"Es hat mir eine Heidenangst eingejagt": "Good Luck, Have Fun, Don’t Die"-Regisseur Gore Verbinski im FILMSTARTS-Interview
Susanne Gietl
Susanne Gietl
-Freie Autorin
Susanne Gietl ist freie Kulturjournalistin und lebt in Berlin. Sie liebt es, mit Kunstschaffenden in Interviews und Publikumsgesprächen über ihre Arbeit zu sprechen. Sie fühlt sich bei Arthouse-Filmen zu Hause, traut sich dafür aber selten in Horrorfilme.

Mit seiner „Fluch der Karibik“-Trilogie hat er Blockbuster-Geschichte geschrieben, für „Rango“ erhielt er sogar einen Oscar. Jetzt meldet sich „Ring“-Regisseur Gore Verbinski mit seinem bislang wohl abgefahrensten Projekt zurück!

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Zehn Jahre nach seinem Mystery-Thriller „A Cure for Wellness“ liefert Gore Verbinski mit der Science-Fiction-Komödie „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ (Kinostart: 12. März) einen skurrilen Mix aus „Black Mirror“, „Zurück in die Zukunft“ sowie „…und täglich grüßt das Murmeltier“ (-> zur ausführlichen FILMSTARTS-Kritik). Im Zentrum der Handlung steht ein namenloser Mann (Sam Rockwell) mit Sprengstoffgürtel und Regencape, der nach eigenen Angaben aus der Zukunft stammt und der in einem Diner in Los Angeles nach Leuten sucht, die mit ihm die Welt retten wollen ...

Der restliche Film ist ebenso durchgeknallt wie die Prämisse – und so überrascht es nicht, dass das mit der Finanzierung nicht so ganz leicht gefallen ist. Am Ende musste das L.A.-Diner deshalb auch in Kapstadt aufgebaut werden. Im Rahmen der Europapremiere von „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ auf der Berlinale hat FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl den Regisseur zum persönlichen Gespräch getroffen, in dem Gore Verbinski u. a. auch das Geheimnis des sehr außergewöhnlichem Filmoutfits von Oscargewinner Sam Rockwell gelüftet hat.

FILMSTARTS: Was für eine wilde Fahrt! Ich habe den Humor geliebt, auch wenn er teilweise sehr makaber ist. Worauf bist du besonders stolz?

Gore Verbinski: Einfach darauf, dass der Film in der heutigen Zeit überhaupt gedreht wurde und in die Kinos kommt. Besonders bei einem Film wie diesem, in dem es Szenen gibt, bei denen sich die Leute nicht sicher sind, ob sie lachen dürfen, ist das gemeinsame Kinoerlebnis so wichtig.

FILMSTARTS: „Good Luck, Have Fun, Don't Die“ fühlt sich an wie ein Videospiel. Wie hat deine frühere Arbeit an „BioShock” und „Matter” diesen Film beeinflusst?

Gore Verbinski: Es ist ein wenig, als würde man sich durch Levels bewegen. Der Mann aus der Zukunft hat schon 116 Anläufe unternommen, seine Mission zu erfüllen. Er denkt in Hindernissen: Warum komme ich gerade nicht aus diesem Raum? Warum kann ich an dieser Stelle nicht die Straße überqueren? In dieser speziellen Erzählung trifft Sams Figur auf einen Gegner, der sich konstant weiterentwickelt.

FILMSTARTS: Wie hast du auch optisch diese Computerspiel-Vibes erzeugt?

Gore Verbinski: Mir war es wichtig, den Film an Orten zu beginnen, die uns vertraut sind – in einem Diner, in einer Highschool oder auf einer Geburtstagsparty. All das kommt in einem normalen Leben auch vor. Und dann schleichen sich langsam die Anomalien ein, die immer mehr zunehmen, je näher man dem Endgegner kommt. Weil man die analoge Welt verlässt und sich der digitalen Welt nähert, wird die Umgebung immer surrealer und rätselhafter.

Das Outfit des namenlosen Protagonisten (Sam Rockwell) wird man nach dem Kinobesuch sicherlich so schnell nicht wieder vergessen! Constantin Film
Das Outfit des namenlosen Protagonisten (Sam Rockwell) wird man nach dem Kinobesuch sicherlich so schnell nicht wieder vergessen!

FILMSTARTS: In der Anfangsszene im Diner hält Sam Rockwells Figur auf der Suche nach Freiwilligen für seine Mission einen langen Monolog zwischen Überfall und Motivationsrede. Das muss man erstmal hinbekommen!

Gore Verbinski: Als ich das Skript von Matthew Robinson zum ersten Mal gelesen habe, graute es mir vor Sams elfseitigem Monolog. Es hat mir eine Heidenangst eingejagt! Aber für mich gehört das zum Filmemachen dazu, dass ich mich meiner Angst stelle und Dinge ausprobiere, von denen ich nicht weiß, ob ich sie wirklich kann. Ich habe den Monolog auf Tape aufgenommen und dann bearbeitet. Anschließend wurde Sam dabei aufgenommen und das Ergebnis bearbeitet, um ein Hörspiel zu erstellen.

