"Ich will den Text im Körper haben": "Miroirs No. 3"-Star Barbara Auer im großen FILMSTARTS-Interview
Markus Tschiedert
Markus Tschiedert
Markus Tschiedert arbeitete schon während seines Studiums für die Berlinale und ist heute freier Journalist. Er leitet den ‚Club der Filmjournalisten Berlin‘, organisiert den Ernst-Lubitsch-Preis und veranstaltet Filmevents.

Im September haben wir uns das neue Christian-Petzold-Meisterwerk „Miroirs No. 3“ für unsere Initiative „Deutsches Kino ist [doch] geil!“ ausgewählt – da gehört ein Interview mit Hauptdarstellerin Barbara Auer natürlich zwingend dazu...

Nach seinem komplexen Meisterwerk „Roter Himmel hat Christian Petzold mit „Miroirs No. 3“ einen vermeintlich simplen, fast schon märchenhaft-sonnigen Film vorgelegt: Als die junge Laura (Paula Beer) im roten Cabrio in der Uckermark verunglückt, kommt sie kurzerhand bei der ihr eigentlich fremden Betty (Barbara Auer) unter, die gerade ein paar Meter weiter am Straßenrand ihren Gartenzaun weiß streicht. Betty hat ihre Tochter verloren und Laura scheint deshalb eine Lücke zu füllen. Für einige Zeit wirkt es, als könnte das für alle eine sommerlich-utopische Lösung sein…

Nach ihrem ersten gemeinsamen Film „Die innere Sicherheit“ (2000) hat Barbara Auer hat bei „Miroirs No. 3“ (-> zur ausführlichen FILMSTARTS-Kritik) bereits zum siebten Mal mit Christian Petzold gearbeitet – und deshalb im exklusiven FILMSTARTS-Interview auch einiges über die spezielle Arbeitsweise des „Phoenix“-Regisseurs zu berichten:

FILMSTARTS: „Miroirs No. 3“ behandelt zwar schwere Themen, das aber mit einer Leichtfüßigkeit, als würde eine spätsommerliche Brise durch den Film wehen. Kam das bei den Dreharbeiten genauso rüber?

Barbara Auer: Wir haben in der Uckermark im Spätsommer gedreht und der war letztes Jahr herrlich. Das sieht man ja auch an den Bildern. Und da es dort viele kleine Seen gibt, konnte man nach dem Dreh oft noch baden gehen. Wir waren alle in Ferienwohnungen untergebracht und so entstand eine besondere Atmosphäre, die sich nicht mit Dreharbeiten in der Stadt vergleichen lässt.

FILMSTARTS: Das klingt ein bisschen nach Urlaubsstimmung …

Barbara Auer: Christian Petzold hat sowieso eine ganz eigene Art. Er arbeitet morgens erst nur mit den Schauspielern, später kommt das Team dazu, dann wird konzentriert gedreht und Drehschluss ist eigentlich immer in der geplanten Zeit. So entsteht eine sehr intensive und gleichzeitig entspannte Atmosphäre. Und wenn man dann einen Sommer wie im letzten Jahr hat, kommt durchaus Urlaubsstimmung auf. Was die Leichtigkeit im Film betrifft, war ich allerdings überrascht, als ich ihn das erste Mal sah.

FILMSTARTS: Wieso?

Barbara Auer: Weil ich das weder beim Lesen des Buchs so empfunden hatte, noch als wir drehten, selbst nicht bei den Szenen, die einen gewissen Humor haben. Ich war beim Spielen mit Bettys Trauma und ihrem Schmerz beschäftigt. Und damit, dass es diese einst glückliche Familie nicht mehr gab.

Warum in seinen Filmen immer soviel Fahrrad gefahren wird, verrät uns Christian Petzold im Podcast, den ihr euch ganz am Ende dieses Artikels anhören könnt. Schramm Film
Warum in seinen Filmen immer soviel Fahrrad gefahren wird, verrät uns Christian Petzold im Podcast, den ihr euch ganz am Ende dieses Artikels anhören könnt.

FILMSTARTS: Wie hatten Sie sich insofern auf Ihre Rolle als Betty vorbereitet?

Barbara Auer: Ich bekam das Drehbuch schon etwa ein Jahr vorher und so hat mich die Betty eine ganze Weile begleitet. Ich las das Drehbuch immer mal von Zeit zu Zeit und legte es dann wieder weg. Aber irgendwann muss man sich dem stellen, was die Figur erlebt hat und wovor man sich fürchtet. Und so war mein Sommer, bevor wir Ende August 2024 anfingen zu drehen, von Themen wie Verlust und Trauer geprägt. Deshalb war ich dann ganz beglückt, dass der Film so tröstlich ist.

FILMSTARTS: Sie haben es zum Teil schon beantwortet, warum Sie so gern mit Christian Petzold zusammenarbeiten. Was schätzen Sie sonst noch an ihm?

Barbara Auer: Ich schätze sehr, dass er immer wieder gern mit denselben Leuten arbeitet und so eine Art Ensemble geschaffen hat. Und durch eine intensive, gemeinsame Vorbereitung gibt er allen Beteiligten das Gefühl, wichtig für die Geschichte und den Film zu sein. Ich habe bei „Miroirs No. 3“ das siebte Mal mit ihm gearbeitet, in unterschiedlich großen Rollen. Die Architektin in „Transit“ beispielsweise war eine kleinere, aber ganz wunderbare und prägnante Figur, die er für mich geschrieben hatte. Oft erzählt Christian schon beim Drehen, welches Projekt er als Nächstes im Kopf hat.

