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    Mittagsstunde
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Mittagsstunde

    Wi snackt Platt

    Von Oliver Kube
    Das Kino bietet immer wieder ganz wunderbare Gelegenheiten, Einblicke in uns fremde Welten und Kulturen zu erlangen. Allerdings müssen sich diese gar nicht zwangsläufig auf der anderen Seite des Globus befinden, sondern können auch schon mal quasi vor der eigenen Haustür liegen. Dank des Erfolgs der Eberhofer-Krimireihe wissen ja mittlerweile selbst Flensburger und Rostocker, wie die niederbayrische Provinz so tickt. Nun ergibt sich die Chance das im Kino bisher eher vernachlässigte ländliche Nordfriesland kennenzulernen. Denn genau dort liegt das fiktive Dorf Brinkebüll, in dem „Mittagsstunde“ von „Fraktus“-Regisseur Lars Jessen größtenteils spielt.

    Das Drama basiert auf dem gleichnamigen Roman von Dörte Hansen, die im nordfriesischen Husum geboren wurde und – nach einem Intermezzo vor den Toren Hamburgs – bis heute dort lebt. Während die Adaption von Hansens Vorgängerroman „Altes Land“ im klassischen TV-Miniserien-Look und Iris Berben in der Hauptrolle etwas arg piefig, manieriert und oft bemüht daherkam, ist „Mittagsstunde“ nun um einiges wahrhaftiger ausgefallen. Der Film ist per se nicht darauf aus, dürfte aber dennoch Menschen aus anderen Ecken unseres Landes helfen, die oft als verschlossen oder gar abweisend geltende „norddeutsche Art“ zu verstehen. Dabei ist er streckenweise urkomisch, dann wieder zum Heulen traurig und durchgehend mächtig unterhaltsam.

    Geschichts-Professor Ingwer Feddersen (Charly Hübner) muss sich mit seiner eigenen Historie auseinandersetzen...


    Wir schreiben das Jahr 2012: Ingwer Feddersen (Charly Hübner) arbeitet als Dozent für Geschichte an der Universität Kiel. Irgendwann muss er jedoch einsehen, dass seine „Olen“ (Hildegard Schmahl und Peter Franke) offensichtlich nicht mehr allein mit ihrem Alltag geschweige denn dem familieneigenen Gasthaus zurechtkommen. Also beschließt der Endvierziger, eine einjährige Auszeit von seinem Job zu nehmen, seine paar Sachen zu packen und zurück nach Brinkebüll, seinem Heimatdorf in Nordfriesland, zu ziehen.

    Dort eingetroffen, muss er feststellen, dass alles noch viel schlimmer ist, als er es in Erinnerung hatte. Und das betrifft nicht nur den Zustand seiner Eltern, die eigentlich seine Großeltern sind, wie er erst als Elfjähriger per Zufall erfuhr. Der ganze Ort ist nahezu ausgestorben, die Schule sowie der Krämerladen sind schon ewig geschlossen und auch die Landschaft ist kaum noch wiederzuerkennen. Zudem ist das Haus zu einer Art trostlosem Denkmal für seine Mutter Marret (Gro Swantje Kohlhof) – die er lange für seine große Schwester hielt – mutiert…

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    Wenn andere „dumm Tüch“ reden, hält Ingwer die Klappe. Aus sich heraus geht er nur, wenn er allein im Auto sitzt. Dann singt er gelegentlich schon mal zu der Musik im Radio mit oder fährt rechts ran, um in Tränen auszubrechen. Und wenn die Frustration überhandnimmt, dann tritt er gegen irgendetwas – einen störrischen Einkaufswagen vielleicht oder einen im Weg stehenden Karton. Das aber nur, wenn er glaubt, dass niemand ihm dabei zuschaut. Vor anderen Leute ist allenfalls ein leises Grummeln oder eine hochgezogene Augenbraue das absolute Maximum an Gefühlsäußerungen.

    Und damit ist der Protagonist von „Mittagsstunde“ nicht allein. Die oberste Devise im Leben der meisten dieser verdammt authentisch gezeichneten Charaktere lautet scheinbar: „Bloß nicht miteinander reden!“ Die diesbezügliche Ausnahme ist die von Hildegard Schmahl („In Zeiten des abnehmenden Lichts“) rührend verkörperte Moder. Sie ist – wie ihre vor vielen Jahren ins Wasser gegangene Tochter Marret – geistig nicht mehr ganz bei sich und plappert drauflos, was ihr in den Sinn kommt. Dann spricht sie über Dinge, die niemand hören soll und schon gar nicht wissen will. Denn die würden die Welt, so wie sie hier ist und schon immer war, gehörig auf den Kopf stellen. Und das möchte schließlich niemand. Selbst wenn er oder sie mit den Zuständen todunglücklich ist.