Dann habe ich mit Sam in einem Lagerhaus mit Klebeband auf dem Boden die Positionen festgelegt und dabei herausgefunden, wo die versteckte Musikalität der Sequenz liegt und wo die leisen Stellen sind. Ich habe den Monolog in fünf Kapitel unterteilt. Wir haben dann das Set für den Eröffnungsmonolog aufgebaut und den Boden mit einer Art Tanzfläche gebaut, damit man keine Dolly-Schiene verlegen muss und Sams Darstellung dynamisch und rastlos bleibt. Diese Rastlosigkeit überträgt sich jetzt zum Glück auch auf die Leinwand.

FILMSTARTS: Es ist sicher verdammt schwierig, diese Energie zu halten …

Gore Verbinski: Sam Rockwell war großartig! Er bringt so viel Energie und Ehrlichkeit in seinem Spiel mit. Er ändert nur Nuancen und lässt alles leicht und authentisch aussehen. In der Szene ging es viel mehr um Musikalität. Wo wird es so gefährlich, dass er sein Messer zieht? Wo ist sein Tiefpunkt? Der Mann aus der Zukunft ist wie ein tragischer Clown. Er trägt eine tiefere Schuld in sich. Sam Rockwells Aufgabe bestand darin, ihm Relevanz, Bedeutung, Dringlichkeit und Schmerz zu verleihen.

Als wir zusammengearbeitet haben, wollten wir sicherstellen, dass diese Figur humorvoll, aber auch ernst und tragisch ist – und eine gewisse Paranoia in sich trägt. Was ist letztes Mal passiert, das die Mission gescheitert ist? Selbst eine sich drehende Cholula-Chili-Flasche kann alles ändern. Auch wenn er zum 117. Mal durch die Tür des Diners kommt, steht er von Anfang an unter Zeitdruck.

FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl beim Interview mit Gore Verbinski in einem Berliner Hotel. Webedia
FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl beim Interview mit Gore Verbinski in einem Berliner Hotel.

FILMSTARTS: Sein Auftritt im Diner ist wie eine Musicalnummer, Sam Rockwell singt sogar ein kleines bisschen. Das Sprunghafte gefällt mir gut, weil er irgendwie ein bisschen verrückt wirkt …

Gore Verbinski: Oh ja! Einen unzuverlässigen Protagonisten zu haben, macht wirklich Spaß. Man ist sich nie ganz sicher, was in dieser Sequenz eigentlich gerade passiert. Der Mann aus der Zukunft versucht, Gäste dieses Diners davon zu überzeugen, mit ihm zu kommen. Vertraut man ihm? Geht man mit ihm mit? Begleitet man ihn auf seiner Reise? Als Regisseur versucht man dasselbe mit dem Publikum zu erreichen. Dieser Typ sieht aus, als wäre er gerade aus einer Mülltonne gekrochen! Er erzählt den Leuten im Diner, dass er aus der Zukunft stammt! Er warnt sie, dass er einen Knopf drücken und dann alles in die Luft fliegen wird. Zugleich nennt er plötzlich alle Gäste beim Vornamen! Als Publikum wird man da ebenfalls ganz schön durchgerüttelt.

FILMSTARTS: Sam Rockwells Kostüm ist einfach der Wahnsinn: alte Schläuche, Katheter, verhedderte Kabel und kaputte Schaltkreise. Sein durchsichtiger Mantel ist Trash und Retrofuturismus zugleich. Er selbst hat erzählt, dass ihm sieben Leute helfen mussten, um dieses 18 Kilo schwere Monstrum auszuziehen. Das klingt hart …

Gore Verbinski: Das Outfit, das Sam trägt, ist eine Art Metapher für den gesamten Film, den auch der ist irgendwie zusammengewürfelt und handgemacht. Im Budget war kein Posten für die Herstellung von Sams Kostüm vorgesehen. Also mussten wir alles aus Schrott zusammenbauen. Wir sind zu einem kleinen Elektrolager gefahren, haben all diese alten Elektroteile herausgesucht und sie auf einem Tisch ausgebreitet. Dann haben wir das Ding einfach aus kaputten Elektronikteilen zusammengesetzt. Wir haben versucht, dabei das richtige Maß zu finden, damit man sich fragt, ob das alles echt ist. Funktioniert das wirklich? Mit dem Knopf, den Sam immer fast zu drücken scheint, trägt er von Anfang an so etwas wie Tschechows Pistole mit sich herum. Der Knopf hat eine gewisse Notwendigkeit. Wir wissen, dass er den Knopf irgendwann drücken wird. Also warten wir nur darauf, dass es passiert.

Den richtigen Rhythmus finden

FILMSTARTS: Wie hast du, auch als ehemaliger Punkgitarrist, mit Rhythmus am Set gearbeitet?

