In der Miniserie „Die Falle“ nach dem gleichnamigen Bestseller von Melanie Raabe, lockt die traumatisierte Autorin Lisa Konrad (Friederike Becht) den mutmaßlichen Mörder ihrer Schwester (Hans Löw) unter dem Vorwand eines exklusiven Interviews in ihre einsame Villa. Auf engstem Raum entspinnt sich schließlich ein perfides Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Grenzen zwischen zersplitterten Erinnerungen, Wahrheit und manipulativer Täuschung zunehmend verschwimmen.
Wir haben mit Serien-Schöpferin Isabel Kleefeld darüber gesprochen, wie man aus einem simplen Gespräch am Tisch ein fesselndes Psycho-Duell erschafft. Außerdem verrät die Regisseurin und Autorin im Interview, warum sie der Heldin aus der Buchvorlage einen neuen Namen gab, wieso ein berühmter Beatles-Song für die Serie ausgetauscht werden musste und warum man den gigantischen Erfolg ihrer gefeierten Vorgängerserie „Liebes Kind“ nicht nach Plan wiederholen kann.
Netflix
FILMSTARTS: Ich muss ja zugeben, dass es sich nach „Die Falle“ schon ein wenig seltsam anfühlt, sich in eine solche Interviewsituation zu begeben. Geht es dir da vielleicht ähnlich?
Isabel Kleefeld: Ja. Uns fehlt dafür jetzt allerdings der Tisch zwischen uns, die Gläser und die Getränke, der riesige Aschenbecher und das, was unterm Tisch klebt, um die Interviewsituation in der Serie zu reproduzieren.
FILMSTARTS: Man könnte die Versuchsanordnung in der Serie ja fast ein bisschen als Metakommentar lesen: der Journalist gegen den Künstler, ohnehin ja oft ein gewisses Spannungsfeld.
Isabel Kleefeld: Oh. Das wird mir jetzt erst richtig bewusst. Und nun werde ich heute den ganzen Tag mit Journalisten und Journalistinnen sprechen. Ich hoffe, dass sich da niemand ans Bein gepinkelt fühlt. Es sollte keine Kritik am Journalismus sein. Aber unser Hauptdarsteller ist nun mal auch Journalist, sehr strategisch, sehr klug und ein wenig manipulativ.
FILMSTARTS: Die Fachpresse musst du ja ohnehin nicht fürchten, spätestens seit dem Riesen-Erfolg von „Liebes Kind“. Wie hast du das damals eigentlich erlebt?
Der Weg von "Liebes Kind" zu "Die Falle"
Isabel Kleefeld: Es war eine totale Überraschung, weil man Erfolg in dieser Form nicht planen kann. Es gibt keine Strategie und es gibt auch kein Rezept dafür. Sowas ist einmalig und eine Zusammensetzung aus Glück, Timing, dem richtigen Stoff zur richtigen Zeit sowie Komponenten wie Marketing und natürlich auch einem tollen Cast und einem tollen Team. Es wäre jedenfalls total vermessen zu glauben: „Jetzt habe ich es raus.“ Es hat einfach mit so vielen Faktoren zu tun. Wir haben den Erfolg bestaunt und sind nach wie vor verblüfft und dankbar, was da passiert ist.
FILMSTARTS: Und wie knüpft man dann an so etwas an? Wie war der Weg von „Liebes Kind“ zu „Die Falle“?
Isabel Kleefeld: Der Vorteil war, dass wir uns zusammen mit Lisa Kreimeyer von Netflix entschlossen haben, „Die Falle“ zu machen, lange bevor „Liebes Kind“ rausgekommen ist. Es wurde also nicht gesagt „Wir haben jetzt ein Patentrezept und müssen dieses Rezept nachkochen“, sondern wir sind mit diesem besonderen Roman mit dieser spannenden Prämisse und einem Exposé auf Lisa zugegangen und haben sie gefragt, ob Netflix Interesse hätte, daraus eine Miniserie zu machen. Also wir haben uns wie beim ersten Mal mit einem Stoff beworben. Es hat dann über ein gutes Jahr gedauert, bis die Drehbücher in einem drehfertigen Zustand waren. Und dann haben wir losgelegt mit der direkten Vorbereitung.