    Ein ständiges Schulterzucken


    Trotz seiner wenigen Worte und der emotionalen Verschlossenheit ist dieser Ingwer ein faszinierender Typ. Erst im Laufe des Films lernen wir ihn etwas näher kennen. Ingwer lebt in Kiel in einer Wohn- und offenbar Liebesgemeinschaft mit einem Mann (Nicki von Tempelhoff) und einer Frau (Julika Jenkins). Doch darüber redet er nicht. Wie er es über so vieles nicht tut. Selbst als der sture Vadder (großartig: Peter Franke) ihn leicht hämisch fragt, was er zu tun gedenkt, falls sein Sabbatical-Jahr endet und die Olen dann noch immer am Leben sein sollten, zuckt er nur ratlos mit den Schultern.

    Dass wir Ingwer recht schnell lieb gewinnen, liegt hauptsächlich an der Präsenz von Charly Hübner. Es ist herzzerreißend, diesem Baum von einem Mann dabei zuzuschauen, wie er sich jedes Mal, bevor er einen Raum betritt, erst unsicher sammeln muss. Dabei hält er komplett inne, atmet tief durch und öffnet die Tür erst dann, um sich dem zu stellen, was sich hinter ihr verbergen könnte. Wohl wissend, dass es höchstwahrscheinlich nichts Einfaches und schon gar nichts Gutes sein wird. Ist er doch sein Leben lang ein meist ahnungsloser Spielball der Umstände oder der Taten und Geheimnisse anderer gewesen.

    Ein tiefer Blick in die norddeutsche Seele!


    Die zentrale Familienstory wird mittels sich lose abwechselnder Segmente aus den Jahren 1965, 1976 und 2012 erzählt – genau wie in der Romanvorlage. Es mag zu Beginn einen Moment dauern, bis das Publikum die unterschiedlichen Schauspieler*innen den Rollen in den jeweiligen Zeitebenen zugeordnet hat. Aber diese gedankliche Investition zahlt sich schon bald aus: Das Hin- und Herspringen erklärt die Entwicklung der Figuren und ihrer Umgebung deutlich eleganter und effizienter, als eine chronologische Abfolge der Ereignisse es gekonnt hätte. So erspart uns Regisseur Jessen einiges an potentiell umständlich-langwieriger Exposition. Haben die Zuschauer*innen den Figuren gegenüber doch meist einen kleinen Wissensvorsprung.

    Die angenehm unaufdringlich gefilmten Geschichten werden durch geschickt integriertes Lokalkolorit angereichert. Dazu zählen die charmant-hemdsärmelig anmutende plattdeutsche Sprache sowie das exzellente, niemals übertrieben vollgestopfte Set-Design. Die Einbeziehung einer der größten politischen und ökologischen Sünden der Nachkriegsdekaden in die Handlung, nämlich die Flurbereinigung riesiger Gebiete in ganz Norddeutschland, liefert zumindest einen Erklärungsansatz, warum viele der damals wie heute dort lebenden Menschen so sind, wie sie sind. Schließlich beraubte der rücksichtslos forcierte Strukturwandel im Namen eines angeblich unvermeidlichen Fortschrittes unzählige Dörfer und ganze Landstriche ihrer individuellen Identität. Alles nur, um die Taschen einiger weniger zu füllen.

    Apropos Sprache: Tut euch, falls irgend möglich, den Gefallen, das Ganze auf Platt zu genießen. Es gibt auch noch eine (von Jessen parallel gedrehte) hochdeutsche Sprachfassung. Aber falls euer Kino die OmU-Variante anbietet, wählt bitte diese zum Anschauen von „Mittagsstunde“. Der Originalton addiert – wie ja bei den allermeisten Filmen aus dem Ausland – einfach zusätzlichen Realismus. Und selbst, wenn an einigen Stellen evident wird, dass es sich nicht beim gesamten Ensemble um Muttersprachler*innen handelt, haben sich doch alle Schauspieler*innen hier erfreulich viel Mühe gegeben. Das sollte honoriert werden.

    Fazit: Ein sehr gelungener Film, der dabei helfen dürfte, die norddeutsche Seele zu verstehen.

     



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