Mit seiner ebenso urkomischen wie tiefberührenden Tragikomödie „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ liefert Simon Verhoeven seinen bisher persönlichsten Film ab (und sahnt damit zum ersten Mal in seiner Karriere 4,5 Sterne in der offiziellen FILMSTARTS-Kritik ab). Dabei stammt die Vorlage von Joachim Meyerhoff, der in seinem Bestseller-Roman eigene Jugenderinnerungen verarbeitet. Bruno Alexander spielt den Theaterstar in jungen Jahren auf der Schauspielschule.
Eine Zeit, in der Meyerhoff seinen skurrilen Großeltern - wunderbar gespielt von Senta Berger und Michael Wittenborn – ganz nah kam. Eine große Ehre für Bruno Alexander, der als 13-Jähriger erstmals im Fernsehen auftrat („Die Pfefferkörner“) und zuletzt in den Serien „Intimate“ und „Die Discounter“ brillierte. Bereits in Simon Verhoevens „Alter weißer Mann“ übernahm der gebürtige Hamburger eine kleine Rolle. Nun aber ist für ihn großes Kino angesagt:
FILMSTARTS: Du spielst in „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ deine erste Kinohauptrolle. Wie fühlt sich das an?
Bruno Alexander: Eigentlich ist das kein großer Unterschied - außer, dass es halt im Kino läuft, was ich cool finde. Es ist irgendwie alles ein bisschen größer, aber ich versuche, mich davon nicht beeindrucken zu lassen.
FILMSTARTS: Die Leinwand ist aber schon größer als die Glotze zu Hause…
Bruno Alexander: Das war tatsächlich ein ganz anderes Erleben - auf jeden Fall. Ich habe den Film allerdings nicht in einem vollen Kino gesehen, sondern vorab mit nur etwa zehn Leuten. Da war meine Befürchtung, die könnten dann eher so ein bisschen verhalten sein. Aber die haben alle trotzdem gelacht – und man hatte dadurch das Gefühl, der Saal wäre trotzdem voll. Dass der Film das geschafft hat, ist geil.
FILMSTARTS: Wie bist du überhaupt an deine erste Kinohauptrolle gekommen?
Bruno Alexander: Das habe ich eigentlich dem Sohn von Regisseur Simon Verhoeven zu verdanken. Der hat nämlich meine ganzen anderen Sachen gesehen wie beispielsweise „Intimate“ und „Die Discounter“. Da hat er seinen Vater gefragt: ‚Ey, Papa, warum spielt der nicht den Joachim?‘ Simon hatte auch meine Sachen gesehen und fand mich da irgendwie auch gut und hat mich schließlich besetzt. Wir haben dann ein Casting gemacht, aber es war mehr ein Kennenlernen. Wir haben uns gut verstanden. Die Einzige, die mich an dem Tag ein bisschen beäugt hat, war Senta Berger.
FILMSTARTS: Wirklich?
Bruno Alexander: Ich hatte das Gefühl, sie war sich nicht sicher, ob ich die richtige Besetzung bin. Das hat sich auch bestätigt. Simon hat danach gesagt: ‚Ja, sie hat dich tatsächlich beäugt.‘ Aber während des Drehs habe es irgendwann geschafft, sie davon zu überzeugen, dass ich der Richtige bin.
FILMSTARTS: Gab es da eine Situation, an der Du das festmachen würdest?
Bruno Alexander: Sie war generell eher zurückhaltend mit direktem Lob, sage ich mal. Simon hat mir irgendwann erzählt, dass sie gutfindet, was ich mache. Das war ein schöner Moment. Senta und ich haben uns auch zwischen den Takes ausgetauscht. Es war eine gute Zusammenarbeit und spannend, mit ihr zu sprechen. Die Beziehung, die Joachim im Film mit seiner Großmutter hat, übertrug sich irgendwie auch ein bisschen auf.
Warner Bros.
FILMSTARTS: Wie stehst du zu deinen eigenen Großeltern?
Bruno Alexander: Meine Großeltern leben nicht mehr. Ich war noch sehr jung, als sie gestorben sind. Ich bereue es ein bisschen, ihnen nicht immer zugehört zu haben. Ich habe oft alles so weggenickt, was sie gesagt haben. Ich habe mich über die Geschenke an Weihnachten gefreut, aber das war es auch. Eigentlich habe ich es voll verpasst, mit Menschen zu sprechen, die so viel erlebt haben und mir hätten Ratschläge fürs Leben geben können. Das habe ich bei Senta nachgeholt. Sie hat echt so viele Sachen gesagt, mit denen ich viel anfangen konnte.