Gore Verbinski: Ich versuche immer, mit einem Schauspieler darüber zu sprechen, wie viele Beats pro Minute es gibt. In „Fluch der Karibik” hatte ich immer betrunkenen Walzer im Kopf, der ein wenig hinterherhinkt, dann aufholt und sich hochschwingt. Wenn Sam das Diner betritt, geht es eher um einen 7/8-Takt, aber man kann die Eins nicht wirklich finden. Es ist kein vertrauter Takt, es wankt mehr wie eine kaputte Uhr.

FILMSTARTS: Wie hast du die Form zwischen Chaos und Struktur gefunden?

Gore Verbinski: Wenn man einen Film dreht, ist es wichtig, eine klare Absicht zu haben. Aber man muss auch Raum für Entdeckungen lassen. Wenn man die Absicht nicht genug herausarbeitet, wird es langweilig und mittelmäßig. Deshalb mache ich Storyboards. Ich habe vor jedem Dreh genau im Kopf, wie ich es im Schnitt haben möchte. Gleichzeitig gefällt es mir, jemandem wie Sam Rockwell nicht so viele Vorgaben zu machen, die ihn ohnehin nur künstlerisch einschränken würden. Ich möchte ihn nicht in diesem Kasten gefangen halten.

FILMSTARTS: Was meinst du damit, dass du Sam nicht in diesem Kasten einsperren möchtest? Ist das Diner dieser Kasten?

Gore Verbinski: Oder der Kamerarahmen. Man erwartet von einem Schauspieler, dass er seine Markierung trifft. Aber bei Sam ist jede Aufnahme ein bisschen anders. Man muss etwas intuitiver vorgehen und seiner Absicht folgen. Dann kann etwas Besonderes oder Ungewöhnliches geschehen. Vielleicht auch etwas Unangenehmes. Etwas, das so ein bisschen „off“ ist, eben nicht normal wirkt und nicht wiederholbar ist. Das ist wie bei einem Jazzmusiker, der ein Riff auf dem Saxofon spielt und plötzlich bricht das Blatt des Instruments. Sowas passiert kein zweites Mal.

Gerade der Bösewicht wurde in späteren Skriptfassungen noch einmal massiv überarbeitet, um nicht einfach ein „Skynet 2.0“ zu präsentieren. Constantin Film
Gerade der Bösewicht wurde in späteren Skriptfassungen noch einmal massiv überarbeitet, um nicht einfach ein „Skynet 2.0“ zu präsentieren.

FILMSTARTS: Dir liegt das Drehbuch von „Good Luck, Have Fun, Don't Die” schon seit 2017 vor. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2026. Wie seid ihr mit dem technischen Fortschritt gerade im Bereich KI umgegangen?

Gore Verbinski: Wir haben vieles geändert, um den Film relevant zu halten. Ich glaube, es gibt dieses globale Gefühl der Langeweile oder des Identitätsverlusts. Die Leute denken sich gegenüber der KI: „Ich brauche dich nicht, um mein Gedicht zu schreiben, um mein Lied zu schreiben oder um meine Geschichte zu erzählen.“ Ich persönlich habe ein großes Problem damit, wenn die KI versucht, sich in den kreativen Prozess einzumischen. Es hat doch etwas Schönes, wenn man im kreativen Prozess über etwas stolpert. Zum Beispiel, wenn man in eine Bibliothek geht, aber dann auf ein ganz anderes Buch stolpert, an das man nie gedacht hätte. In meinen Augen bietet die Künstliche Intelligenz aber auch enorme Vorteile, um bestimmte Aspekte der Problemlösung zu beschleunigen.

FILMSTARTS: Im Film spielt künstliche Intelligenz auch eine Rolle. Wie seid ihr bei der Produktion mit KI umgegangen?

Gore Verbinski: Wir haben bei der Produktion des Films keine KI eingesetzt, aber wir mussten uns intensiv mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen, um zu wissen, was zukunftssicher ist. Also haben wir uns Beta-Tests verschiedener KI-Unternehmen angesehen, die Animationen erstellen. Wir wussten also, was uns erwarten würde. Es war wichtig, den Bösewicht zu verstehen und zu überarbeiten, denn der Bösewicht im ursprünglichen Drehbuch war eher traditionell böse – wie Skynet aus „Terminator“. Wir haben uns dann gedacht: Was wäre, wenn unser Bösewicht möchte, dass man ihn mag? Ich mochte diese Idee, dass die KI etwas von unserem Narzissmus in seinen Quellcode einwebt, weil sie so viel Zeit damit verbracht hat, unser Verhalten zu studieren. Das habe ich dann in den Film übernommen.

„Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ läuft seit dem 12. März 2026 in den deutschen Kinos. Gore Verbinski hat sich zuletzt auch zu der Frage geäußert, warum Computereffekte inzwischen oft so mies aussehen, obwohl es doch dank moderner Technologien eigentlich immer leichter werden müsste, sie einzusetzen:

War CGI früher wirklich besser? "Fluch der Karibik"-Regisseur erklärt, warum Computereffekte heute häufig schlechter sind

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