2003 erschuf sich Wolfgang Becker mit der Wende-Komödie „Good Bye, Lenin!“ selbst ein filmisches Denkmal – und mehr als 6,6 Millionen deutsche Besucher*innen strömten in die Kinos. Nun meldet sich der Kult-Regisseur mit dem warmherzigen Werk „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ (» zur FILMSTARTS-Kritik) zurück, wobei er den Erfolg seines Films nicht mehr selbst erleben wird. Wolfgang Becker starb nach Abschluss der Dreharbeiten im Dezember 2024. Basierend auf dem gleichnamigen Bestseller erzählt „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ von dem schluffigen Videothekenbesitzer Micha Hartung (Charly Hübner), der von Presse und Politik pünktlich zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls zum DDR-Helden hochgejubelt wird – selbst wenn sich die Geschichte mit der S-Bahn damals womöglich gar nicht so abgespielt hat, wie es in seiner Stasi-Akte steht…
Charly Hübner überzeugt in der Dezember-Wahl für unsere Aktion „Deutsches Kino ist [doch] geil!“ als Hochstapler wie als Romantiker. Die Ost-West-Komödie enttarnt sich als messerscharfe Mediensatire mit einem Schuss Liebe und Nostalgie. FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl hat Charly Hübner im Vorfeld der Berlin-Premiere getroffen. Der Schauspieler spricht über die besonderen Dreharbeiten mit dem zu diesem Zeitpunkt bereits schwer erkrankten Wolfgang Becker, über dessen Detailverliebtheit am Set und die ganzen megacoolen T-Shirts, die seine Figur im Verlauf des Films trägt:
FILMSTARTS: Micha Hartung wird von der Presse unfreiwillig zum Helden vom Bahnhof Friedrichstraße aufgebauscht. Ganz nach dem Motto: „Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.“ Er verstrickt sich im Lügennarrativ, sieht am Ende sogar in seiner Geschichte „ein bisschen mehr Wahrheit als in der Wirklichkeit“. Mal Hand aufs Herz: Sind alle Geschichten, die man über dich in der Presse liest, wahr? Oder hat mal jemand was dazu erfunden, „damit sich's schöner liest"?
Charly Hübner: Also mir ist das bisher nicht untergekommen. Eigentlich würde man auch gucken, was Social Media mit einem so vorhat, aber ich bin da jetzt seit fast anderthalb Jahren raus. Das finde ich richtig schön. Das ist eine totale Entspannung in meinem Leben.
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FILMSTARTS: In „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ steckt so viel Herzblut. Ich habe vor Freude geglüht, als ich aus dem Kino kam. Was war das Persönlichste an dem Film für dich?
Charly Hübner: Das Persönlichste war unterm Strich, dass ich vor etwas mehr als drei Jahren eine Mail bekommen habe, ob ich Wolfgang Becker treffen wollen würde. Ich kenne zwar alle seine Filme und die Kollegen, die bei ihm gespielt haben, fand das aber trotzdem lustig, weil das sowas ist, was ich einfach nicht auf dem Zettel hatte. Dann trafen wir uns in meinem Stammlokal in Hamburg. Das hatte eigentlich zu, wir durften aber trotzdem rein. Wir redeten über Gustav Mahler, über Weißwein und über Rock'n'Roll, weil Wolfgang Becker ein totaler Beatles-Fan gewesen ist. Wir waren zwei Männer unterschiedlicher Generationen, die trotzdem irre viel gemeinsam hatten.
FILMSTARTS: Und dann wurde es konkret?
Charly Hübner: Er legte mir am Ende des Gesprächs ganz schüchtern Maxim Leos Roman hin und sagte: „Guck doch mal, ob das was für dich ist.“ Ab dann entstand über zwei Jahre eine Art von Gespräch, wie ich es so noch nie hatte. Er hat zum Beispiel gefragt: Wo bist du gerade im Wald? Magst du Wald? Dann ging es um Wald. Dann um Gustav Mahlers Erste und dass er mit der zweiten Symphonie einen Riesensprung gemacht hat. Dann fragte er: Wen findest du für die weibliche Hauptrolle gut? Das ging immer hin und her. Auf einmal waren zwei Jahre rum und ich hatte das Gefühl, ich habe jetzt eine Ewigkeit mit einem Freund gequatscht – und dann wurde gedreht.