FILMSTARTS: War es denn eine bewusste Entscheidung, dass du die kreative Leitung als Showrunnerin dabei diesmal allein übernimmst?
Isabel Kleefeld: Überhaupt nicht. Ich habe die Zusammenarbeit mit Julian Pörksen bei „Liebes Kind“ total geschätzt und ich finde es nach wie vor richtig und gut, einen Counterpart zu haben, jemanden, mit dem man sich ständig austauschen kann. Bei „Die Falle“ hat es mehr daran gelegen, dass diese sechs Episoden so linear um eine Figur herum und deren Innenleben aufgebaut sind und mehr als 80% in einem Motiv spielen, so dass es keine gute Möglichkeit gab, den Dreh in zwei Blöcke aufzuteilen. Auch im Schnitt war es so, dass sich Szenen doch noch mal von einer Episode in eine andere verschoben haben, da z. B. immer wieder neu überlegt wurde, wann wir welche Erinnerung preisgeben.
Netflix
FILMSTARTS: Wie baut man eine Geschichte denn eigentlich auf, die um so ein Mysterium herum gestrickt ist? Woher weiß man, was man wann preisgeben sollte? Sieht die Wand bei dir im Schreibzimmer auch so chaotisch aus wie bei deiner Hauptfigur Lisa?
Isabel Kleefeld: Also meine Wand ist übersäht von unterschiedlich farbigen Karteikarten und Post-Its. Wann man was preisgibt, entscheidet man wie gesagt häufig auch noch mal im Schnittprozess. Man macht einen Film oder eine Serie ja eigentlich viermal. Man schreibt, was dann bereits eine extrem hilfreiche Vorbereitung für die Regiearbeit ist. Man bereitet vor, wobei ganz viel Expertise von Kollegen und Kolleginnen miteinfließt. Dann der Dreh, bei dem ebenfalls verändert und angepasst wird. Und das vierte Mal mit den Editorinnen zusammen im Schneideraum, wo man quasi mit Hilfe der Montage weiter schreibt. Und am Ende haben wir dann eine Serie, an der viele gute, inspirierte Leute gearbeitet haben.
Was macht eigentlich eine Creative Producerin?
FILMSTARTS: Du bist ja jetzt auch nicht nur Autorin und Regisseurin, sondern auch wieder Creative Producerin. Was kann man sich unter dem Posten eigentlich genau vorstellen?
Isabel Kleefeld: Ja, das frage ich mich auch. (lacht) Als Creative Producerin bist du von vornherein bei allem involviert. Beim Casting, der Teamzusammensetzung, der Motivsuche, bei Budget-Entscheidungen, Änderungen des Drehbuchs, beim Drehplan und Umstellungen, bei der Kommunikation über Schnitt-Entscheidungen bis hin zur Herausbringung.
FILMSTARTS: Kommst du dann auch mal mit dir selbst in Konflikt? Also gibt es vielleicht Streitgespräche zwischen der Autorin, der Regisseurin und der Produzentin Isabel?
Isabel Kleefeld: Ja, die gibt es am Set, wenn ich zum Cast nur sagen kann: „Ich weiß auch nicht, was sich die Autorin dabei gedacht hat, wie das jetzt funktionieren soll.“ Es ist aber ein großer Vorteil, wenn man beim Schreiben schon Motivideen hat und das Ganze dann faktischer und visueller schreiben kann. Man passt natürlich bis zum Moment des Drehbeginns die Bücher immer wieder an auf das, was es an Optionen gibt und was sich aus den Proben ergeben hat, dadurch werden die Szenen, der Text konkreter.
Die Zusammenarbeit mit Netflix
FILMSTARTS: „Die Falle“ ist ja jetzt schon dein zweites Netflix-Projekt. Wie sieht die Zusammenarbeit mit dem Streamer da eigentlich generell aus? Gibt es da immer noch so eine Lust am Experimentieren und viele Freiheiten?
Isabel Kleefeld: Es gibt eine wirklich gute Begleitung und man ist in einem ständigen produktiven Austausch miteinander, egal in welcher Phase. Während der Drehbuchentwicklung, während der Vorbereitung, während des Drehs: In dem Moment, in dem Fragen auftauchen oder man ein Feedback haben möchte, ist das Netflix-Team immer ansprechbar.
