Pinocchio ist die berühmteste Märchen- und Literaturfigur Italiens, die jede Generation aufs Neue für sich entdeckt. Der Grund sind die vielen Neuadaptionen, durch welche die zum Leben erwachte Puppe nie aus der Mode kommt. Die Episoden rund um „Pinocchio“, die sich der Italiener Carlo Collodi im späten 19. Jahrhundert ausgedacht hat und die 1883 erstmals in Romanform erschienen, gibt es als Bildband, Comic, Oper, Musical und Orchestermärchen.
Am bekanntesten jedoch sind die filmischen Bearbeitungen, allen voran der Zeichentrickfilm von Walt Disney (1940). Die genaue Anzahl der international je realisierten Werke ist schwer zu überblicken (allein 2022 gab es drei neue „Pinocchio“-Filme). Man geht heute von bis zu 40 Filmen aus, Serien eingeschlossen, die von der Holzpuppe und ihrem „Schöpfer“, Tischler Gepetto, handeln. Einige von ihnen sind längst fast vergessen, obwohl sie echte Kinoerfolge waren – und allein aufgrund ihrer technischen Umsetzung begeisterten.
Großer Erfolg in Deutschland
Zu diesen Verfilmungen zählt „Die Legende von Pinocchio“, der 1996 in die deutschen Kinos kam und sich, im Gegensatz zu vielen anderen Teilen der Welt, hierzulande zu einem echten Kassenknüller entwickelte. Über eine Millionen Zuschauer sahen den Film auf der großen Leinwand – damit landete „Die Legende von Pinocchio“ in den Jahrescharts vor (späteren) Klassikern wie „Trainspotting“ oder „Heat“.
Hinter der Kamera stand mit Steve Barron ein Mann, der sich mit Märchen- und Comicverfilmungen sowie familienfreundlicher Unterhaltung bestens auskannte. 1990 inszenierte er die erste „Turtles“-Realverfilmung, drei Jahre später gelang ihm mit der Sci-Fi-Komödie „Die Coneheads“ eine warmherzige (Außenseiter-)Geschichte für Groß und Klein. An die ganze Familie wandte sich Barron auch mit „Die Legende von Pinocchio“.
Das ist "Die Legende von Pinocchio"
Betrachtet man die reine Inhaltsangabe, scheint es sich um eine stark an der Ursprungsgeschichte angelehnte, werkgetreue Umsetzung zu handeln. Barron erzählt die allseits bekannte Story vom aus Holz geschnitzten Pinocchio (Stimme: Jonathan Taylor-Thomas), der eines Tages zum Leben erwacht. Sein Schöpfer, der Puppenmacher Gepetto (Martin Landau), erfährt durch den quirligen Kerl neuen Sinn im Leben. Doch Pinocchio wünscht sich nichts sehnlicher als ein echter Junge zu sein. Also er begibt er sich auf ein großes Abenteuer voller Gefahren, in dem er die Welt – und sich selbst – erkundet.
Bei genauerem Hinsehen erweist sich Barrons Neufassung aber als durchaus mutige, moderne Version eines alten Stoffes, die sich in einigen Punkten stark von Collodis Pinocchio – und den meisten Vorgängerfilmen – unterscheidet. Die deutlichsten Änderungen: Pinocchio sucht am Schluss des Films nach Gepetto und nicht, wie im Roman, bereits in der Mitte der Handlung. Zudem ergänzte Barron den Plot um einen subtil eingestreuten Origin-Subplot rund um Gepetto und seine große Liebe.
Bahnbrechende Produktionstechnik
Das Bemerkenswerte an „Die Legende von Pinocchio“ war allerdings seine technische Umsetzung und visuelle Gestaltung. Der Holzjunge erscheint hier nicht animiert oder als Zeichentrickfigur, sondern als animatronisch zum Leben erweckte Holzpuppe – eine Marionette, sowohl mechanisch als auch händisch bzw. manuell gesteuert. Fünf Puppenspieler manövrierten Pinocchio an unsichtbaren Fäden durch die tschechische Hauptstadt Prag, in der der Film hauptsächlich entstand.
New Line Cinema
Pinocchios realistische Mimik geht ebenfalls auf die Animatronic-Technik der Trickeffekte-Schmiede von Jim Henson („Der dunkle Kristall“, „Die Muppets“) zurück. Der Rest: echte Schauspieler und reale Kulissen. Diese Mischung aus Realfilm, CGI (Charaktere wie die Grille „Pepe“ sind computeranimiert) und der „elektronisch-händisch“ gesteuerten Titelfigur funktioniert wunderbar und hebt „Die Legende von Pinocchio“ bis heute von vielen anderen Verfilmungen ab.
In „Guillermo del Toros Pinocchio“ wagte sich 2022 einer der größten Fantasy-Regisseure unserer Zeit an eine – mit Stop-Motion-Technik umgesetzte – „Pinocchio“-Adaption. Der Mexikaner konnte viele seiner Wunschprojekte und filmischen Visionen bislang erfolgreich umsetzen. Ein Klassiker der Sci-Fi-Horror-Literatur aber wartet noch immer darauf, von del Toro verfilmt zu werden – obwohl er sich dem Projekt schon viele Jahre gewidmet hat:
Guillermo del Toro, James Cameron, Tom Cruise: Seit über 20 Jahren ist es keinem von ihnen gelungen, diesen Sci-Fi-Klassiker zu verfilmen