Umwerfende Bilder und starke Emotionen heute im TV: Diesen preisgekrönten Klassiker MUSS man gesehen haben!
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Schon in der Grundschule las er Kino-Sachbücher und baute sich parallel dazu eine Film-Sammlung auf. Klar, dass er irgendwann hier landen musste.

Dieser preisgekrönte Klassiker ist ungeheuerlich schön, doch man sollte ihn sich keinesfalls anschauen, wenn man einsam ist: „Liebe 1962“ ist ein hervorragendes Drama über das Gefühl der Leere, Entfremdung und Sehnsucht. Heute läuft es im Free-TV.

Es gibt Liebesfilme, die sich für fast jede Lebenslage eignen: Glücklich vergeben, lassen sie sich in kuscheliger Runde zelebrieren. Schmachtend verliebt, aber unsicher, ob sich eine Beziehung anbahnt, spornen sie an, sich nicht grämend zurückzuziehen, sondern auf Amors Unterstützung zu zählen. Glückliche Singles können sie nutzen, um sich über das seltsame Gebaren von Paaren zu erheben. Und wer unglücklich allein ist, kann sie als Trostpflaster nutzen.

Michelangelo AntonionisLiebe 1962“ ist kein solcher Film. Die in symbolisch aufgeladener, atemberaubend-schöner sowie eindringlicher Schwarz-Weiß-Ästhetik eingefangene Romanze, die 1962 in Cannes mit dem Prix du Jury ausgezeichnet wurde, ist zwar ein meisterliches Drama, das sich Filmbegeisterte unbedingt zu Gemüte führen sollten. Doch der Klassiker bringt schmerzende Sehnsucht, das Elend der Kommunikationsunfähigkeit und die Irritation der Entfremdung so eindringlich zum Ausdruck, dass wir euch davon abraten, ihn zu schauen, wenn ihr euch gerade einsam fühlt.

Wenn ihr es trotzdem wagen möchtet, oder ihr emotional gerade geborgen geborgen seid: „Liebe 1962“ läuft heute, am 29. Juni 2026, ab 20.15 Uhr auf arte. Zudem ist der italienische Kino-Meilenstein, der „GoodFellas“-Regisseur Martin Scorsese in jungen Jahren inspirierte, faszinierte und verängstigte, in der arte-Mediathek abrufbar.

Darum geht es in "Liebe 1962"

Die in Rom lebende Übersetzerin Vittoria (Monica Vitti) hat eines Nachts genug: Nach einem heftigen Streit beendet sie ihre langjährige Ehe mit Ricardo (Francisco Rabal). Bald danach begegnet sie Piero (Alain Delon), einem ebenso erfolgsverwöhnten wie ehrgeizigen Börsenmakler, der in seinem Privatleben ziellos umherirrt. Vittoria, die Trost sowie Sicherheit sucht, und Piero, der Orientierung und menschliche Nähe benötigt, verfallen einander.

Aber der Zufall ist nur für kurze Zeit auf der Seite dieser einsamen Seelen: Aller gegenseitigen Anziehung zum Trotz, fehlt ihrer Dynamik dieses besondere, unmöglich zu benennende Etwas, weshalb sich Vittoria immer wieder enttäuscht zurückzieht, wann immer Piero einen neuen Schritt wagt. Das lässt Piero bloß mehr und mehr davon träumen, Vittoria von sich überzeugen zu können, woraufhin er immer hartnäckiger um ihr Herz wirbt...

Leere, wo Liebe sein sollte

Oberflächlich betrachtet, geht es in „Liebe 1962“ um eine frisch geschiedene Frau, die schnell neues Liebesglück finden möchte und um einen Karrieretypen, der sich endlich darum kümmert, privat Erfüllung zu finden. Stoff, wie man ihn in einem Liebesfilm erwarten würde. Doch „Blow Up“-Macher Antonioni ist nicht dafür bekannt, dass seine Regiearbeiten unter der Oberfläche wenig zu bieten haben – „Liebe 1962“ ist da keine Ausnahme.

Sein mit Tonino Guerra, Elio Bartolini und Ottiero Ottieri verfasstes Drama nutzt die Anziehungskraft zwischen Vittoria und Piero, und viel mehr noch die vielen Variablen, die diesen zwischenmenschlichen Magnetismus ausbremsen, um vom Gegenteil von Liebe zu erzählen: In schwermütigen, zuweilen unheilvollen Bildern, zeigt „Liebe 1962“ zwei Menschen, die sich einreden, Nähe zu wollen, aber verkrampfen und unleidlich werden, sobald sich zweisame Verletzbarkeit auch nur vage ankündigt.

Konsequent streut Antonioni in die lange Anbahnung seiner Hauptfiguren Augenblicke, die unbequem-rätselhaft sind. Ebenso sagen die weiten Räume und schweren Schatten, die „8 ½“-Kameramann Gianni Di Venanzo auf Zelluloid einfängt, weitaus mehr über die Liebesunfähigkeit der Figuren aus, als dass ihre kargen, bemühten Wortwechsel Hoffnung auf Harmonie zulassen.

In den USA kam „Liebe 1962“ sogar um mehrere Minuten gekürzt in die Kinos – nicht, weil das Drama gegen die Vorstellungen des Jugendschutzes verstoßen hätte. Sondern schlicht, weil Sorge vorherrschte, es würde in seinem bleiern-schweigenden Pessimismus das Publikum zu sehr aufwühlen. arte traut euch derweil zu, diesen filmischen Ausdruck der Erschöpfung, emotionalen Vereinsamung und des auf langer Sicht potentiell heilsamen Schmerzes, einfach mal die Stille reden zu lassen, in voller Länge auszuhalten.

Aufmunterung bietet euch danach vielleicht die Serie, die wir euch im folgenden Streaming-Tipp ans Herz legen:

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