FILMSTARTS: Hast du ein Beispiel dafür?
Bruno Alexander: Sie hat mir erstmal viele Filme von Fellini bis Wenders empfohlen. Dann hat sie Sachen rausgehauen, die sich zunächst wie Kalendersprüche anhört haben, aber wenn man genau hingehört hat und es auf das eigene Leben übertragen konnte, hat es voll Sinn gemacht. Sie hat auch viel über das Altern gesprochen, was mir auch eine neue Perspektive gegeben hat.
FILMSTARTS: Inwiefern?
Bruno Alexander: Junge Menschen denken ja manchmal, dass sie mit den Älteren nichts mehr anfangen können. Aber Senta sagte mir, dass man sich eigentlich immer jung fühlt. Auch sie fühlt sich jung, wird aber von außen als alt gesehen. Dadurch fühlt man sich dann auch selber alt. Das fand ich interessant, dass andere einen quasi alt machen.
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FILMSTARTS: Senta und Simon verloren 2024 einen der wichtigsten Menschen in ihrem Leben: Michael Verhoeven - Ehemann und Vater. Im Film geht es auch um den Verlust eines geliebten Menschen: Joachims Bruder stirbt 1985 bei einem Autounfall. War dieser Zusammenhang am Set irgendwie spürbar?
Bruno Alexander: Das war am Set die ganze Zeit superpräsent. Bei Senta hat es mir sogar geholfen, muss ich sagen. Sie und Simon haben diese Lücke in ihrem Leben und dadurch bekam alles etwas sehr Persönliches. Das, was sie gespielt hat, habe ich ihr einfach komplett geglaubt. Was zum einem daran liegt, dass sie eine super Schauspielerin ist, zum anderen hatte ich aber wirklich das Gefühl, dass in dem, was sie sagt, auch etwas von ihr drin ist. Ich musste einfach nur zuhören und habe Tränen in den Augen bekommen. Ich war direkt berührt und musste nicht noch groß in mich selbst reingehen, um zu gucken, wo ich das Gefühl herhole.
FILMSTARTS: Welche Szene im Film ist dir am meisten in Erinnerung geblieben?
Bruno Alexander: Die Szenen im Krankenhaus, wenn die Großmutter im Sterben liegt, habe ich noch sehr in Erinnerung. Das war schon heftig. Ich kann mir gut vorstellen, dass es für Simon nicht der schönste Anblick war, seine Mutter da so zu sehen. Das habe ich im Raum irgendwie wahrgenommen. Am Set herrschte so eine Stille. Wenn ich daran zurückdenke, überkommt mich ein bisschen Gänsehaut. Das war echt berührend und die Energie, die im Raum war, ist direkt in die Szene übergegangen.
FILMSTARTS: Für dich als Schauspieler war das sicherlich eine neue Erfahrung, oder?
Bruno Alexander: Das hat mir echt geholfen. Ich war ja auf keiner Schauspielschule und habe das Handwerk nie gelernt. Da hatte ich immer so ein kleines Defizit, was ich bisher immer mit Improvisieren ausgleichen konnte. Im Improvisieren entstehen echte Sachen, die ich dann nur auf mich wirken lassen muss. Ich muss dann gar nicht mehr spielen, sondern ich lasse einfach laufen.
FILMSTARTS: Aber bei „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ war es anders?
Bruno Alexander: Hier war es so, dass die Texte natürlich supergut geschrieben waren – sowohl von Joachim Meyerhoff als auch im Drehbuch von Simon. Da wollte ich gar nicht improvisieren, sondern die Texte so sagen, wie sie dastanden. Das war aber herausfordernd für mich, weil ich trotzdem auf etwas Echtes angewiesen war, das dann etwa von Senta kam. Als ich dann diese Monologe im Theater spielen musste, hatte ich das Problem, dass wirklich alles von mir kommen musste – Wort für Wort.
FILMSTARTS: Wie ist dir das gelungen?
Bruno Alexander: Weil ich das Handwerk nie auf einer Schauspielschule erlernt habe, musste ich mir was ausdenken, was ich authentisch darstellen konnte. An einem Tag glaubte ich mir selbst kein einziges Wort. Deshalb bin ich irgendwann herumgesprungen, habe mir auf die Beine gehauen, nur um etwas Echtes zu spüren. Das ging so weit, dass ich mir dabei den Fuß gebrochen habe. Zumindest habe ich mir das dann geglaubt, und dann ging es auch.
