Sean Penn erklärt seine komplizierte Beziehung zu den Oscars: "Die Academy hat ihre Mitschuld bis heute nicht anerkannt"
Michael Bendix
Michael Bendix
-Redakteur
Schaut pro Jahr mehrere hundert Filme und bricht niemals einen ab. Liebt das Kino in seiner Gesamtheit: von Action bis Musical, von Horror bis Komödie, vom alten Hollywood bis zum jüngsten "Mission: Impossible"-Blockbuster.

Sean Penn machte unlängst Schlagzeilen, indem er seinen Oscar für „One Battle After Another“ nicht abholte. Das hatte nicht nur etwas mit seinem Aufenthalt in der Ukraine, sondern auch grundsätzlich mit seinem Verhältnis zu dem Preis zu tun...

Warner Bros.

Eines der großen Gesprächsthemen der diesjährigen Oscar-Verleihung war Sean Penn. Der 65-Jährige erhielt für seine Nebenrolle in „One Battle After Another“ – mit insgesamt sechs Preisen der große Abräumer des Abends – seine dritte Goldstatue, holte sie sich aber nicht persönlich ab. Vorjahres-Sieger Kieran Culkin („A Real Pain“) erschien stellvertretend auf der Bühne und scherzte, Penn habe wohl nicht kommen können – oder wollen. Später stellte sich heraus, dass der für seinen politische Aktivismus bekannte „Mystic River“-Star in die Ukraine gereist war. Bereits 2022 hatte er dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj als Zeichen seiner Unterstützung gegen den russischen Angriffskrieg einen seiner zuvor gewonnenen Academy Awards überreicht.

Es war nicht das erste Mal, dass Penn den Oscars trotz Nominierung fernblieb. Die Gründe für sein schwieriges Verhältnis zum noch immer wichtigsten Filmpreis der Welt reichen dabei bis in seine Kindheit zurück, genauer: in die Zeit der antikommunistischen „Hexenjagd“ der McCarthy-Ära, bei der zahlreiche Filmschaffende ins Visier politischer Untersuchungsausschüsse gerieten. Wer sich weigerte, Kolleg*innen zu denunzieren oder sich von angeblichen kommunistischen Sympathien zu distanzieren, landete auf einer inoffiziellen Schwarzen Liste und erhielt in der Filmindustrie kaum noch Arbeit.

Sean Penns Vater landete auf der Schwarzen Liste

Auch Penns Vater, der Schauspieler und Zweiter-Weltkriegs-Veteran Leo Penn, war davon betroffen: Als überzeugter Verteidiger der Gewerkschaften weigerte er sich, seine Kolleg*innen ans Messer zu liefern – und bekam daraufhin keine Aufträge mehr. Zwar gelang es ihm später, sich als Fernsehregisseur neu zu erfinden (für eine Folge der Dramaserie „The Mississippi“ erhielt er 1983 sogar eine Emmy-Nominierung), doch die Saat für Sean Penns bis heute andauernde Skepsis gegenüber Hollywood und seinen Institutionen war gesät.

In einem Gastbeitrag für The Hollywood Reporter bezeichnete der gebürtige Kalifornier seinen Vater als „Patriot durch und durch“ und teilte ein prägendes Erlebnis: „Ich erinnere mich, wie ich als Kind mit meinem Vater auf einem Pfad am Strand spazieren ging, als wir zufällig auf das Filmset von ‚Der letzte Tycoon‘ von Elia Kazan stießen. Mein Vater und Kazan hatten früher zusammengearbeitet und kannte sich noch aus der Zeit vor der Schwarzen Liste. Nach so vielen Jahren erkannte Kazan ihn wieder und rief ihn beim Namen. Es war das erste Mal, dass ich sah, wie mein Vater jemanden ignorierte.“

Darum wollte Leo Penn nichts mit einem der größten Regisseure Hollywoods zu tun haben

Kazan zählte zu den größten Regisseuren Hollywoods, er hat Meisterwerke gedreht wie „Jenseits von Eden“, „Wilder Strom“ oder „Fieber im Blut“. Für „Tabu der Gerechten“ und „Die Faust im Nacken“ gewann er jeweils einen Oscar. Allerdings ist sein Name bis heute eng mit dem McCarthyismus verbunden: 1952 sagte Elia Kazan vor dem House Un-American Activities Committee aus und nannte mehrere frühere Kollegen als Mitglieder der Kommunistischen Partei. Als ihm 1999 ein Ehren-Oscar verliehen wurde, löste das deshalb heftige Kontroversen aus – während einige Stars aufstanden und applaudierten, blieben andere (u.a. Nick Nolte, Ed Harris und der oscarprämierte „Weapons“-Star Amy Madigan) demonstrativ sitzen.

Penn fährt fort: „Es war offensichtlich, dass er [Kazan] sich hatte einschüchtern lassen und sich verkauft hatte, indem er all jene verriet, für die er hätte die Schwarze Liste brechen können. Kazan hatte eine außergewöhnlich einflussreiche Position und hat sie beschämend verschwendet. Jahre später waren es Helden wie Kirk Douglas, die sie schließlich zerschlugen. […] Bis heute hat [die Academy] ihre Mitschuld an der beschämenden Hexenjagd der 1950er-Jahre – der sogenannten Schwarzen Liste – nicht klar anerkannt. Im Namen des Patriotismus und der Patrioten (von denen die meisten das niemals mitgetragen hätten) und im Namen unserer eigenen Würde ist es dafür höchste Zeit.“

Auch Western-Ikone John Wayne war übrigens ein glühender Unterstützer von McCarthys Kommunistenhatz. Welches Monumental-Epos er aus diesem Grund rundheraus ablehnte, lest ihr im nachfolgenden Artikel:

Dieses monumentale 3-Stunden-Epos hat John Wayne richtig wütend gemacht

Ein ähnlicher Artikel ist zuvor bereits auf unserer spanischen Schwesternseite Espinof.com erschienen.

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