"Spider-Man: Brand New Day" macht das miserable "Daredevil: Born Again"-Finale für mich noch schlimmer

„Spider-Man: Brand New Day“ wird gerade im Kino gefeiert. Doch FILMSTARTS-Redakteur und Marvel-Fan Björn Becher ist trotz des gelungenen Films sauer. Das hat aber vor allem mit einer enttäuschenden Serie zu tun.

Ich stelle es gleich klar: Dieser Text ist keine Kritik an „Spider-Man: Brand New Day“. Alles, was ich nachfolgend ausführen werde, werfe ich nicht dem aktuellen Kinofilm mit Tom Holland, Zendaya, Sadie Sink und Jon Bernthal vor. Wütend bin ich aber über Marvel, denn das Studio versteht es aktuell nicht, die vielen Einzelabenteuer im Kino und auf Disney+ wie ein zusammenhängendes Universum wirken zu lassen. Gerade die Live-Action-Serien auf dem Streamingdienst sind immer wieder enttäuschend. Das größte Problem: Gute Ideen werden nicht konsequent zu Ende gedacht, sondern kurz vor Schluss erst einmal beiseitegeschoben.

Das betrifft besonders die von vielen hochgelobte zweite Staffel von „Daredevil: Born Again“. Sie bot für mich eine der schlechtesten Finalepisoden aller Zeiten. Bislang hatte ich die Hoffnung, dass ich mit dem ärgerlichen Ende zumindest ein wenig versöhnt werde. Ich redete mir ein: „Spider-Man: Brand New Day“ wird mir schon noch zeigen, dass alles Teil einer größeren Erzählung ist. Doch weit gefehlt. Das neue Spidey-Abenteuer ignoriert die Serie weitestgehend und führt mir dadurch vor Augen, dass die „Born Again“-Schreiber nicht nur dramaturgisch versagt haben, sondern womöglich schlicht keinen Plan hatten.

Achtung: Es folgen SPOILER zu „Daredevil: Born Again“!

Starker Aufbau, katastrophales Finale

Vorweg möchte ich sagen, dass ich die zweite Staffel „Daredevil: Born Again“ über weite Strecken gelungen finde. In Sachen Spannungsaufbau knirscht es zwar hier und da, aber das wurde durch gute Action und herausragende Schauspielleistungen in den Haupt- und Nebenrollen wettgemacht. Dazu ließ mich die Serie mitfiebern, weil der Showdown zwischen Daredevil (Charlie Cox) und Kingpin (Vincent D'Onofrio) konsequent aufgebaut wurde. Doch genau hier nimmt die Enttäuschung ihren Anfang.

Dass im Finale dieser Konflikt einfach abgebrochen wird, wirkt feige. Plötzlich scheint man realisiert zu haben, dass die Laufzeit endet und lässt ruckzuck die Spannung raus. Nachdem zuvor über sieben Episoden eine emotionale Fallhöhe aufgebaut wurde, kommt es nicht zum Sturz, sondern man fährt gemächlich mit dem Fahrstuhl in den Keller. Die ganze Staffel erzählt uns, dass Fisk niemals aufhören wird, dass Matt ihn stoppen muss und dass ein finaler Zusammenstoß daher unvermeidlich ist. Doch dann passiert plötzlich das Gegenteil, womit die kompletten Charakterbögen beider Figuren auf einen Schlag zerstört werden.

Platz machen fürs große Kino?

Auch sonst ergibt das ganze Finale bei genauer Betrachtung keinen Sinn. Kingpin mordet sich durch Demonstranten, doch Daredevil und die Staatsanwaltschaft bieten ihm trotzdem noch den vorherigen Deal an, der ihm ein straffreies Leben auf einer Insel ermöglicht, während der Antiheld seinerseits ins Gefängnis wandern soll. Das ist völlig absurd. Niemand würde das machen. Es gibt zudem keinen Grund mehr – abgesehen von einem.

Denn all das wirkt so, als hätte man es ausschließlich geschrieben, um den Raum für „Spider-Man: Brand New Day“ zu öffnen. Statt diese Geschichte in der Serie konsequent zu Ende zu erzählen, musste Platz für das größere, bedeutendere Projekt im MCU gemacht werden. Da hätte es nur gestört, wenn Kingpin und Daredevil im Hintergrund weiterhin ihre Fehde ausgefochten hätten. So hoffte ich, dass das aktuelle Kinoabenteuer zumindest etwas aus dieser Ausgangssituation macht … und wurde enttäuscht.

Ignorierte Konsequenzen sind ein Problem des MCU

Man hat Kingpin mit dem Insel-Abschied einfach aus dem Weg geräumt, weil es wohl ein paar Rechteprobleme gibt, die es erschweren, ihn im Kino zu adressieren. Doch weder die schwere Zeit, die New York unter seiner Schreckensherrschaft durchmachen musste, noch die Enttarnung des blinden Anwalts Matt Murdock als Daredevil spielen im Film irgendeine Rolle. Nur eine kurze Szene, die uns zeigt, dass Kingpins ehemalige Assistentin Sheila Rivera (Zabryna Guevara) jetzt wirklich die neue Bürgermeisterin ist, nimmt überhaupt Bezug auf die Serienereignisse.

Allgemein scheint man bei Marvel gerade ziemlich damit überfordert zu sein, wie man das zusammenhängende Universum darstellen soll. Mit „Thunderbolts*“, „Daredevil: Born Again“, „The Punisher: One Last Kill“ und „Spider-Man: Brand New Day“ hat man uns innerhalb kürzester Zeit jetzt vier sehr verschiedene Versionen von New York gezeigt, die hinten und vorne nicht zusammenpassen und sich auch nicht mit der Vielfalt der Metropole erklären lassen.

Damit hätte ich grundsätzlich nicht einmal ein Problem. Schert euch von mir aus einfach nicht um die anderen Projekte, aber dann zieht das auch in aller Konsequenz durch! Lasst eure Figuren am Ende einer Staffel nicht plötzlich überhastete Entscheidungen treffen, die narrativ nie angelegt wurden und nur dazu dienen, sie aus dem Weg zu räumen. Sonst kommen solche Katastrophen wie die achte Episode der zweiten Staffel von „Daredevil: Born Again“ dabei heraus.

Mehr zum besseren aktuellen Kinofilm „Spider-Man: Brand New Day“ gibt es im folgenden Artikel:

Gewusst? So alt ist Peter Parker in "Spider-Man: Brand New Day" wirklich – und so viele Jahre vergehen im Film

Björn Becher
Björn Becher
-Mitglied der Chefredaktion
Björn Becher hat zwar nicht so viele Comics wie Gwenpool gelesen, kennt aber trotzdem auch obskure Marvel-Figuren und sowieso alles aus dem MCU. Zudem ist er für das berühmteste Kevin-Feige-Meme verantwortlich.
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