Von der Leine gelassen
Von Christoph PetersenIn „Fluch der Karibik – Am Ende der Welt“ wird Jack Sparrow in die Truhe von Davy Jones verbannt, wo er seine persönliche Hölle durchleiden muss: eine endlos weiße Salzwüste, in der er mit seiner Black Pearl buchstäblich auf dem Trockenen sitzt und langsam dem Wahnsinn anheimfällt. Aber Moment mal: Ist das nicht eigentlich Teil einer Hunderte Millionen Dollar teuren Blockbuster-Reihe, die zudem noch auf dem gleichnamigen Fahrgeschäft aus den Disney-Freizeitparks basiert? Wo kommt da plötzlich solch ein experimentell-existenzieller Abstecher ins Hardcore-Surrealistische her? Die wahrscheinlichste Antwort lautet: Gore Verbinski!
Ja, der ehemalige Werbefilmer hat die ersten drei „Fluch der Karibik“-Filme inszeniert – und sich anschließend mit dem Big-Budget-Flop „Lone Ranger“ ins zwischenzeitige Hollywood-Abseits katapultiert. Aber im Rest seiner Filmografie finden sich vor allem Werke, die im besten Sinne aus dem Rahmen fallen: vom schwarzhumorigen Kult-Klassiker „Mäusejagd“ über den oscarprämierten Chamäleon-Western „Rango“ bis zum Gothic-Horror-Mindfuck „A Cure For Wellness“. Aber was würde wohl passieren, wenn man Verbinski endgültig von der Leine lässt? Wer das wissen will, sollte die abgefahrene Sci-Fi-Action-Satire „Good Luck, Have Fun, Don't Die“ auf keinen Fall verpassen.
Constantin Film
Die Gäste des L.A.-Diners halten ihn zunächst für einen obdachlosen Spinner. Mit seinem ungepflegten Rauschebart und dem verdreckten Regencape sieht der mysteriöse Mann (Sam Rockwell) eben nicht gerade aus, als hätte er die letzten Nächte in einem bequemen Bett verbracht. Aber der Namenlose stammt nicht von der Straße, sondern aus der Zukunft – und ihm bleibt nicht mehr viel Zeit, ein passendes Team zusammenzustellen, um die drohende Gefahr für die Menschheit in letzter Sekunde abzuwenden. Angesichts der gewaltigen Kombinationsmöglichkeiten ist es allerdings alles andere als leicht, genau die richtigen Gäste auszuwählen.
An diesem Abend unternimmt der Zeitreisende, der seinen Daumen immer auf dem Zünder seines Bombengürtels bereithält, bereits seinen 117. Versuch – ganz so wie damals Bill Murray in „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Aber diesmal fühlt es sich irgendwie anders an: Hat er mit dem Lehrer*innen-Pärchen mit Beziehungsproblemen (Michael Peña, Zazie Beetz), der alleinerziehenden Mutter mit Knopf im Ohr (Juno Temple) sowie der Kindergeburtstags-Prinzessin mit Nasenbluten (Haley Lu Richardson) womöglich endlich einen Volltreffer gelandet?
Ähnlich wie zuletzt Zach Creggers Horror-Meisterstück „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ wird auch „Good Luck, Have Fun, Don't Die“ in Kapiteln erzählt, die nach den jeweils im Zentrum stehenden Figuren benannt sind. So erfahren wir nach und nach, warum die ausgewählten Gäste womöglich tatsächlich geeignet sein könnten, eine drohende KI-Apokalypse abzuwehren. Die verschiedenen Rückblenden wirken dabei wie zugespitzte Episoden der Netflix-Serie „Black Mirror“, in der die potenziellen Abgründe technischer Innovationen ebenfalls fratzenhaft überzogen offengelegt werden: So bekommt es das Lehrpersonal in „Good Luck, Have Fun, Don't Die“ buchstäblich mit Mobile-App-Zombies zu tun – und Schulschießereien verlieren ihren Schrecken, wenn man das eigene Kind selbst nach dem vierten tödlichen Amoklauf einfach neu klonen lassen kann.
Es ist sicherlich kein Zufall, dass die Kamera beim Abfahren der Diner-Tische in der allerersten Szene des Films nicht etwa das bestellte Essen, sondern die omnipräsenten Doomscrolling-Displays ins Zentrum stellt. Ja, „Good Luck, Have Fun, Don't Die“ ist (noch) eine Menschen-starren-nur-noch-auf-Bildschirme-Abrechnung, von denen es in letzter Zeit nicht gerade wenige gab – aber dafür geht Gore Verbinski immer noch einen Schritt weiter und hat in der Zusammenarbeit mit seinem Drehbuchautor Matthew Robinson („Love And Monsters“) offenbar nie einen Einfall von vornherein als zu verrückt vom Tisch gewischt. Anders ist jedenfalls kaum zu erklären, dass ein solch skurriler Schnurr-Boss am Ende auf das Diner-Team wartet – spätestens da wirkt „Good Luck, Have Fun, Don't Die“ fast schon wie eine Live-Action-Version der genialischen Cartoon-Serie „Rick & Morty“.
Constantin Film
Die episodische Struktur sorgt im Zusammenspiel mit der Lauflänge von stolzen 134 Minuten dafür, dass sich die nächtliche Abenteuerreise durch die mit überraschenden Hindernissen bestückten Hinterhöfe von Los Angeles mitunter etwas zieht. Aber dafür gibt es ja den Oscar-Gewinner Sam Rockwell („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“), der in „Good Luck, Have Fun, Don't Die“ – mal wieder – eine brillante Performance abliefert und so selbst die skurrilsten Wendungen erdet:
Wir sehen seine ersten 116 Anläufe zwar nie, aber nur anhand seines resigniert-lakonischen und zugleich überheblich-abgeklärten Auftretens können wir uns direkt sehr gut vorstellen, wie sie in etwa abgelaufen sein müssen – und wir hätten ganz sicher nichts dagegen, wenn wir in einer der zwei (!) bereits vom Regisseur in Interviews angeteasten möglichen Fortsetzungen noch einige davon serviert bekommen würden.
Fazit: Gore Verbinski ist ohnehin immer für einen Kultfilm gut, aber im bis obenhin mit abgedrehten Einfällen vollgestopften „Good Luck, Have Fun, Don't Die“ tobt er sich so richtig aus. Ein ätzend-satirisches Science-Fiction-Feuerwerk, so wahnsinnig, wie es das bombige Regenmantel-Outfit des namenlosen Protagonisten verspricht!