Viele Filmfans verbinden das Genre des Italo-Westerns allein mit Sergio Leones dreckigen, stilsicheren Dekonstruktionen früherer US-Western-Konventionen. Doch neben dem fast schon opernhaften, gleichwohl kernigen Antihelden-Tiefschlag gegen Cowboy- und Sheriff-Romantisierung gibt es weitere (sich öfters überlappende) Subgenres an Italo-Western.
Eine wichtige und faszinierende Untergattung sind die italienischen Revoluzzer-Western, die während der mexikanischen Revolution spielen und mit feister, zynisch-bissiger Schärfe politische Unwuchten verarbeiten. Das geriet aber selten so trocken wie die Wüste, in der sich das Geschehen abspielt: Der politische Kommentar diente oft als Nährboden für eine hochspannende, blutige und schwer verdauliche Action-Story.
Ein Paradebeispiel für dieses deftige Western-Subgenre läuft nun wieder im TV: Der BR zeigt in der Nacht von heute auf Samstag, den 7. Juni 2025, ab 0.50 Uhr das blutig-harsche Western-Highlight „Töte Amigo“! Falls ihr nicht warten möchtet, findet ihr den Film jetzt schon im Abo von Amazon Prime Video:
Darum geht es in "Töte Amigo"
Die 1910er in Mexiko: Die Revolution rückt durch das Land, denn eine Gruppe rebellischer Aufsässiger hat beschlossen, gegen das herrische Militärregime aufzubegehren. Doch die Revolution stößt nicht überall im Volk auf Gegenliebe. Schließlich nutzen marodierende Banden die Aufbruchstimmung und ziehen schießwütig durch Mexiko, um sich unter dem Vorwand, für Land und Freiheit zu kämpfen, tolldreist zu bereichern.
Einer dieser Opportunisten ist der Banditenführer El Chuncho (Gian Maria Volonté), der einen Zug mit Militärwaffen überfallen und seine Beute gewinnbringend an den Rebellenführer Elias (Jaime Fernández) verschachern will. Unerwarteterweise erhält Chuncho dabei Hilfe von einzelnen Zugpassagieren, wie dem US-Amerikaner Bill Tate (Lou Castel). Der bekommt dafür den Spitznamen El Niño und wird alsbald zur Schlüsselfigur im blutigen Machtkampf zwischen Militär, Freiheit und Geldgier...
Das gefiel dem Jugendschutz gar nicht!
Es dürfte bei diesem Titel eine Selbstverständlichkeit sein: Im Laufe der Geschichte sorgen die handelnden Figuren für allerlei Blutvergießen. Doch nicht nur das mexikanische Militär, El Chuncho, Elias und El Niño lassen es krachen: Als „Töte Amigo“ im Sommer 1968 in die Kinos kam, war auch der deutsche Jugendschutz in Metzellaune – über 15 Minuten Filmmaterial wurden eiskalt rausgeschnitten!
Der Schere fielen nicht nur zahlreiche der spektakulärsten, härtesten Actionpassagen zum Opfer. Auch die Figuren vertiefende, ihre Moral verkomplizierende Handlungspassagen wurden gestrichen. Somit verlor die Allegorie auf ungerechte Machtverteilung, gewaltlüsternen Opportunismus und gewissenlose Ausbeutung hierzulande massiv an Facettenreichtum und Drastik. Auch auf Videokassette wurde der FSK-18-Western bloß in gestutzter Form ausgewertet. Erst im DVD-Zeitalter kam das hiesige Publikum offiziell in den Genuss des kompletten, fesselnden und exzessiven Westerns – den sein Regisseur übrigens nicht als solchen erachtete.
Ist das überhaupt noch ein Western?
Der Politfilmer Damiano Damiani, der unter anderem die erste Staffel des TV-Klassikers „Allein gegen die Mafia“ inszenierte, verstand Western als Genre, das nur aus den USA stammen oder sich direkt auf die filmische US-Tradition beziehen kann. Seine sozialistische, sarkastische und explosive Politparabel sah er nicht in diesem Kontext. Ob Damiani damit dem Western-Genre Unrecht tat oder eine begründete Trennlinie zwischen dem Western-Kino und seinem doppel- bis dreifachbödigen Stoff über Betrug, Korruption und Unterdrückung gezogen hat, kann sicherlich debattiert werden.
Doch ganz gleich, zu welchem Ergebnis man kommt: Allein schon durch die eindeutig ein doppeltes Spiel spielende, in ihrer konkreten Motivation aber lange Zeit undurchsichtige Figur des El Niño erzeugt Damiani in „Töte Amigo“ gewaltige Spannung. Deshalb kann man diese Genregrenzen sprengende Geschichte auch schlicht und ergreifend als rauen, temporeichen Thriller sehen, der sich Hitchcocks Suspense-Prinzipien verschreibt, sie aber an ungewohnten Orten und mit zynischeren Figuren ausführt.
Untermalt wird das auch mit einem wie gewohnt entrückt aufspielenden Klaus Kinski besetzte Geschehen von Musik sogleich zweier Spitzenkomponisten: Neben Ennio Morricone drückte „Django“-Komponist Luis Bacalov dem Film seinen Stempel auf. Beide bleiben ihrem jeweiligen Stil treu, wodurch das von Damiani erzählte Ringen um Macht akustisch stimmig gespiegelt wird. Und da sich sowohl musikalisch als auch bildästhetisch zwischen all der wüsten Zerstörung auch Platz für kurze Momente der Schönheit findet, bleiben der berechtigte Schmerz und Zorn von „Tötet Amigo“ im Gegenzug richtig lang in Erinnerung – wie es sich für einen hochkarätig verpackten Politkommentar der Frustration auch gehört!
Und wenn ihr nach „Töte Amigo“ einen weiteren Western für euren Filmabend sucht, gebt doch unserem folgenden Tipp eine Chance:
Heute Abend streamen: Ein viel zu unbekannter Western-Thriller – hier glänzt Val Kilmer in einer seiner besten Rollen!*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.