FILMSTARTS: Ist das denn ein großer Unterschied zur Arbeit im klassischen Fernsehen oder auch im Kino?
Isabel Kleefeld: Ja, denn man fragt sich schon: Wie ist das zeitlich für die Kolleginnen bei Netflix eigentlich möglich?
FILMSTARTS: Christian Alvart hat mir im Interview damals zu „Dogs Of Berlin“ auch verraten, dass es natürlich Feedback und Input gibt, aber auch die Grundeinstellung: „Wir wollen deine Show machen und nicht unsere.“ Klingt so, als könntest du das unterschreiben...
Isabel Kleefeld: Ja, ein großer Vorteil in der Kommunikation ist, dass vieles in Form von Fragen und Hinweisen und nicht über Ansagen läuft. Dadurch geht man nicht in eine Abwehr, sondern kann noch mal über Dinge nachdenken und überprüfen, ob alles wirklich Sinn ergibt.
Martin Valentin Menke / Netflix
FILMSTARTS: Deutsche Netflix-Serien sind ja inzwischen längst keine Seltenheit mehr wie vor ein paar Jahren. Hat es aber trotzdem Einfluss auf deine Arbeit, wenn du im Hinterkopf hast, dass das dann Millionen Menschen auf der ganzen Welt schauen können und womöglich auch werden, wie ja „Liebes Kind“ demonstriert hat?
Isabel Kleefeld: Das ist der Unterschied zwischen „Liebes Kind“ und „Die Falle“. Bei „Liebes Kind“ war mir das überhaupt nicht klar, es war zu abstrakt. Damals waren wir eine Woche nach Start in Deutschland auf Platz 2. Und das war's dann für mich: Das war super, mein Ziel war erreicht. Nach und nach wurde mir dann bei den Feedback-Calls mit Netflix klar, wo das überall tatsächlich gesehen wird. Dann habe ich angefangen, auf meinem Netflix-Account die unterschiedlichen Sprachen der jeweiligen Synchronfassung durchzugehen. Das macht total Spaß, sich anzuhören, was unterschiedliche Stimmen mit den Szenen und Situationen machen.
Jetzt bei „Die Falle“ weiß ich natürlich, dass es die Chance gibt, dass das theoretisch weit über Deutschland hinaus gesehen werden kann. Aber das hat nichts daran verändert, wie wir es gemacht haben. Das hatten wir während der Arbeit überhaupt nicht im Fokus. Ich bin auch viel zu sehr mit Deutschland und der deutschen Film- und Fernsehszene verwoben, als dass ich sagen könnte, ich mache das jetzt mal so international. Vielleicht ist es sogar das Geheimnis: dass man gerade von sich, aus seiner Welt, aus seinem Land erzählt. Man weiß, wovon man erzählt. German Angst.
Anderer Song, andere Namen: Die Unterschiede zum Roman
FILMSTARTS: Wie schon „Liebes Kind“ basiert jetzt auch „Die Falle“ auf einem Roman. Ist es eher eine Erleichterung, wenn man Material hat, auf das man zurückfallen kann, oder eher gerade eine Bürde, wenn man versucht, der Vorlage so gerecht wie möglich zu werden?
Isabel Kleefeld: Für mich ist es ein großes Geschenk, dass es schon eine besondere Vorlage gibt, die so eine außergewöhnliche Prämisse hat. Aber es kommt darauf an, was für Freiheiten du dann bei der Adaption hast. Ich hatte sowohl bei „Liebes Kind“ als auch bei „Die Falle“ großzügigerweise viel Freiheit in der Adaption. Bei „Die Falle“ habe ich mit der Autorin Melanie Raabe vorher gesprochen und ihr die Ideen vorgestellt, die ich für die Adaption hatte. Auch um abzuklopfen, ob ich etwas im Roman eventuell nicht durchdrungen habe.
FILMSTARTS: Und es gibt ja durchaus ein paar Abweichungen. Das fängt bereits bei den Namen der Hauptfiguren an, die für die Serie geändert wurden. Was steckt da dahinter?