FILMSTARTS: Es war Wolfgang Beckers letzter Film. Hat es sich anders angefühlt, weil er trotz seiner Krankheit all seine Kraft in das Projekt gesteckt hat?
Charly Hübner: Ja, sicher war es so. Er hat es mir dann irgendwann im Frühjahr gesagt. Ich habe das im Theater schon mal mit jemandem erlebt. Man weiß ja, wie das ist, wenn Menschen krank sind und der Tod im Raum steht. Da ist alles möglich. Ich würde ja, wenn ich jetzt so beschlagen mit einer Krankheit wäre und so einen Film machen wollen würde, das auch bis zum Ende durchziehen. Diese innere Kraft hat Wolfgang klar ausgestrahlt: „Ich will diesen Film machen - und zwar mit allen Rüstungen und allen Schwertern dieser Welt.“ Das ist die Verabredung. Natürlich gab es Tage, wo es ein bisschen unklar war, wohin die Reise ging, dann trudelte der Kran so ein bisschen, aber irgendwann hat eben auch der Film selbst übernommen. Die Dinge hatten irgendwann eine innere Dynamik und beim Dreh war am ersten Abend relativ klar, wohin es geht.
FILMSTARTS: Das heißt?
Charly Hübner: Das bedeutete: in aller Ruhe. Das war nicht englischer Fußball, sondern wir haben uns das Feld erstmal angeguckt. Da wurde sich in aller Ruhe und mit Bedacht Meter für Meter vorgearbeitet und dadurch ist so ein Strom entstanden. Wenn man ihn beim Dreh etwas gefragt hat oder Kollegen kritisch über eine Textstelle gesprochen haben, war in der Regel erstmal Stille. Wolfgang hat in sich reingehorcht, wo die allerrichtigste Antwort sitzt. Das fand ich geil. Wolfgangs Filme haben eine Weite, die sehr mit seinem Wesen zu tun hat und mit diesen Pausen, die er in Gesprächen macht.
FILMSTARTS: Und beim Drehen?
Charly Hübner: Beim Drehen haben wir ganz wenig kommuniziert. Es lief eigentlich alles über Blicke, über Atmosphäre. Wolfgang musste den ganzen Kram von außen organisieren und gucken, dass sein Filmbild entsteht – und ich musste ja mit diesem ambitionslosen Kerl diese Reise machen. Und da kannst du dich ja nicht, so wie wir jetzt, auf so einer dritten Ebene hinsetzen und quatschen. Dafür sind dann die Drehpläne viel zu eng.
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FILMSTARTS: Wofür bist du besonders dankbar?
Charly Hübner: Ach je, das ist natürlich auch viel. Ich habe meine Freundin Christiane Paul wieder getroffen, mit der ich alle zehn Jahre einen großen Film machen darf. Immer in einer anderen Konstellation. Mal sind wir Geschwister, mal Eltern, mal ein Liebespaar. Für mich war auch ganz stark, in diesen Wolfgang-Becker-Kosmos reinzukommen, dass dann Daniel Brühl vorbeigekommen ist und Jürgen Vogel und Peter Kurth ...
FILMSTARTS: … der ja auch schon das Hörbuch zum Roman eingesprochen hat …
Charly Hübner: … und Dirk Martens als „Aktenwurm“. Es war für mich auch toll, dass Leonie Benesch meine Tochter gespielt hat. Die Beziehung zu ihr ist die einzige bestehende Beziehung in Michas Leben. Er hat dieses Kind allein großgezogen und sie ist eine fantastische Frau geworden. Gemeinsam teilen sie ein Lebensgeheimnis miteinander. Da brauchst du jemanden, der es gut führt – und da ist Leonie einfach der Kracher gewesen.
