Bereits mit „Das Lehrerzimmer“ begeisterte der gebürtige Berliner mit türkischen Wurzeln vor drei Jahren das Berlinale-Publikum. Anschließend gab es dafür den Deutschen Filmpreis in fünf Kategorien (u.a. für den Besten Film) sowie eine Oscar-Nominierung als Bester internationaler Film. Wetten, dass İlker Çatak mit „Gelbe Briefe“ (-> hier gibt’s die ausführliche FILMSTARTS-Kritik) beim Deutschen Filmpreis 2026 auch wieder hoch im Kurs stehen wird!
Es ist die Geschichte der gefeierten Schauspielerin Derya (Özgü Namal) und des angesehenen Theaterprofessors Aziz (Tansu Biçer) – einem türkischen Ehepaar, das wegen seiner regimekritischen Haltung Repressalien erfährt. Als beiden die berüchtigten gelben Briefe zugehen, verlieren sie ihre Jobs und damit jegliche Lebensgrundlage. Obwohl der Plot in Ankara und Istanbul spielt, wurde der Film in türkischer Sprache komplett in Berlin und Hamburg gedreht, was der anti-autokratischen Aussage eine universelle Kraft verleiht.
FILMSTARTS: Herzlichen Glückwunsch zum Goldenen Bären! Wie wichtig war es, diesen Film für den Wettbewerb einzureichen?
İlker Çatak: In erster Linie verschafft dir die Berlinale eine gute Bühne, viele Leute sehen den Film und Aufmerksamkeit wird generiert. Oftmals haben Filme ja das Problem, dass sie in der Fülle an anderen Filmen verschwinden und keine Sichtbarkeit kriegen. Das ist natürlich durch die Berlinale gegeben, vor allem durch den Wettbewerb.
FILMSTARTS: Was bedeutet es dir, den Goldenen Bär gewonnen zu haben?
İlker Çatak: Es ist toll. Es ist ein Jugendtraum, der in Erfüllung geht. Und er gibt der harten Arbeit vieler talentierter Menschen eine Sichtbarkeit, die sehr besonders ist.
FILMSTARTS: Inwieweit könnte der Berlinale-Eklat nach der Preisverleihung um den Film „Chronicles From The Siege“ einen Schatten über deine Freude werfen?
İlker Çatak: Meine Freude ist nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass die Berlinale ein offener Raum des künstlerischen Diskurses bleibt, in dem auch unbequeme Stimmen ihren legitimen Platz behaupten können.
FILMSTARTS: Wie ist die Idee zu „Gelbe Briefe“ überhaupt entstanden?
İlker Çatak: Die Idee kam mir, als ich 2019 in Istanbul war, wo ich mit Theaterleuten ins Gespräch kam, die mir von ihren Entlassungsbriefen erzählten. Ich wusste zwar von den Rauswürfen, die nach dem Putsch 2015 und der großen Friedenspetition 2016 stattgefunden hatten. Dass aber so unmittelbar zu hören, machte etwas mit mir. So kam schnell die Idee auf, das Ganze mit einer Art von Familiendynamik zu verbinden. Wir wälzten Literatur, bis 2022 schließlich die erste Fassung vorlag.
FILMSTARTS: Stand zu dieser Zeit schon fest, wo die Geschichte spielen soll?
İlker Çatak: Es war klar, dass sie in Ankara und Istanbul spielen soll. Irgendwann merkte ich aber, dass mich etwas wurmt. Ich lebe in Deutschland und will einen Film über Menschen in der Türkei drehen? Dieses Gefühl teilte ich mit meinem türkischen Co-Produzenten und Co-Autoren Enis Köstepen. Er meinte, warum gehen wir nicht mit dem Film ins Exil? Es leben so viele Türken im deutschen Exil, und die Probleme, die wir im Film beschreiben, ist durch die Abwanderung auch Teil der deutschen Geschichtsschreibung. Wie wäre es eigentlich, wenn der Film in Deutschland gedreht würde? So führte eines zum anderen.
FILMSTARTS: Wie kam es dann dazu, dass Berlin zu Ankara und Hamburg zu Istanbul wurde?
İlker Çatak: Berlin und Ankara natürlich, weil es die Hauptstädte sind, und Istanbul am Bosporus und Hamburg an der Elbe fühlte sich irgendwie auch stimmig an. Wir haben einfach geschaut, wo findet die Türkei in Deutschland statt. Wir haben nichts künstlich hergestellt, sondern nur geschaut, welche Drehorte und Nachbarschaften so aussehen, dass man glaubt, in der Türkei zu sein. Ich glaube, viele Leute, die den Film sehen, ohne zu wissen, dass Berlin als Ankara gezeigt wird, würden gar nicht merken, dass das eine deutsche Stadt ist.
FILMSTARTS: Wobei du manchmal auch bewusst deutsche Symbole eingebaut hast …
İlker Çatak: Als Verfremdungseffekt, um den Zuschauenden kurz daran zu erinnern, dass das immer noch eine Einladung zur Reflexion ist. Das ist nicht die Geschichte von den Leuten „da drüben“.
Alamode Film
FILMSTARTS: Du hast mehrmals von Orientalismus gesprochen, den du vermeiden wolltest. Kannst du erklären, was genau du damit meist?
İlker Çatak: Orientalismus ist diese klischierte Darstellung von einer Idee des Orients. Also Motive und Muster, die man dort verortet. Ein gewisser Orient-Kitsch, den wir vermeiden wollten. Auch bei der Musik dachte ich, man könnte in beide Richtungen gehen – entweder ganz orientalische Musik oder westliche Klassik. Schließlich fühlte es sich stimmig an, auf der einen Seite im Film intradiegetisch quasi eine Soundkulisse zu schaffen, die orientalisch klingt, etwa mit dem Muezzin-Ruf und diversen Straßensounds, und auf der anderen Seite Musik extradiegetisch so zu verwenden, dass sie westlich klingt, angelehnt an westlicher Klassik.
FILMSTARTS: Inwieweit ist die türkische Kultur nicht schon längst in die deutsche Kultur integriert worden, wenn man bedenkt, dass die ersten Menschen aus der Türkei bereits Anfang der Sechzigerjahre zu uns kamen?
İlker Çatak: Ja, in Berlin mag man damit großgeworden sein, aber Lieschen Müller aus Baden-Württemberg kennt das wahrscheinlich nicht.
FILMSTARTS: Aber weil Du von einer Vermeidung von Orientalismus sprichst. Ist das in Deutschland überhaupt noch möglich?
İlker Çatak: Natürlich nicht. In dem Moment, wo du im Film eine Moschee zeigst, bedienst du natürlich bestimmte Muster. Das ist nicht vermeidbar, aber man muss es auch nicht forcieren. Wir haben es also nicht extra hergestellt. Im Kino spielen Geschichten aus der Türkei oft auf dem Lande. Was mir dabei zu kurz kommt, ist, dass es dort auch eine intellektuelle Schicht gibt mit Menschen, die sich mit Theater auskennen und Kunst an den Wänden hängen haben, wie wir auch hier in Westeuropa. Ich dachte, warum nicht mal ein Film über diese Menschen machen?
Die Schönheit der türkischen Sprache
FILMSTARTS: Wie organisch entwickelte sich daraus die Entscheidung, „Gelbe Briefe“ trotz des Drehs in Deutschland in türkischer Sprache zu drehen?
İlker Çatak: Das war von Anfang an der Plan. Das habe ich nie hinterfragt. Ich liebe die Sprache, die mit ihren tollen Bildern und Metaphern wahnsinnig schön ist. Leider geht das in Übersetzungen oftmals flöten. Ich hatte einfach auch eine Sehnsucht danach und dachte, ich würde gern mit deutschem Steuergeld ein Film einfach mal komplett auf türkisch drehen. Denn es gibt in Deutschland Menschen, die das brauchen, die auch Steuern zahlen und einfach mal einen türkischen Film auch auf Türkisch sehen wollen. Das war nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine politische Entscheidung.
FILMSTARTS: Bist du dabei auf Bedenken oder gar Widerstände bei deutschen Filmförderern gestoßen?
İlker Çatak: Nein, das hat alles gut geklappt. Es gab keine Diskussionen, man war da sehr progressiv. Es gibt natürlich die Sender, die einem Fernsehpublikum nicht zwei Stunden mit Untertitel zumuten wollen. Das verstehe ich auch, weshalb wir auch eine deutsche Synchronfassung hergestellt haben. Darauf bin ich jetzt nicht stolz, aber es ist okay. Ich würde aber gern alle ermutigen, sich den Film in Originalsprache mit Untertiteln anzusehen. Das klingt einfach auch so schön.
FILMSTARTS: Wie erklärst du dir, dass der türkische Film an sich hierzulande nur von den wenigsten wahrgenommen wird?