Isabel Kleefeld: Also bei den Namen ist es ganz profan. Im Roman heißt die Hauptfigur in ihrem Pseudonym Linda Conrads. Linda kann ausgesprochen sehr schnell vernuschelt werden. Lisa ist wesentlich prononcierter in der Aussprache. Und im Roman wird Conrads mit C und hinten mit S geschrieben. Das riecht ein bisschen nach Künstlername, nach Pseudonym. Genau darauf will die Hauptfigur aber in keinster Weise aufmerksam machen. Sie will dahinter verschwinden und nicht, dass sich Leute auf die Suche machen, wer hinter dem Namen steckt. Deshalb heißt sie in der Serie Lisa Konrad mit K, als sei das ein ganz normaler, echter Name.
FILMSTARTS: Und dann wäre natürlich noch der Song von Gotye: „Somebody That I Used To Know“. Wie ist die Wahl auf dieses Lied gefallen?
Isabel Kleefeld: Im Roman ist es ein Beatles-Song. Rechte für Beatles-Songs... schwierig. Unser Song handelt von einer Trennung, die nicht gut gelaufen ist. Ob das jetzt zwischen einem Paar ist, zwischen Geschwistern, zwischen Freunden, wir fanden den Song sehr entsprechend. Auch weil wir einen Song suchten, der vor zehn, zwölf Jahren in der Rotation war, den wir alle kennen. Und zum Glück haben wir ihn auch bekommen. Es ist ein Song, der so eingängig ist, den man sofort wiedererkennt, selbst wenn man nur ein paar Takte hört. Deshalb kann Lisa Konrad so schnell getriggert sein, wenn sie ihn hört.
Traumabewältigung und große Schauspielmomente
FILMSTARTS: Nach „Liebes Kind“ geht es auch in „Die Falle“ wieder um Traumata, Isolation und die Wiederfindung von Wahrheit und Erinnerung. Was reizt dich an diesen schweren Themen?
Isabel Kleefeld: Ich empfinde das gar nicht als schwere Themen, ich habe einfach großes Interesse daran, in den Kopf von anderen zu kriechen. Ich glaube, dass wir eigentlich alle gerne ab und zu im Gehirn von anderen Mäuschen spielen würden. Genau diesen Angang finde ich bei psychologischen Thrillern so spannend. Bei „Die Falle“ mochte ich besonders diese Reise in Lisas Denken und zusammen mit ihr nach und nach die zerstückelten Erinnerungen zusammenzusetzen. Dabei sind wir mit wenigen Ausnahmen die ganze Zeit auf ihrem Wissensstand. Es ist generell ganz gesund, Dinge mal aus der Perspektive von anderen Menschen zu sehen und für einen Moment darüber nachzudenken, wie sich der andere Mensch dabei fühlen oder was er denken könnte.
FILMSTARTS: Das Interview zwischen den beiden Hauptfiguren ist in „Die Falle“ ein ganz zentraler Moment. Wie geht man es inszenatorisch an, aus einer simplen Situation wie einem Gespräch solch ein spannendes Psychoduell zu machen?
Isabel Kleefeld: Das ist nur in Teilen eine inszenatorische Leistung, das ist vor allem eine Schauspiel-Leistung. Es ist die Leistung von Frieda Becht und Hans Löw. Wir haben in Episode 4, die mehr oder weniger in Echtzeit die Begegnung der beiden bis zu einem bestimmten Moment erzählt, etwas mehr als eine Woche gebraucht, um das eigentliche Interview zu drehen. Wir haben vorher allerdings vieles bereits in den Proben und in unseren regelmäßigen Wochenendgesprächen verabreden können. Beim Drehen selbst war für beide dann die spielerische Herausforderung: Was zeigen sie auf der Oberfläche? Also was geben sie einander preis? Was wollen sie verbergen? Und was wollen sie unter der Oberfläche in welchem Moment? Wohin wollen sie den anderen bringen? Ich hoffe sehr, dass das Publikum daran genauso viel Spaß hat wie ich.
Alle sechs Folgen von „Die Falle“ können jetzt bei Netflix abgerufen werden. Ob sich das Streamen lohnt, verraten wir im folgenden Artikel:
3 Jahre nach dem größten deutschen Netflix-Serien-Hit gibt es jetzt Nachschub: Ist "Die Falle" genauso gut wie "Liebes Kind"?*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.