FILMSTARTS: Wunderbar ist in „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ auch die Liebe zum Detail. Im Abspann werden viele Ost-Produkte aufgelistet und du trägst T-Shirts von Ost-Bands. Die T-Shirt-Aufschrift „Was wird Yvonne dazu sagen“ bezieht sich auf einen berühmten Spruch der Olsenbande – und im Kiosk gegenüber der Videothek läuft sogar ihr Titelsong …
Charly Hübner: Dieser Bezug von Micha Hartung zu der Olsenbande taucht auch schon bei Maxim Leo auf. Die sind Kult im Osten gewesen. Es ist aber auch so ein Blick aufs Leben. Du kannst in der Diktatur – das können wir ja gerade wieder beobachten in verschiedenen Staaten – nicht mehr das sagen, was du denkst, also machst du eine Nebenbaustelle auf: „Was würde Yvonne dazu sagen, wenn die Partei mit mir schimpft?“ Du kannst alles damit kombinieren. Ähnliches gilt für den Olsenbande-Spruch „mächtig gewaltig!“ Da ist so ein Puffer von punkiger Lässigkeit, aber auch ironischer Abstand und Skepsis mit drin. Wenn einer kommt und damit angibt, was für ein erfolgreicher Unternehmer oder glücklicher Mensch er ist, dann sagst du nur „mächtig gewaltig”. Dann ist das Ding einfach weggepustet!
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FILMSTARTS: Wie kams denn nun eigentlich zu der Fülle an T-Shirts?
Charly Hübner: Wolfgang Becker hat „Paul Is Dead“ von Fehlfarben mit ins Drehbuch geschrieben und ich dachte dann über meine Figur: Wenn der in Prenzlberg diese Videothek hat und in dem Alter ist, dann kennt er diese ganzen Kapeiken! Die Skeptiker, Feeling B, Herbst in Peking und so weiter. Also mussten die eigentlich auch rein in den Film, weil das genau diese Haltung von „Was würde Yvonne dazu sagen?“ ist.
FILMSTARTS: Sind das deine T-Shirts?
Charly Hübner: Nein. Die Bands gibt es nicht mehr. Also habe ich mich mit den Musikern connectet. Dann habe ich gefragt, ob wir quasi die Rechte kriegen. Die Bands haben mit X-Filme geredet und wir haben dann so Special-Edition-mäßig zwei oder drei Stück für den Dreh gedruckt.
FILMSTARTS: Du bist seit deiner Jugend Heavy-Metal-Fan, spielst in der Serie „Legend Of Wacken“ den Wacken-Mitbegründer Holger Hübner. Deine Frau Lina Beckmann hat einmal gesagt: „der scheißt sich nichts“. Kommt diese Einstellung vom Heavy Metal?
Charly Hübner: Mit Sicherheit. Wenn du in den 80er Jahren in der DDR-Provinz Heavy-Metaler wurdest, dann musstest du jeden Samstagabend dazu stehen, was du spürst, weil du ja nur doof wegkommentiert wurdest: Wie siehst du aus? Schneid dir mal die Haare! In der Metal-Clique waren wir zu fünft und mit den Punks zusammen waren wir 20. Also 20 gegen 500 in so einer Samstagabend-Disco. Wir hatten keine coolen Metal-Klamotten, so ohne Geld und Westbeziehungen. Wir sahen wirklich aus wie diese Thrash-Metaler aus dem Ruhrgebiet: Irgendwelche alten Armeejacken, dazu ausgetretene Turnschuhe. Wir waren eben nicht diese Lederjacken-Rocker, sondern eben die, die sich nicht scheißen. Das hilft im Leben.
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FILMSTARTS: Micha Hartung beschreibt seinen Filmgeschmack kurz und knapp: „Mein Geschmack ist simpel. Olsenbande, Louis de Funès und Sophie Marceau.“ Steckt da trotzdem auch viel Charly Hübner in seinem Filmgeschmack? Also Louis de Funès hast du schon öfter in Interviews genannt…
Charly Hübner: Naja, das ist alles Maxim Leo, aber natürlich kenne ich das alles und warum soll ich als Schauspieler diese Technik, die Louis de Funès sozusagen nach Charlie Chaplin und Stan & Ollie vor allem in die europäische Filmgeschichte reingedrückt hat, doof finden? Das ist ja fantastisch und genauso toll wie Monty Python. Wie Louis de Funès alles choreografiert hat, das ist nach wie vor absolut großartig!
FILMSTARTS: Für mich hat Christiane Paul als Paula etwas Französisches, ist irgendwie auch so eine Sophie-Marceau-Figur…
Charly Hübner: Bei Sophie Marceau war ich einen Tick zu spät dran. Als „La Boum“ explodierte, war ich schon im eigenen Leben drin. Das waren für mich dadurch viel zu kitschige Filme. Ich habe die Filme dann 20 Jahre später gesehen und gedacht, dass sie ja wirklich gut gemacht sind. Aber damals was das so wie bei „Dirty Dancing“: Haltet es fern von meiner harten Metal-Seele. Hinfort!
FILMSTARTS: Wann warst du eigentlich das letzte Mal in der Videothek und welchen Film hast du ausgeliehen?
Charly Hübner: Egal, wo ich gewohnt habe, war ich immer in mindestens drei Videotheken Mitglied. Ich überlege gerade, ob das letzte Mal tatsächlich eine Bunuel-Reihe in der Filmgalerie 451 in der Torstraße war. Dann sind die Videotheken ja nach und nach verschwunden und ich habe für mich selbst eine Videothek zu Hause aufgebaut und hatte dann irgendwann 3.000 DVDs rumstehen. Alles, was man jetzt streamen kann, habe ich inzwischen raussortiert und nur noch die Sachen, die durch dieses ganze Streamen verschwinden. Die ganzen Super-Editionen aus England und so. Das sind Filme, die du nicht mal bei MUBI findest.
FILMSTARTS: Manche Filme existieren dann einfach nicht mehr, weil sie weder auf DVD rauskommen oder zu streamen sind…
Charly Hübner: Naja, man hat wieder diese Situation vor VHS, dass Filme nur dann geguckt werden können, wenn sie im Kino laufen oder im Fernsehen gezeigt werden. Das Tolle an Video war ja, dass du dir einfach Filme holst, die guckst und sofort was über Coolness, über Kultur, über Ästhetik, über Geschichte oder was auch immer lernst. Dass eine Gesellschaft sich das freiwillig nimmt, nur um einen größeren Kapitalumsatz zu erzeugen, ist zutiefst tragisch.
FILMSTARTS: Wir sind hier ja bei „Deutsches Kino ist [doch] geil!“ Welchen deutschen Kinofilm kannst du empfehlen, den jede Person einfach unbedingt sehen sollte – nachdem sie sich „Der Held vom Bahnhof Friedrichsstraße“ mindestens dreimal im Kino angesehen hat, natürlich?
Charly Hübner: Auf jeden Fall „In die Sonne schauen“ von Macha Schilinski, der jetzt auch für Deutschland im Oscarrennen unterwegs ist. Der ist der Wahnsinn. Das ist ein ganz anderer Blick auf Geschichte, wo Leben einfach so spürbar wird. Ich finde, der muss in die Schule. Jeder sollte auch „The Zone Of Interest“ gucken. Und jetzt gerade, weil er sozusagen das Rätsel fortführt, „Franz K.“ über Franz Kafka.
„Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ läuft seit dem 11. Dezember in den deutschen Kinos – und dazu hatten wir Regisseur Achim von Borries, der den Film nach dem Tod von Wolfang Becker für seinen Freund und Mentor zu Ende gebracht hat, bei uns in der aktuellen Folge unserer Podcasts Leinwandliebe zu Gast: