Ein globaler Bestseller, der gleichermaßen für seine zu Herzen gehende Liebesgeschichte wie für seine politische Aussagekraft gelobt wird, trifft auf einen Regisseur, der sich auf bildgewaltige Epen spezialisierte: Im Falle von „Doktor Schiwago“ wurde diese vielversprechende Kombo ihren monumentalen Erwartungen gerecht!
Das sich vor historischer Kulisse entfaltende Drama auf Basis des gleichnamigen Romans von Boris Pasternak wurde trotz einer exorbitanten Laufzeit von über 190 Minuten und einem für damalige Zeiten stattlichen 11-Millionen-Dollar-Budget zum massiven Kassenschlager! Weltweit wurden laut Guinness World Records über 248 Millionen Eintrittskarten verkauft, womit „Doktor Schiwago“ einen der größten Hits der gesamten Kinogeschichte darstellt:
Inflationsbereinigt beläuft sich das weltweite Einspielergebnis auf über 2,6 Milliarden Dollar! Allein in Deutschland wurden mehr als 13 Millionen Tickets für „Doktor Schiwago“ gelöst, somit befindet sich David Leans Romanadaption auf dem siebten Platz der größten Kinoerfolge in der Bundesrepublik. Wenn ihr angesichts dieser Erfolgszahlen Blut geleckt haben solltet: „Doktor Schiwago“ ist auf diversen Plattformen als VoD verfügbar, darunter bei Amazon Prime Video:
Darum geht es in "Doktor Schiwago"
Das frühe 20. Jahrhundert in Russland: Die Anspannungen im Land nehmen unaufhaltsam zu! Noch gelingt es den Zaren, das gegen sie aufbegehrende Volk zu unterdrücken. Doch die durch klaffende soziale Ungleichheiten befeuerten, anti-monarchistischen Tendenzen münden in immer lautere Proteste, die die Mächtigen bloß noch durch Gewalt in Zaum halten können. Wandel liegt in der Luft – und die Bevölkerung begegnet dem ebenso mit Hoffnung wie mit Angst. In diesem Klima wird der verwaiste Yuri Schiwago (Omar Sharif) von seinem Onkel in Moskau großgezogen.
Er verliebt sich in die Tochter seiner Pflegeeltern, die von Frankreich faszinierte Tonja (Geraldine Chaplin). Doch als ein Krieg ausbricht, wird der zum Poet und Arzt herangewachsene Yuri an die Front berufen, wo er der Krankenschwester Larissa Antipowa (Julie Christie) begegnet. Die stets Lara genannte Schneiderstochter bekam die politischen Unruhen aus nächster Nähe mit – auch aufgrund ihres politisch aktiven, ungestümen Freundes Pavel (Tom Courtenay). Durch Pavels Einfluss müsste der pazifistische Yuri ihr zuwider sein, und dennoch entwickelt sich etwas Verbotenes und Tragisches zwischen ihnen...
Zehrende Dreharbeiten, betörendes Ergebnis
Das Epos wurde zwar zu Teilen auch in Portugal, Kanada und Finnland gedreht, Lean wählte allerdings gezielt Spanien als zentralen Produktionsstandort aus, weil ihm Wetterexperten einen schneereichen Winter garantierten. Stattdessen erlebte Spanien während der Produktion von „Doktor Schiwago“ den wärmsten Winter seit 50 Jahren, weshalb viele als Außenszenen angedachte Passagen im Studio mit Kunstschnee aus Marmorstaub gedreht werden mussten. Zudem kam das Projekt holprig aus dem Startblock:
Ursprünglich wurde der spätere „Wenn die Gondeln Trauer tragen“-Regisseur Nicolas Roeg als Kameramann angeheuert. Allerdings bekamen sich Roeg und Lean in die Haare, woraufhin Roeg hinschmiss. Lean griff daher für den Löwenanteil des Drehs auf Freddie Young zurück, mit dem er zuvor „Lawrence von Arabien“ gemacht hat. Ein imposanteres Gespann aus Regisseur und Kameramann lässt sich im Genre des Historien-Abenteuers kaum finden – schließlich hat die FILMSTARTS-Community sowohl „Lawrence von Arabien“ als auch „Doktor Schiwago“ in ihre Top Ten gewählt:
4,49 von 5 Sternen! Das ist das beste Historien-Abenteuer aller Zeiten – laut den deutschen ZuschauernAls immens erfolgreicher, hoch angesehener Klassiker mit polternder Produktionsgeschichte wurde „Doktor Schiwago“ auch zum Mittelpunkt urbaner Mythen: Es hält sich hartnäckig das Gerücht, die ungarische Schauspielerin Lili Muráti sei während des Drehs vor laufender Kamera unter einen Zug geraten und habe ihre Beine verloren. Die Wahrheit ist, dass Murátti beim Dreh der Szene, in der ihre Figur auf einen fahrenden Zug aufzuspringen versucht, tatsächlich abgerutscht ist, aber mit vergleichsweise harmlosen Blessuren davonkam und dieselbe Szene drei Wochen später nochmal drehen konnte.