Leiden für die Kunst
FILMSTARTS: Moment mal, du hast dir beim Spielen tatsächlich den Fuß gebrochen?
Bruno Alexander: Ja, ich bin so herumgesprungen, dabei bin ich so heftig aufgekommen, dass der Fuß brach. Da habe ich mir wenigstens den Schmerz geglaubt und konnte mein Defizit, nie auf einer Schauspielschule gewesen zu sein, dadurch ausgeglichen.
FILMSTARTS: Wie gingen danach die Dreharbeiten weiter?
Bruno Alexander: Das passierte zum Glück am vorletzten Drehtag. Ich musste dann nur noch einen Tag mit gebrochenem Fuß durchhalten.
FILMSTARTS: Hoffentlich ohne körperlichen Einsatz?
Bruno Alexander: Doch, ich musste tatsächlich die Szenen drehen, in der ich diese ganzen Stühle zerschlage. Das war mit gebrochenem Fuß und tat auch echt weh. Das hat aber auch geholfen.
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FILMSTARTS: Zumindest im Film besuchst du ja als Joachim Meyerhoff die Otto Falkenberg Schauspielschule in München. Bist du im Nachhinein eher abgeturnt oder fasziniert von Schauspielschulen?
Bruno Alexander: Also ich wollte nie auf eine Schauspielschule gehen, weil ich glaubte, dass nimmt mir etwas von meiner Authentizität. Ich war der Meinung, Leute, die auf eine Schauspielschule gehen, verlieren das. Aber es ist genau andersherum. Diejenigen, die schon vorher eine Authentizität haben, behalten sie und können aber auch alles andere herstellen. Trotzdem habe ich nicht die Sehnsucht danach, auf die Schauspielschule zu gehen. Ich habe einfach einen riesigen Respekt davor, sich so sicher sein zu müssen, nur noch das machen zu wollen.
FILMSTARTS: Andererseits verfügst Du schon über viel Erfahrungen, stehst seit deinem 12. Lebensjahr vor der Kamera und hast schon viele Erfolge verbuchen können…
Bruno Alexander: Diese Freude an der Schauspielerei verbindet mich sicherlich auch mit meiner Figur. Was mich aber am meisten mit Joachim Meyerhoff verbindet, ist das Kleiner-Bruder-Dasein. Er ist mit zwei größeren Brüdern aufgewachsen, ich mit einem großen Bruder und einer großen Schwester. Das bringt eine Persönlichkeit mit sich, die sowohl er als auch ich habe.
FILMSTARTS: Wie meinst du das?
Bruno Alexander: Man wurde von den größeren Geschwistern eben immer so ein bisschen aufgezogen und geärgert, war der kleine Tollpatsch der Familie und sehnte sich danach, mit etwas Eigenem gesehen zu werden. Auf der Bühne sehen dich die Leute und sagen dir, das ist etwas Besonderes, was du machst. Diesen Ehrgeiz danach sehe ich auf jeden Fall bei Joachim und bei mir.
FILMSTARTS: Hast Du einen gewissen Druck gespürt, weil Joachim Meyerhoff eine reale Person ist, der mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ eine auf Tatsachen beruhende Geschichte erzählt?
Bruno Alexander: Ich habe das eher als fiktive Geschichte gesehen, muss ich sagen. Das Buch hat mich sehr berührt, und ich habe mich auch mit Joachim getroffen. Aber ich hatte nie den Ansporn, ihn genauso zu spielen, wie er ist oder war. Ich wollte ihm etwas Eigenes von mir selber geben.
FILMSTARTS: Wie denkt Joachim Meyerhoff darüber?
Bruno Alexander: Wir haben uns miteinander unterhalten, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass er mir etwas aufdrücken wollte. Mein Gefühl war eher, mein Ding zu machen. Ich hatte natürlich ein bisschen Schiss, wie er das findet. Aber er hat mir eine Nachricht geschickt, wie froh er ist, dass ich das gespielt habe, und er echt happy mit dem Film ist. Das hat mich natürlich gefreut.
Simon Verhoeven ist nach „Girl You Know It’s True“ und „Alter weißer Mann“ mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ jetzt bereits zum dritten Mal bei „Deutsches Kino ist [doch] geil!“ – und damit der alleinige Rekordhalter. Es ist also wie die Rückkehr eines alten Bekannten – und dementsprechend offen spricht er auch in der neuesten Folge unseres FILMSTARTS-Podcasts Leinwandliebe, in die es sich unbedingt reinzuhören lohnt: