Reaktanz beschreibt in der Psychologie den inneren Widerstand, der entsteht, wenn man sich in seiner Freiheit eingeschränkt fühlt. Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass Verbote und Restriktionen bei Kindern oftmals das Gegenteil des eigentlich erwünschten Effekts bewirken. Meine Mutter beispielsweise hat äußerst streng vorselektiert, welche Filme ich sehen durfte und welche nicht – das Ergebnis waren Kisten voller „verbotener“ Videos unterm Bett und eine Stelle in der FILMSTARTS-Redaktion.
Glenn Close hatte es noch viel schwerer: Sie war etwa sieben Jahre alt, als ihre Eltern beschlossen, sich der in den 1930ern von dem amerikanischen Prediger Frank Buchman gegründeten Bewegung Moral Re-Armament (zu Deutsch etwa: moralische Aufrüstung) anzuschließen.
Wie der Name bereits sagt, mussten sich die Mitglieder des Kults, der 2001 in „Initiatives Of Change“ umbenannt wurde, einem strikten Moralkodex unterwerfen, der Reinheit, Gehorsam und Anpassung in nahezu allen Lebensbereichen verlangte. Dazu gehörte auch, Abstand von der Verführungskraft des Kinos zu nehmen.
Glenn Close schaute heimlich eine Handvoll Filme – und wurde Schauspielerin
„Ich habe nicht viele Filme gesehen“, gestand Close, als sie für die Webvideo-Serie „Criterion Closet Picks“ im legendären DVD- und Blu-ray-Archiv der Criterion Collection stöberte. „Es gab einen großen Abschnitt in meinem Leben, in dem ich praktisch in einer Sekte lebte. Das war nicht meine Entscheidung. Deshalb bin ich nicht oft ins Kino gegangen.“
Die MRA verlangte von ihren Anhänger*innen, sämtliche persönlichen Bedürfnisse und Wünsche zu unterdrücken, sofern sie nicht dem Wohl der Gemeinschaft dienten. Somit lernte Close erst spät, eigene Bedürfnisse und Instinkte zu entwickeln. Im Alter von 22 Jahren kehrte sie der Sekte schließlich den Rücken – und vertiefte ein Interesse, dem sie zuvor nur heimlich nachgehen konnte: In der örtlichen Bibliothek hatte sie die Möglichkeit, wenigstens eine Handvoll Filme zu sehen, darunter das Pferde-Abenteuer „Der weiße Hengst“ (1953).
Die bewegten Bilder beeindruckten sie so nachhaltig, dass sie den Entschluss fasste, ihr Leben der Kunst zu widmen. In den 1970er-Jahren machte sie ihre ersten schauspielerischen Gehversuche auf der Theaterbühne – und 1982 übernahm sie an der Seite von Robin Williams ihre erste Filmrolle in „Garp und wie er die Welt sah“!
Wie außergewöhnlich talentiert die heute 79-Jährige war, zeigt sich darin, dass sie bereits für ihr Leinwand-Debüt eine Oscar-Nominierung als Beste Nebendarstellerin erhielt – und in den beiden darauffolgenden Jahren noch zwei weitere hinzu kamen, für ihre Rollen in der Tragikomödie „Der große Frust“ sowie dem Sportfilm „Der Unbeugsame“.
1988 kam sie dank des Erotik-Thrillers „Eine verhängnisvolle Affäre“ erstmals als Beste Hauptdarstellerin in Frage, musste sich aber Cher („Mondsüchtig“) geschlagen geben. Nur ein Jahr später winkte für ihre Hauptrolle im Kostüm-Drama „Gefährliche Liebschaften“ die nächste Chance auf den begehrten Goldjungen, doch diesmal kam ihr Jodie Foster („Angeklagt“) zuvor.
Dieses Spiel sollte sich 2012 (nominiert für „Albert Nobbs“), 2019 („Die Frau des Nobelpreisträgers“) und 2021 („Hillbilly-Elegie“) wiederholen – damit hält Close den unrühmlichen Rekord als Schauspielerin mit den meisten Oscar-Nominierungen ohne einen einzigen Gewinn. Im kommenden Jahr wird sie immerhin mit einem Ehren-Oscar für ihr Lebenswerk vertröstet!
Aber mit oder ohne Academy Award: Glenn Close zählt heute zweifellos zu den ganz großen lebenden Hollywood-Legenden – und die Wahrscheinlichkeit ist durchaus hoch, dass die Entbehrungen in ihrer Kindheit ihrer Karriere rückblickend eher auf die Sprünge geholfen haben. Das nächste Mal ist die Mimin übrigens ab dem 19. November 2026 auf der großen Leinwand zu sehen, im Blockbuster „Die Tribute von Panem - Sunrise On The Reaping“.
In Sachen „verpasste Oscar-Chancen“ hatte Close übrigens einen Leidensgenossen – um wen es sich handelt, könnt ihr im folgenden Artikel nachlesen:
6 Nominierungen, aber kein einziger Sieg: Dieser Regisseur hält einen traurigen Oscar-Rekord!