İlker Çatak: Da kann ich nur spekulieren, aber ich glaube, dass wir hierzulande verglichen mit Frankreich generell kein sehr interessiertes Kinopublikum haben. Die wenigen Filme, denen die größte Aufmerksamkeit zuteilwird, sind jene, die auch Geld für die Werbung im Rücken haben. Das sind oftmals leider amerikanische Produktionen. Man selber muss die Bereitschaft haben, aktiv die anderen Filme zu suchen. Es gibt Filme, die kommen zu dir, und es gibt Filme, zu denen musst du hingehen – und das sind dann oftmals die besonderen Filme.
Alamode Film
FILMSTARTS: Stimmt es, dass du überlegt hattest, „Gelbe Briefe“ von einem türkischen Regisseur drehen zu lassen?
İlker Çatak: Ja, ich hatte das Gefühl, Tourist im eigenen Drehbuch zu sein, weil ich nicht selbst dort lebe. Das müsste dann besser jemand aus deren Reihen machen. Aber in dem Moment, wo klar war, wir drehen den Film in Deutschland, bekam das Ganze eine andere Ebene. Da ergab es plötzlich Sinn, dass ich den Film inszeniere. Zuvor habe ich mir aber den Segen von Emin Alper, der auf der Berlinale für „Salvation“ mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, geholt. Ich gab ihm das Drehbuch zum Lesen und er mir seinen Segen, den Film, der auch seine Geschichte darstellt, zu drehen.
FILMSTARTS: Somit stand auch fest, dass du mit einem Schauspiel-Ensemble aus der Türkei arbeiten würdest?
İlker Çatak: Wir haben überall gesucht, in ganz Europa. Aber in der Türkei gibt es einfach den größten Pool mit den besten Schauspielerinnen und Schauspielern. Özgü Namal habe ich schon mit 15 in Istanbul auf der Bühne gesehen und war schockverliebt. Seitdem wollte ich mit ihr arbeiten. Tansu Biçer habe ich auch auf der Bühne gesehen. Er brauchte nur zwei Sätze sprechen, und ich wusste sofort, das ist mein Aziz. Wir haben aber auch türkische Leute aus der Schweiz, aus Frankreich und natürlich Deutschland für den Film zusammengekommen.
FILMSTARTS: Wie fühlte sich das für alle an, diesen Film an deutschen Drehorten, die die Türkei darstellen, zu drehen?
İlker Çatak: Ich glaube, das war für viele eine ganz tolle Erfahrung. Diese Zusammenkunft mit Türkinnen und Türken aus der Türkei und anderen europäischen Ländern war wie so eine Brücke. Das war so wie als Deutscher im Ausland, der plötzlich mit anderen Deutschen arbeiten darf. Für viele war es so eine Befreiung, in der eigenen Muttersprache zu spielen.
Alamode Film
FILMSTARTS: Der Titel „Gelbe Briefe“ bezieht sich auf das Entlassungsschreiben, das regimekritischen Menschen in der Türkei droht. Wie regimekritisch ordnest du deinen Film ein?
İlker Çatak: Ich finde, es geht in „Gelbe Briefe“ nicht so sehr um eine Regimekritik, sondern darum, wie wir mit den Umständen und den Zuständen umgehen. Ich würde mir wünschen, dass der Film als Aufforderung zum Dialog verstanden wird und weniger als Anklage. Es gibt auch in Deutschland Themen, die sehr belegt sind und wo man tierisch aufpassen muss, nicht in ein Fettnäpfchen zu treten, z.B. das Thema Nahost
FILMSTARTS: Insofern spricht „Gelbe Briefe“ uns alle an?
İlker Çatak: Total! Hier in Deutschland haben wir noch eine intakte Judikative, die wir uns bewahren müssen. Denn autokratische Regierungen höhlen zuerst die Judikative aus und dann bringen sie die Medien unter ihre Kontrolle. Falls irgendwann eine Rechtsaußenpartei an die Macht kommt, müssen wir wirklich aufpassen, dass das nicht stattfindet. Unsere Gerichte und Staatsanwaltschaften müssen sich vorbereiten und wappnen, dass das wasserdicht bleibt.
FILMSTARTS: Soll „Gelbe Briefe“ auch in die türkischen Kinos kommen?
İlker Çatak: Hoffentlich! Man braucht aber die Genehmigung des Kultusministeriums, und die wir beantragen wir jetzt.
„Gelbe Briefe“ läuft ab dem 5. März deutschlandweit in den Kinos.