Über 3,5 Millionen Menschen haben ihn im Kino gesehen: Heute sieht man den Serienkiller-Klassiker mit ganz anderen Augen – jetzt neu im Heimkino
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Dieses von der Presse hoch gelobte Kriminal-Thrillerdrama mit Mario Adorf holte sich eine Oscar-Nominierung – aber später bereute er den Film zutiefst! Jetzt erhält der historisch spannende „Nachts, wenn der Teufel kam“ eine Heimkino-Neuauflage...

Im April ist mit Mario Adorf eine wahre Schauspielgröße der deutschsprachigen Film- und Serienlandschaft verstorben (wir berichteten). Der 1930 in Zürich geborene Mime spielte in Publikumsrennern wie „Winnetou“ mit und gab in der Satire-Serie „Kir Royal“ eines der unvergesslichsten Zitate der deutschen TV-Historie von sich: „Ich scheiß' dich zu mit meinem Geld!“

Adorf ist auch Teil der Academy-Award-Chronik, schließlich hatte er einen zentralen Part in „Die Blechtrommel“ von 1979, der ersten deutschen Produktion, die den Oscar in der Sparte „Bester internationaler Film“ gewann! Und schon Jahre zuvor witterte ein Adorf-Vehikel Oscar-Duft:

Das Kriminal-Thrillerdrama „Nachts, wenn der Teufel kam“ aus dem Jahr 1957 zeigt Adorf in seiner ersten, wichtigen Kinorolle und genoss damals hervorragendes Presseecho. Außerdem wurde es beim Deutschen Filmpreis geradezu mit Auszeichnungen überhäuft und als bester internationaler Film für den Oscar nominiert.

Trotz seines einst strahlenden Prestiges geriet der Film, für den allein in Westdeutschland über 3,5 Millionen Menschen eine Kinokarte lösten, über die Jahrzehnte hinweg ein Stück weit in Vergessenheit. 2017 erschien er erstmals auf Blu-ray, die Erstauflage der HD-Scheibe ist jedoch seit einiger Zeit praktisch vergriffen, auch die DVD ist bloß zu teils horrenden Preisen auf dem Gebrauchtmarkt zu finden.

Wer damals nicht schnell genug war, aber etwas Geduld aufbringt, kann sich „Nachts, wenn der Teufel kam“ trotzdem ins Regal stellen, ohne tief in die Tasche zu greifen: Diese Woche hat der nunmehr kontroverse Mario-Adorf-Klassiker „Nachts, wenn der Teufel kam“ eine Neuauflage auf DVD und Blu-ray erhalten!

Die Edition aus dem Hause Filmjuwelen umfasst neben einem digitalen Booklet eine wichtige, 13-minütige Featurette mit dem Titel „Armer Bruno“. In der ordnet Adorf „Nachts, wenn der Teufel kam“ kritisch ein, denn nach den Dreharbeiten gab es neue, bedeutsame Erkenntnisse über die historischen Hintergründe des Films. Aufgrund dieser betrachtet man den deutschen Kino-Meilenstein heute mit völlig anderen Augen als noch 1957...

Darum geht es in "Nachts, wenn der Teufel kam"

Nazi-Deutschland, 1944: Der Zweifel an der NS-Ideologie entwickelnde Parteifunktionär Willi Keun (Werner Peters) beschuldigt, die Kellnerin Lucy Hansen (Monika John) getötet zu haben. Er beteuert seine Unschuld, doch sein Pflichtverteidiger (Lukas Ammann) zeigt kaum Interesse, sich für den wenig linientreuen Mann einzusetzen. Der kriegsuntaugliche Kriminalkommissar Axel Kersten (Claus Holm) wiederum verbeißt sich in den Fall und deckt auf, dass viele Indizien stattdessen Bruno Lüdke (Mario Adorf) belasten.

Weitere Ermittlungen führen zum brennenden Verdacht, dass der geistig unzurechnungsfähige Hilfsarbeiter mehrere bislang ungeklärte Morde verbrochen hat. SS-Gruppenführer Rossdorf (Hannes Messemer) kehrt dies jedoch unter den Teppich: Dass ein unzurechnungsfähiger Serienkiller ungestört Menschenleben auslöschen konnte, passt nicht in Rossdorfs Bild des Dritten Reichs. Also sorgt er dafür, dass Keun die Schuld in die Schuhe geschoben wird...

