei einer der vielen Ölfirmen nachzufragen. Als Mike dort ankommt, trifft er in einer Bar deren Besitzer Wayne (J. T. Walsh). Mike hat nur noch ein paar Dollar in der Tasche, bestellt sich einen Kaffee. Wayne schaut ihn lange an und sagt dann zu ihm, er habe ihn schon vor einer Woche erwartet. Er hält ihn für einen gewissen Lyle. Mike, überrascht, solle mit ihm in sein Büro kommen. Dort übergibt ihm Wayne eine erste Anzahlung für den Job, für den er Lyle engagiert hat: Er soll Waynes Frau Suzanne (Lara Flynn Boyle) ermorden. Nach getaner Arbeit würde er die zweite Hälfte des Geldes bekommen. Mike schweigt angesichts des Geld, das sich nun in seinen Händen befindet und macht sich auf, um Suzanne zu finden. Mit einem Fernglas beobachtet er Suzanne, die sich gerade mit ihrem Liebhaber Kurt (Dale Gibson) in dessen Wohnwagen vergnügen will. In ihrem Haus, das abseits des Ortes liegt, wartet er mit einer Waffe auf Suzanne. Als er ihr erzählt, dass Wayne ihn für den Mord an ihr bezahlt hat, bleibt Suzanne überraschend ruhig. Sie bietet Mike das Doppelte, wenn er statt ihr Wayne tötet.

    Mike nimmt das Geld fährt los – allerdings nicht, um Wayne zu töten, sondern um Red Rock für immer zu verlassen. Es regnet stark. Plötzlich sieht er verschwommen ein Auto und einen Mann vor sich auf der Straße. Er kann ihm nicht ausweichen, der Mann fällt ihm direkt vors Auto. Er verstaut das Geld im Handschuhfach des Autos, steigt aus und hievt den regungslos am Boden liegenden Mann ins Auto. Im Krankenhaus in Red Rock stellen die Ärzte fest, dass der Mann noch lebt, allerdings haben sie ihm zwei Kugeln aus dem Leib entfernt. Mike steht natürlich sofort unter Verdacht. Die Ärzte haben den Sheriff bereits alarmiert. Und Sheriff in Red Rock ist kein anderer als Wayne, der Mike festnimmt ...

    Nicolas Cage spielt einen gutmütigen Ex-Marine, der kein Geld in der Tasche hat und auf der Suche nach einer ehrlichen Arbeit ist. Als er zu Anfang an einer Tankstelle Halt macht, um seinen letzten Fünf-Dollar-Schein für Benzin auszugeben und kein Mensch weit und breit zu sehen ist, sieht er die gefüllte Kasse des Tankstellenbesitzers. Einen Moment überlegt er, lässt das Geld aber liegen. Dann jedoch gerät er in eine Situation, in der jeder normalerweise sagen würde: Tut mir leid, sie irren sich, ich bin nicht der, den sie erwartet haben. Ich suche nur Arbeit. Doch Mike lässt Wayne „gewähren“. Er hört sich in aller Seelenruhe an, dass der ihn für einen gedungenen Mörder hält. Und dieses schmutzige Geld anzunehmen, ist für ihn etwas anderes, als einen Tankwart zu bestehlen. Nicht nur das: Er geht tatsächlich, ohne zu wissen, was auf ihn zukommt, zu dem potentiellen Opfer und lässt sich ein zweites Mal bezahlen, denkt, er könne danach einfach verschwinden, kauft einen Haufen Lebensmittel, Bier und anderes ein, um Red Rock, das ihn so reich beschenkt hat, für immer zu verlassen.

    Cage spielt diesen allzu gutmütigen Mann, fast tumben Tor, könnte man sagen, in einer Brillanz und Selbstverständlichkeit, die der Skrupellosigkeit Waynes und Suzannes diametral entgegengesetzt ist. Mikes „sanfte“ Kriminalität, gepaart mit Einfältigkeit angesichts dessen, wovon er nichts weiß – er haut ja nur Verbrecher übers Ohr –, fügt sich in eine Geschichte ein, deren Hintergründe er nicht kennt, ja die er nicht einmal ahnen kann, die ihm fast das Leben kosten. Als er dann auch noch dem richtigen Killer, Lyle (Dennis Hopper), im wahrsten Sinn des Wortes vor die Füße fällt, wird es brenzlig. Der weiß zunächst auch nichts von Mike. Sie tauschen Kriegserfahrungen aus. Lyle scheint ein netter Typ zu sein, lädt Mike zu einem Bier ein, obwohl Mike eigentlich nichts anderes will, als endlich aus diesem gottverdammten Nest zu fliehen. Cage stolpert immer wieder in gefährliche Situationen, weil er nicht Nein sagen kann. Auch zu Suzanne kann er nicht Nein sagen, lässt sich auf ihre Verführung ein und erkennt erst viel später das Spiel, dass sie und die anderen mit ihm treiben. Erst am Schluss fasst Mike eine Entscheidung für sich. John und Rick Dahl haben eine durchweg überzeugende Geschichte geschrieben, die in sich stimmig, logisch ist. Der Zuschauer erfährt immer nur so viel wie der Held selbst, was nicht zuletzt zur Identifizierung mit Mike beiträgt. Alles scheint anfangs äußerst kompliziert und komplex und löst sich in einer relativ simplen Vorgeschichte auf. Die Dahls spielen auf einer Suspense-Tastatur, die durch die mehrfach gezeigten Ortsschilder symbolisiert wird: „Welcome to Red Rock“ und „You are now leaving Red Rock“. Beides klingt zunehmend wie eine Drohung, wie Hinweise auf Lebensgefahr und zugleich Gefängnis. Mike ist in Red Rock gefangen.

    Dennis Hopper spielt exzellent einen skrupellosen Killer, der sich nach außen als Sympathieträger verkauft. Ein netter Killer, ein alter Army-Haudegen, mit dem man gern ein Bier trinken geht, der aber nur eines will: Geld für einen erfolgreich ausgeführten Auftrag. Lara Flynn Boyle ist eine überzeugende femme fatale – manchmal erinnerte sie mich etwas an Gudrun Landgrebe –, von der man bis zum Schluss nicht so ganz weiß, ob sie für Mike wirkliche Zuneigung empfindet oder ihn tatsächlich nur benutzt. Ein Film, der an Spannung einiges zu bieten hat, der eine glaubwürdige Geschichte erzählt und mit extremer Reduktion auf das Spiel zwischen den vier Hauptdarstellern gut auskommt. „Red Rock West“ hat einen tiefgründigen Humor, nimmt sich selbst nicht allzu ernst, zeigt einen gutmütigen Helden, der sich – ohne es jemals offen auszusprechen – ständig fragen muss: „Warum ich?“ Antwort: Weil Du Dich selbst darauf eingelassen hast.

    (Zuerst erschienen bei CIAO)
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