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    Schlaflos in Seattle
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Schlaflos in Seattle
    Von Andreas R. Becker
    Die Sehnsucht nach der wahren Liebe, die sich über Zeit und Raum wie Nichtigkeiten hinwegsetzt, kehrt in der (Film-)Geschichte so sicher wieder wie das Meer nach der Ebbe. 1993 spülte auch Nora Ephron mit „Schlaflos in Seattle" eine ansehnliche, herz- und zwerchfellwärmende Muschel an diesen Strand. Ephron, die auch das Drehbuch für Harry und Sally geschrieben hatte, übernahm nun auch die Regie im romantischen Fach und manifestierte damit den Status von Meg Ryan und Tom Hanks als nächstem Hollywood-Traumpaar, das drei Jahre zuvor in „Joe gegen den Vulkan" schon einmal gemeinsam vor der Kamera stand. Während letzterem der große Erfolg aber verweigert blieb, wurde die schlafraubende „Magie" zwischen Ryan und Hanks diesmal so stark, dass Ephron 1998 für den Nachfolger „e-m@il für Dich" verpflichtet wurde. Dass diese Magie entstehen konnte, darf wieder einmal als Paradebeispiel für die Fähigkeit des Films gelten, zeitlich und räumlich getrenntes – auch emotional – miteinander in Verbindung zu bringen. Denn tatsächlich teilen Ryan und Hanks während des gesamten Films nur etwa zwei Minuten Leinwandzeit miteinander und leben ansonsten an zwei sich gegenüberliegenden Küsten.

    Sam Baldwin (Tom Hanks, Forrest Gump, Der Soldat James Ryan) zieht mit seinem acht Jahre alten Sohn Jonah (Ross Malinger) nach Seattle, um mit einem Neuanfang den Tod seiner an Krebs verstorbenen Frau verarbeiten zu können. An Heiligabend, ein Jahr nach dem Tod seiner Mutter, ruft der sensible Jonah aus Sorge um seinen trauernden Vater schließlich beim weiblichen Domian Chicagos an, Dr. Marcia Fieldstone. Wenig später erzählt Sam seine traurige Geschichte allen Radiohörern der Nation, auch Annie Reed (Meg Ryan, In The Cut, Harry und Sally). Annie ist ergriffen vom Schicksal des Witwers und seiner Art zu lieben, die sich in der warmen Stimme und den melancholischen Worten von Tom Hanks offenbart. Allerdings ist die Journalistin aus Baltimore schon verlobt mit Walter (Bill Pullman, Lost Highway, Igby) und schiebt ihr Verknalltsein in eine 4.000 Kilometer entfernte Stimme rational beiseite. Vorerst jedenfalls, wie der geneigte Zuschauer natürlich sofort zu entschlüsseln weiß anhand Annies gewollter Flucht in eine Partnerschaft, die aus hollywoodscher Sicht einfach zu zweckmäßig erscheint. Insofern macht Bill Pullmans eigentlich sympathischer Charakter gleichzeitig unmissverständlich klar, dass er selbst für eine liebe Meg Ryan noch zu lieb ist. Die Gemeinsamkeiten der zwei geographisch Getrennten, die sich auch dank der Montage im Herzen des Zuschauers schon vereinen, bevor die Betroffenen es auch nur ahnen, tun ihr übriges...