Obwohl dies in der David-Lean-Biografie des Filmhistorikers Kevin Brownlow* detailliert beschrieben wurde, findet die tragischere, falsche Nacherzählung der Ereignisse weiter Verbreitung. Weniger bekannt sind derweil die Kniffe, mit denen die Schlachtsequenz auf einem gefrorenen See gefilmt wurde: Man legte eine mit Kunstschnee bestäubte, riesige Gusseisenplatte in ein ausgetrocknetes Flussbett – dank geschickter Lichtsetzung entstand so die Illusion, der Cast würde sich auf Eis bewegen. Inszenatorisch und dramaturgisch ließ sich Lean bei dieser Sequenz zudem von einem Kriegsepos beeinflussen, das auch George Lucas und Christopher Nolan zu inspirierte:
Er war Inspiration für Darth Vader & "Conan der Barbar" und wurde einst sogar verboten: Monumentaler Kriegsfilm erscheint erstmals auf Blu-raySo imposant die Massenszenen in „Doktor Schiwago“ sein mögen, das pochende Herz des Films bleibt die zentrale, herzzerreißende Liebesgeschichte. Dadurch, wie Lean Naturmotive und sehnsüchtige Blicke in Spiegel sowie durch Fenster einsetzt, um diese von politischen Umbrüchen und gesellschaftlichen Bewegungen beeinflusste Romanze zu erzählen, gewinnt der gewaltige Herzschmerz außerdem eine poetische Eleganz. Vielleicht berührt „Doktor Schiwago“ auch daher unzählige Filmfans, die sonst allergisch auf alles reagieren, dem man Kitsch unterstellen könnte?
Die sensationelle, getragene Filmmusik von Maurice Jarre, die Revolution, Krieg, Liebesleid und rares Glück zu einem erstaunlichen Gesamtpaket verschnürt, scheut sich indes nicht davor, Gefühle unverblümt auszudrücken. Diese mitreißende Direktheit wurde entlohnt: Jarre erhielt einen der fünf Oscars, mit denen „Doktor Schiwago“ ausgezeichnet wurde. Goldjungs gab es außerdem in den Sparten „Bestes Kostümdesign“, „Bestes adaptiertes Drehbuch“, „Beste Kamera“ und „Bestes Szenenbild“.
Übrigens: Beinahe wäre gar nicht Omar Sharif in der Titelrolle besetzt worden! Laut seiner Autobiografie war „The Dark Knight“-Star Michael Caine erste Wahl für den Part und kam sogar so weit, Testaufnahmen mit Julie Christie zu drehen. Als sich Caine jedoch gemeinsam mit Lean die Aufnahmen ansah, habe er erkannt, die falsche Wahl für die Rolle zu sein und schlug Sharif als Ersatz vor.
Um ein ungleich weniger bekanntes Epos von David Lean dreht sich übrigens der nachfolgende Artikel:
"Sie haben den Film in der Luft zerrissen": Nach diesem 3-Stunden-Epos wollte einer der größten Regisseure aller seine Karriere beendenDies ist eine aktualisierte Wiederveröffentlichung eines bereits zuvor auf FILMSTARTS erschienenen Artikels.
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