TV-Tipp: Eine wunderbar poetische Historien- & Literaturverfilmung aus Deutschland – ohne Werbung!
Oliver Kube
Oliver Kube
-Freier Autor & Kritiker
Das deutschsprachige Gegenwartskino ist oft deutlich besser als sein Ruf. Oliver Kube fallen aktuell u. a. "Rose", "Vier minus drei", "Silent Friend" und "Der Tiger" als Belege dafür ein.

Wer sich am Abend nur von einem harmlosen Wohlfühlstreifen berieseln lassen möchte, ist hier definitiv falsch. Alle anderen dürfen sich auf einen Film freuen, der zum Mitfühlen und Nachdenken einlädt sowie großartige Schauspielleistungen bietet.

Der sowohl mit historischen als auch emotional provokanten Stoffen erfahrene „München - Im Angesicht des Krieges“- und „Je suis Karl“-Regisseur Christian Schwochow hat sich an die Verfilmung von „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz gewagt.

Wer von euch den Literaturklassiker in der Schule gelesen hat, dürfte ihn sicher nicht vergessen haben. Und vielleicht hegt ihr sogar ein paar Bedenken, ob ein zweistündiger Film dieser ebenso beeindruckenden wie aufwühlenden Vorlage gerecht werden könnte. Warum ihr derlei Befürchtungen getrost vergessen und voller Vorfreude auf ein echtes Bildschirmerlebnis einschalten könnt, verraten wir etwas weiter unten in diesem Artikel.

Deutschstunde“ läuft am heutigen 21. März 2026 um 20.15 Uhr auf 3sat. Eine Wiederholung folgt noch in derselben Nacht um 1.50 Uhr. Zusätzlich steht der FSK-12-Titel aktuell als Gratis-Stream in der ZDFmediathek zur Verfügung. Alternativ ist er als Blu-ray, DVD und kostenpflichtiges Video-on-Demand zu haben:

Menschen beim Schweigen zusehen

Die starke 4 von 5 möglichen Sternen vergebende FILMSTARTS-Kritik ist mit den Worten „So verfilmt man einen Klassiker!“ betitelt und trifft damit voll ins Schwarze. Denn Regisseur Christian Schwochow gelang es, Siegfried Lenz’ („So zärtlich war Suleyken“, „Der Überläufer“) 600 Seiten umfassende Betrachtung des Widerspruchs zwischen Pflichterfüllung und individueller Verantwortung auf die Länge eines packenden Spielfilms herunterzudampfen. In Kooperation mit seiner Mutter, Drehbuchautorin Heide Schwochow („Westen“), schaffte er es, sowohl die einmalige Atmosphäre als auch die Dringlichkeit des Romans in Bilder zu kleiden, die im Kopf bleiben. Immer wieder ist der historische Stoff dabei auf subtile Art und Weise abstrahiert, um seine Zeitlosigkeit zu verdeutlichen.

Vor dem Hintergrund des NS-Regimes geht es um den Versuch der Legitimierung dessen Verbrechen durch unterwürfige Anpassung und falsches Pflichtbewusstsein großer Teile des Volkes. Der von Ulrich Noethen („Der Untergang“) brillant verkörperte Dorfpolizist ist das Sinnbild einer Geisteshaltung viel zu vieler Deutscher während dieser Ära. Dabei verzichten Schwochow und der mit seinen eindringlichen Bildern immer wieder mehr als Worte sagende Chef-Kameramann Frank Lamm („Jugend ohne Gott“) fast komplett auf die in den meisten Filmen über diese Zeit allgegenwärtige Nazi-Symbolik. Wir sehen auch keine Konzentrationslager, keine SS- und SA-Aufmärsche oder Ähnliches, und der Krieg selbst bricht nur ganz selten über die hier als Schauplatz dienende norddeutsche Tiefebene herein. So wird geschickt illustriert, wie verwurzelt und verzweigt dieser blinde Gehorsam in unserem Land bis selbst in seine abgelegensten Ecken war.

Wie Rezensent Janick Nolting analysiert, holt Schwochow die Problematik mit diesen Mitteln auch ins Hier und Jetzt – wo Fragen nach Stellungnahme und Anpassung eine so wichtige Rolle wie schon lange nicht mehr spielen. Dabei erhebt er aber nie plump den moralischen Zeigefinger. Ja, „Deutschstunde“ ist auch dadurch ein ungewöhnlich sperriger, das Publikum fordernder Historienfilm geworden. Seiner Langsamkeit muss man sich dabei auch bewusst aussetzen. Denn dank ihrer können unter anderem die gezeigten Naturgewalten hier eine ebenso wichtige und metaphorische Rolle einnehmen wie im Roman. So schreckt „Deutschstunde“ beispielsweise nicht davor zurück, einfach mal seine Figuren beim stillen Ausharren und Nachdenken zu beobachten, während sie ihre inneren Konflikte austragen.

Tut euch den Gefallen und schaut diesen intelligent gemachten, dennoch poetisch und bisweilen sogar verspielt anmutenden Film an. Ihr werdet dafür nicht nur mit fantastischen Bildern aus Norddeutschland, sondern ziemlich sicher auch mit Gedankenfutter für einige Tage belohnt werden.

Neben Ulrich Noethen glänzen unter anderem noch Tobias Moretti („Das finstere Tal“), Levi Eisenblätter („Nachtwald“), Johanna Wokalek („Der Baader Meinhof Komplex“), Sonja Richter („Erbarmen“), Maria Dragus („Lara“), Tom Gronau („Spurlos in Athen“) und „Dark“-Star Louis Hofmann mit ihren Auftritten.

Deutschstunde
Deutschstunde
Starttermin 3. Oktober 2019 | 2 Std. 05 Min.
Von Christian Schwochow
Mit Ulrich Noethen, Tobias Moretti, Levi Eisenblätter
Pressekritiken
3,5
User-Wertung
3,3
Filmstarts
4,0

"Deutschstunde": Das ist die Story

Schleswig-Holstein nach dem Zweiten Weltkrieg: Siggi (Tom Gronau) lebt in einer „Anstalt für schwererziehbare Jugendliche“. Für den dortigen Deutschunterricht muss er einen Aufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ verfassen. Doch der Junge findet einfach keinen Anfang und sticht sich stattdessen nervös mit dem Füller so lange in die Hand, bis diese blutet. Sein Blatt Papier bleibt derweil leer. Zur Strafe wird Siggi in eine Einzelzelle eingesperrt, bis er die Arbeit nachholt. Dort dauert es nicht lange, und er beginnt wie ein Besessener über seine Kindheitserinnerungen zu schreiben.

Aufgewachsen im Provinzörtchen Rugbüll, ist der kleine Siggi (jetzt: Levi Eisenblätter) zwischen seinem strengen Vater, dem Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen), und dessen Jugendfreund, dem expressionistischen Maler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti), hin- und hergerissen. Einerseits will er seinem strengen Erzeuger gefallen. Andererseits bewundert Siggi Nansens Kreativität und spielt mit dem Gedanken, selbst Künstler zu werden. Da erhält der Polizist die Anordnung, Nansen ein Malverbot zu überbringen, und aus den Männern werden erbitterte Feinde…

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