Ein gefeierter Historien-Krimi enthüllt sich als Lügengebilde

Der Schriftsteller Werner Jörg Lüddecke verfasste das „Nachts, wenn der Teufel kam“-Skript basierend auf einer Artikelserie des Populärwissenschaftlers Will Berthold, die in der Münchner Illustrierten veröffentlicht wurde. Adorf war von der Geschichte gepackt: Er ließ sich zur besseren Vorbereitung historische Polizeiakten aus der DDR zuspielen!

Die Regie übernahm Robert Siodmak, der Thriller-Meilensteine wie „Die Wendeltreppe“ inszenierte, und für sein deutsches Thrillerdrama großes Lob erhielt: Die zeitgenössische Kritik zelebrierte „Nachts, wenn der Teufel kam“ als feinfühlig-realistisch inszenierte, beklemmende Studie der Ruchlosigkeit, mit der im Totalitarismus Unschuldige geopfert werden, um die Parteilinie zu beschützen.

Zudem wurde Siodmaks Leitung der erfahrenen Schauspieltalente und der damaligen, wuchtigen Neuentdeckung Adorf als psychologisch ausdifferenziert gelobt. Retrospektiv lässt sich der Film-noir-Anleihen aufweisende Historien-Krimi allerdings nicht ohne gewaltiges „Aber“ genießen.

Nachts wenn der Teufel kam
Nachts wenn der Teufel kam
Starttermin 27. Juni 2023 | 1 Std. 40 Min.
Von Robert Siodmak
Mit Claus Holm, Anne-Marie Düringer, Mario Adorf
User-Wertung
3,1
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Bereits kurz nach der Kino-Uraufführung von „Nachts, wenn der Teufel kam“ zweifelte Gerichtsreporter und TV-Autor Günter Prodöhl die im Film gezeigten Abläufen an. Er stellte in seiner Buchreihe „Kriminalfälle ohne Beispiel“ die These auf, dass NS-Schergen Lüdke in Verruf brachten. Über Jahrzehnte hinweg wurde weiter in diese Richtung geforscht, woraufhin Prodöhls These zum Konsens der Kriminalforschung wurde:

Der niederländische Hauptkommissar J. A. Blaauw kam 1994 zum Schluss, dass Lüdke unschuldig war und Nazis ihm unaufgeklärte Morde in die Schuhe geschoben haben, um ihn angesichts seiner geistigen Verfassung als unmenschlich abzustempeln. Dies untermauerten später Susanne Regener und Axel Doßmann im kriminal- und medienwissenschaftlichen Buch „Fabrikation eines Verbrechers. Der Kriminalfall Bruno Lüdke als Mediengeschichte“*. Adorf war von diesen Erkenntnissen erschüttert und distanzierte sich fortan von seinem Leinwand-Durchbruch.

Er arbeitete mit Eifer daran, Lüdkes Ruf wieder reinzuwaschen und machte sich dafür stark, dass ihm als Opfer der Nazis gedacht wird – beispielsweise war er mitverantwortlich dafür, dass 2021 in Erinnerung an Lüdke ein Stolperstein verlegt wurde. Schon im Jahr zuvor erläuterte er in der TV-Dokumentation „Die Erfindung eines Mörders. Der Fall Bruno Lüdke“:

„Ich habe jemandem Unrecht getan in der Darstellung. Also das heißt: Ich habe mitgeholfen – eben über Jahrzehnte –, ein negatives Bild, das Bild eines Massenmörders, zu zeichnen. [...] Ich habe ihm, seiner Familie und so weiter einen schlechten Ruf verschafft, den er nicht verdient hat. Im Gegenteil: Er war sogar ein Opfer.“

Falls ihr euch Mario Adorf wiederum in einem meinungsstarken, aber auch unterhaltsamen und brutalen Western anschauen möchtet, schreit unser folgender Heimkino-Tipp nach euch:

Dieser brutale Western musste einst um 20 (!) Minuten geschnitten werden – jetzt erscheint er ungekürzt in 4K

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Dies ist eine aktualisierte Wiederveröffentlichung eines bereits auf FILMSTARTS erschienenen Artikels.

Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.
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