    Tom Hanks Attraktivität erklärt sich aus dem schwierigen, aber gekonnten Spagat zwischen „femininen" und „maskulinen" Seiten. Er zeigt sich ebenso also einfühlsamer Vater und Witwer wie als erfolgreicher Mann mit kleinen Kanten. Dies zieht die feine, aber wichtige Trennlinie zwischen „weich" (Sam) und „verweichlicht" (Walter), die natürlich auch der Legitimation von Annies Gefühlsanwandlungen dient. Die setzt sich an anderer Stelle fort: Obwohl Walter nicht als humorlose Kartoffel gezeichnet wird, ist Sam immer ein bisschen witziger, lässiger und schlagfertiger, was auch Tom Hanks' Spiel zu verdanken ist. Überhaupt sind es die Dialoge zwischen allen Beteiligten, die „Schlaflos in Seattle" so unterhaltsam machen: diejenigen zwischen Vater und Sohn, Verlobter und Verlobtem, Mann und Frau, Frau und Frau oder Mann und Mann, die die ewigen Klischees, Problemchen und Probleme pointiert und erfrischend auf's Korn nehmen, ohne dabei abgedroschen zu wirken – was selten gelingt. Dazu trägt zum Beispiel Ross Malinger bei, der den zwischen naiver Kindlichkeit und aufgeweckter Schlagfertigkeit wandelnden Jonah so glaubwürdig macht wie seinen ihn mit freundschaftlicher Strenge erziehenden Vater. Aber auch Annies Freundin Becky (Rosie O'Donnell, „Eine Klasse für sich"), die aus dem Hadern mit ihrem eigenen Ehe-Schicksal Lust und Leid in der Liebe nur noch realistisch-lakonisch kommentiert und gleichzeitig als loyale Freundin den letzten Funken Hoffnung auf die große Liebe doch nicht aufgegeben zu haben scheint. Unvergesslich ist schließlich auch eine Dinner-Szene zwischen Sam, Jonah und einem befreundeten Ehepaar Greg und Suzy (Victor Garber, vor allem bekannt als Agenten-Vater Jack Bristow aus „Alias" und Hanks' Ehefrau Rita Wilson, „Die Braut, die sich nicht traut"), in der sich die Männer über die beim Rezitieren des Filmklassikers „Die große Liebe meines Lebens" schluchzende Suzy lustig machen (Übrigens eine komplett improvisierte Szene zwischen Hanks und Garber, wie man auch an Rita Wilsons vermutlich unwillkürlichem Lachen ablesen kann.).

    Auch wenn „Schlaflos in Seattle" kein Remake des 1957er Klassikers mit dem Originaltitel „An Affair To Remember" und Cary Grant und Deborah Kerr in den Hauptrollen darstellt, ist die Hommage doch deutlich sichtbar. Neben der Tatsache, dass der Klassiker selbst als frauenherzenerweichend immer wieder als konkreter Gegenstand vorkommt, wurden auch einige dezentere Anleihen gemacht. Nicht nur verabreden sich auch Hanks und Ryan wie seinerzeit Grant und Kerr auf dem Dach des Empire State Building. Auch die Verhältnisse zwischen den Figuren weisen Parallelen auf. Wie Ryan ist auch Kerr schon liiert; wie der eine zeigt auch der andere Größe und lässt seine Geliebte selbstlos gehen, als diese von einem Dritten berichtet. Schließlich wurde auch das musikalische Thema bemüht, das die Großmutter Janou im 57er Klassiker auf dem Klavier spielt. Dies ist jedoch mehr Beiwerk als Zentrum des grandiosen Soundtracks, der von Regisseurin Nora Ephron selbst gewählt wurde. Louis Armstrong, Joe Cocker, Nat King Cole und Jimmy Durante sind nur vier große Namen auf der Liste junger und alter Klassiker, die den Film mit zeitlos schöner Musik untermalen (Vom mittlerweile grauenhaft angestaubt klingenden „When I Fall In Love" von Celine Dion und Clive Griffin, der zum Glück erst beim Abspann läuft, einmal abgesehen.). So gab es neben der Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch auch einen für den ohrwurmigen und beschwingenden Song „A Wink And Smile", der wie der Rest der Musik zu einer Verschmelzung der an verschiedenen Orten spielenden Handlung beiträgt.

    Die erwähnte Zeitlosigkeit war auch ein erklärtes Ziel Ephrons bei der Gestaltung des Films, wie sie in einem Booklettext zum Soundtrack berichtet: „The word we started with was timeless." Was beim Soundtrack zweifelsohne gelungen ist, mag bei Mode und Design trotz guter Vorsätze nicht gänzlich funktioniert haben, haftet der 90er-Look dem Film doch stellenweise mehr oder weniger stark sichtbar an. Zwar mag es 14 Jahre nach dem ersten Erscheinen auch noch etwas früh sein, um über die Zeitlosigkeit eines Kulturguts zu streiten. Als ein solches allerdings, so möchte ich doch behaupten, ist Ephrons Film aber sicher anzusehen, und ein hoffnungsvolles dazu. Auch beim x-ten Sehen und einem offensichtlichen Ausgang bleibt die Erfüllung des Zuschauerwunsches auf Eis und der Film bis zum Schluss spannend. Auch wenn Frisur und Couch also nicht ganz so zeitlos sind, wie gedacht, ist der Traum der Filmemacherin doch in Erfüllung gegangen: „We were making a movie we hoped would be the kind of love story people would go back to for years and years [...]".

    Well... they do.
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