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    Dieser Überraschungshit hat "Everything Everywhere All At Once" & Co. geschlagen – jetzt gibt’s ihn in 2 (!) Fassungen neu im Heimkino
    Sidney Schering
    Sidney Schering
    -Freier Autor und Kritiker
    Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.

    Eine kühle, trockenkomische und tragische Romanadaption aus Deutschland hat 2022 ohne große Werbebemühungen zahlreiche namhafte US-Projekte geschlagen. Jetzt kommt „Mittagsstunde“ ins Heimkino – und das in gleich zwei Versionen!

    Ganz gleich, wie sehr es sich Studiobosse wünschen: Kinoergebnisse bleiben unberechenbar! Wer hätte schon gedacht, dass ein stilles, nordisch-kühles Drama ohne großes Werbebudget mehr Menschen in den deutschen Kinos erreicht als ein neues Pixar-Spektakel, eine Verwüstungsorgie von Michael Bay und der enormen Hype genießende Multiversums-Film „Everything Everywhere All At Once“?

    Aber genau das ist 2022 passiert: „Mittagsstunde“ landete in den Top 50 der Jahrescharts 2022, während „Lightyear“, „Ambulance“ und der schrille Oscar-Favorit davon nur träumen konnten. Neben dem unerwarteten Achtungserfolg generierte die Romanadaption mit Charly Hübner zudem hervorragende Kritiken, darunter vier Sterne bei FILMSTARTS. Seit dem 9. März 2023 ist „Mittagsstunde“ nun im Heimkino erhältlich – und das mit gleich zwei Fassungen auf DVD und Blu-ray!

    Regisseur Lars Jessen drehte nämlich zwei Versionen von „Mittagsstunde“ in einem Rutsch: In einer Version wird Hochdeutsch gesprochen, in der anderen Plattdeutsch. Die DVD-Edition enthält beide Fassungen auf je einer Disc, bei der Blu-ray-Edition wurden beide Versionen auf eine Extra-Scheibe gepackt.

    "Mittagsstunde": Einer der berührendsten Filme des Jahres

    Der 47-jährige Ingwer Feddersen (Charly Hübner) ist Uni-Professor in Kiel, lebt in einer Poly-Beziehung und beschließt zur Verwunderung seines Umfelds, in sein Heimatdorf zurückzukehren. Im einst beschaulichen, nach Flurbereinigungen und Jahrzehnten der Landflucht verkommenen Brinkebüll will er sich um seine „Olen“ kümmern: Die verwirrte Ella (Hildegard Schmahl) und den knarzigen Sönke (Peter Franke), die aus der ehemals vibrierenden Dorfkneipe ihr bescheidenes Heim gemacht haben.

    Während er die Menschen pflegt, die ihn großgezogen haben, ringt Ingwer mit seinem Gewissen – hätte er öfter vorbeischauen müssen? War es vielleicht schon ein Fehler, Brinkebüll zu verlassen? Oder ist doch alles komplizierter?

    Vor „Mittagsstunde“ inszenierte Lars Jessen unter anderem die bittersüße Serie „Check Check“ mit Klaas Heufer-Umlauf als Provinzflughafen-Mitarbeiter, der parallel daran arbeitet, sich eine sichere Zukunft aufzubauen, und seine Beziehung zu seinem dementen Vater zu flicken. Tonal blieb Jessen also in familiären Gefilden, auch wenn die von Heufer-Umlauf mitproduzierte „Mittagsstunde“ noch weniger auf Humor setzt und ihren sporadischen Witz konsequent kühl-trocken ausspielt.

    Dafür setzt die von Drehbuchautorin Catharina Junk verfasste Adaption des Dörte-Hansen-Romans umso mehr auf verletzliche Zwischentöne und ein stilles, unaufhörlich intensiver werdendes Gefühl der Vergänglichkeit: Junk und Jessen zeigen, ohne jemals auf Pathos und konstruierte Tragik zu setzen, sowohl die Endlichkeit des menschlichen Seins auf, als auch die Kurzlebigkeit regionaler Identität.

    Zu keinem Zeitpunkt skizzieren sie Brinkebüll als zerstörte Idylle: In den wie aus dem Leben gegriffenen, spröden Rückblenden ist das Dorf zwar deutlich lebendiger als in der zentralen Gegenwartshandlung. Allerdings hat auch das brummende Brinkebüll seine Schattenseiten. Gleichwohl wird, ohne dass es je einen getragenen Erklärdialog diesbezüglich bräuchte, unmissverständlich deutlich: Selbst ein raues Dorf hat es nicht verdient, durch kurzzeitig gedachte Wirtschaftspläne und ökologische Fehlplanung zum Geisterdorf reduziert zu werden.

    Diese nuancierte Betrachtungsweise setzt sich in „Mittagsstunde“ bei den zwischenmenschlichen Beziehungen fort: Ingwers altes Zuhause ist nicht nur ein zerfallenes Nest, das auf einem verworrenen, verwirrenden Stammbaum ruht. Es ist für ihn ebenso Hort simpler, Seelenbalsam bietender Erinnerungen wie schmerzlicher Erfahrungen. Und die von Hildegard Schmahl sowie Peter Franke unvergleichlich widerborstig gespielten „Olen“ sind in zermürbender Abfolge frustrierend, liebenswert, bemitleidenswert und anstrengend.

    Inmitten dieser steifen Brise an komplizierten, unausgesprochenen Gefühlen steht ein atemberaubender Charly Hübner. Als Ingwer vermag er mit einem verletzten Augenaufschlag, einer genervt bebenden Oberlippe oder einem zuckenden Mundwinkel mehr auszusagen, als die meisten Filmfiguren des Jahres 2022 mit ihrem kompletten Dialogbuch. Das war im Kino bereits überwältigend. Und im Heimkino wird es nun einfacher denn je, Ingwers emotional auslaugende, traurig-schöne Zeit im Elternhaus in hochdeutscher Sprache und „op Platt“ mitzumachen.

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