Beim Spielen bloß nicht nachdenken

FILMSTARTS: Ziehen Sie als Schauspielerin auch eigene Erfahrungen heran, wenn Sie sich auf Rolle wie die der Betty vorbereiten?

Barbara Auer: Das ist unterschiedlich. Zu manchen Figuren lese ich sehr viel, schaue mir Bilder oder Filme an, um sie an mich heranzuziehen. Andere sind mir näher, da braucht es diese Inspiration nicht. Ich fange früh an, mich vorzubereiten, weil ich den Text verinnerlichen möchte, um beim Spielen über keinen einzigen Satz mehr nachdenken zu müssen. Ich will den Text im Körper haben.

FILMSTARTS: Was heißt das?

Barbara Auer: Im Körper ist der Text nur, wenn man wie gesagt nicht mehr darüber nachdenkt. Erst dann kann man damit spielen und die Worte kommen aus der Situation und aus den Gefühlen heraus. Letztendlich erschaffen wir Schauspieler alle unsere Figuren aus uns selbst und aus dem, was wir erlebt haben. Wir sind schließlich das Material, mit dem wir arbeiten. Insofern kommt man nicht umhin, wenn man so eine Figur wie Betty spielt, die derart traumatisiert und nicht mehr sie selbst ist, sich die eigenen Verletzungen anzusehen. Und das schmerzt immer. Deshalb war ich ja so erstaunt, dass der Film so leicht daherkommt.

FILMSTARTS: Wenn man Text so verinnerlicht hat, gibt es doch gar keinen Spielraum mehr für Improvisationen, oder?

Barbara Auer: Im Gegenteil, das gibt einem viel Freiheit, weil man nicht mehr darüber nachdenkt. Dann erst wird eine Figur lebendig und fängt an, sich zu verselbstständigen. Und man kann sich ganz auf das Geschehen und seine Mitspieler konzentrieren und sich einfach fallen lassen.

Zunächst ein Mysterium: Warum nimmt Betty (Barbara Auer) die junge Frau bei sich im Haus auf, die ein paar Meter die Straße runter einen schlimmen Unfall erlebt hat. Schramm Film
Zunächst ein Mysterium: Warum nimmt Betty (Barbara Auer) die junge Frau bei sich im Haus auf, die ein paar Meter die Straße runter einen schlimmen Unfall erlebt hat.

FILMSTARTS: Im Zentrum steht dabei das Haus, in dem Betty lebt. Wie wohl fühlten Sie sich dort?

Barbara Auer: Das war ein wunderbares Haus, das uns das Gefühl gab, als würden wir wirklich darin leben. Dieses Haus steht außerhalb einer kleinen Ortschaft in der Uckermark, es hat diesen herrlichen Blick in die Weite, aber die Terrasse und das Klavierzimmer wurden von dem Filmausstatter K.D. Gruber und seinem Team angebaut.

FILMSTARTS: Bringt man in so einem Haus dann auch schon mal einen eigenen Gegenstand für die Requisite mit, um sich vielleicht noch heimischer zu fühlen?

Barbara Auer: Oft wird von der Requisite im Vorfeld gefragt, ob wir eigene Fotos für die Einrichtung zur Verfügung stellen würden. Ansonsten bringt man keine eigenen Gegenstände mit, die Einrichtung soll ja das Leben der Figuren, nicht das eigene widerspiegeln. Manche Schauspieler stecken sich etwas in die Tasche, aber eher als persönlichen Glücksbringer.

FILMSTARTS: Sind Sie auch abergläubisch?

Barbara Auer: Nein, ich bin nicht besonders abergläubisch, aber es gibt Dinge, an die ich mich halte. Als ich am Theater anfing, habe ich gelernt, dass man auf der Bühne nicht pfeift. Das soll Unglück bringen, dann wird man vom Publikum ausgepfiffen.

FILMSTARTS: Zurück zum Film, der ja damit beginnt, dass Sie als Betty mit Laura, gespielt von Paula Beer, ein Unfallopfer bei sich im Haus aufnehmen. Haben Sie sich selbst gefragt, ob Sie das auch tun würden?

Barbara Auer: Das kann ich nicht beantworten, in so einer Situation reagiert man aus dem Bauch heraus. Und als Betty von Laura gefragt wird, ob sie bleiben darf, zögert sie einen kurzen Moment. Gleichzeitig hatten die beiden schon vorher einen intensiven Blickwechsel, als das Auto mit Laura und ihrem Freund kurz vor dem Unfall an Bettys Haus vorbeifuhr. Dieser Blickwechsel ist fast wie ein Vertrag, den die beiden unausgesprochen schließen.

FILMSTARTS: Ist das dann eine Art Vertrautheit oder Neugierde?

Barbara Auer: Ich glaube, dass Betty in dem Moment nicht darüber nachdenkt. Natürlich erinnert Laura sie an ihre eigene Tochter. Ein junges Mädchen, um das sie sich kümmern kann. Aber dann wieder sieht man Betty nachts, die Decke um sich geschlungen, auf die Straße gehen, als würde sie auf jemanden warten. Sie ist an ihrem Schmerz fast zerbrochen. Am Ende aber sind diese gemeinsamen Tage, auch wenn sich die Realität gefährlich verschiebt, für beide Seiten heilsam.

„Miroirs No. 3“ läuft seit dem 18. September 2025 in den deutschen Kinos – und aus diesem Anlass konnten wir auch den Regisseur Christian Petzold bei uns in der FILMSTARTS-Redaktion begrüßen, um in unserem Podcast-Studio gemeinsam eine Folge von Leinwandliebe aufzunehmen, die unbedingt hörenswert ausgefallen ist:

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