„Sebastian Fitzeks Der Heimweg“ bestimmt seit seiner Veröffentlichung am 16. Januar nicht nur in Deutschland die Filmcharts auf Amazon Prime Video, sondern wird auch in vielen anderen Ländern der Welt fleißig gestreamt. Ein Erfolg für die deutsche Filmindustrie, zweifelsohne.
Ich selbst hatte „Der Heimweg“ ebenfalls auf meiner Watchlist, aus mehreren Gründen – wie etwa Hauptdarstellerin Luise Heyer („Dark“), die bereits vorab angepriesenen Wendungen und Twists sowie die Tatsache, dass sich die Fitzek-Adaption eines wichtigen Themas annimmt: häusliche Gewalt. Das klingt auch nach einem Film für euch? Dann könnt ihr ja – auf eigenes Risiko – mal bei Amazon Prime Video reinschauen …
… oder aber auf eine Alternative ausweichen, die zu einem großen Teil auf ähnlichen Pfaden wandelt – am Ende allerdings viel besser funktioniert: „The Guilty“ (2018).
"Der Heimweg": Logiklöcher noch und nöcher
Wie das Amazon-Original von Adolfo Kolmerer („Schneeflöckchen“) beginnt auch „The Guilty“, der vor einigen Jahren bereits ein Hollywood-Remake mit Jake Gyllenhaal erhielt, mit einem Telefonat. Genau wie in „Der Heimweg“ sucht in „The Guilty“ eine Frau telefonisch Hilfe, hier allerdings direkt bei der Notrufzentrale und nicht bei einem Mitarbeiter des Begleittelefons.
Auch hier spielt sich zunächst alles zwischen den beiden Telefonhörern ab. Und auch hier führt der Weg zur Wahrheit über so manch unvorhergesehene Abzweigung, mit der die Geschichte immer wieder neuen Schwung bekommt. In „The Guilty“ befindet sich die junge Frau allerdings nicht im Visier eines Killers, sondern wurde entführt.
Die inhaltlichen und erzählerischen Gemeinsamkeiten sind am Ende jedoch zweitrangig. Denn „Der Heimweg“ lässt mit hölzernen Dialogen und schablonenhaften Figuren, deren Handeln in den seltensten Fällen auch nur ansatzweise nachvollziehbar ist, von Beginn an jeden noch so kleinen Funken an Glaubwürdigkeit vermissen, die für einen packenden Thriller unabdinglich ist.
Ganz abgesehen davon, dass ich den größten Twist bereits in den ersten Minuten habe kommen sehen, motiviert der Fitzek-Film nie so richtig, dem Rätsel selbst auf die Schliche zu kommen, weil einem die Figuren in Anbetracht der zahllosen Logiklöcher, durch die „Der Heimweg“ in hohem Takt stolpert, schlicht völlig egal werden.
Ja, und wenn es ganz doof wird, kann einem hier und sogar auch mal ein lauter Lacher auskommen. Das ist umso bitterer, da die toxische Beziehung zwischen der Protagonistin Klara und ihrem gewalttätigen Ehemanne Martin (Friedrich Mücke) es verdient hätte, dem Publikum mit emotionaler Durchschlagskraft den Boden unter den Füßen wegzureißen. Eigentlich sollte einen das alles auch noch lange nach dem Abspann beschäftigen, ähnlich wie einst auch „Systemsprenger“ – ein Film, der ohnmächtig macht und bewegt, der einen nachhaltig darüber nachdenken lässt, wie man selbst nur zur Lösung eines so tief in der Gesellschaft verankerten Problems beitragen könnte.
Wie es FILMSTARTS-Chefredakteur Christoph Petersen passend auf den Punkt bringt, „verhebt sich der Film ein wenig bei seinem zentralen Thema“ der häuslichen Gewalt und ist zudem auch „nicht immer 100 Prozent logisch“. Für euch ist gerade letzteres essenziell? Dann werdet ihr an anderer Stelle fündig:
"The Guilty": Ein Kammerspiel, das unter die Haut geht
In „The Guilty“, der aktuell leider auf keiner der großen Streaming-Plattformen enthalten, aber bereits für kleines Geld als VOD verfügbar ist, wird das Telefonat allerdings noch weit konsequenter als erzählerisches Stilmittel und treibende Kraft hinter der Story genutzt. Denn der Film beschränkt sein Setting auf nur zwei Räume und nur einen sichtbaren Protagonisten.
„Diese bewusste Limitation exerziert der dänische Regisseur Gustav Möller in seinem Debüt 'The Guilty' derart brillant durch, dass er die meisten ähnlich reduzierten Thriller wie etwa 'Nicht auflegen!' mit Colin Farrell oder 'Buried - Lebend begraben' mit Ryan Reynolds locker in die Tasche steckt“, heißt es dazu treffend in der FILMSTARTS-Kritik. Und die Ursachen dafür liegen auf der Hand:
Während „Der Heimweg“ visuell durchaus ansprechend daherkommt, setzt Gustav Möller bei seinem Film vor allem auf inhaltliche Kohärenz. Er zaubert keine wirren Twists aus dem Ärmel, die völlig an den Haaren herbeigezogenen sind. Stattdessen entwickelt sich aus der großen Schuldfrage des Films auf ganz organische Art und Weise eine emotionale, weil realistische Tour de Force, die einem kaum Zeit zum Durchatmen lässt.
Von Hauptdarsteller Jakob Cedergren („The Birdcatcher“) über die stets nachvollziehbare Story bis hin zur wirkungsvoll-minimalistischen Inszenierung – „The Guilty“ ist fast schon schmerzhaft miterlebbares Spannungskino, das 88 Minuten lang fesselt.
Übrigens: Einen starken Thriller, der 2024 im Kino lief, könnt ihr seit dieser Woche mit eurem Prime-Video-Abo streamen. Mehr dazu erfahrt ihr hier:
Eines der Thriller-Highlights 2024 fand im Kino viel zu wenig Beachtung – ab heute im Abo bei Amazon Prime Video nachholen!*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links erhalten wir eine Provision.