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    "Dark": Unser Eindruck zur ersten deutschen Netflix-Serie
    Von Markus Trutt — 24.11.2017 um 18:15

    Am 1. Dezember 2017 startet mit „Dark“ die erste Netflix-Serie aus Deutschland. Wir haben bereits die ersten drei Episoden der düsteren Mystery-Geschichte gesehen und verraten euch, ob der Vorab-Hype gerechtfertigt ist.

    Julia Terjung / Netflix

    Streaming-Dienste erobern auch den deutschen Markt. Und das nicht mehr nur durch ihre bloße Verfügbarkeit, sondern allmählich auch mit Eigenproduktionen aus Deutschland, die – ebenso wie die anderen Formate der Anbieter auch – gleichzeitig in bis zu 200 Ländern ihre Premiere feiern. Amazon hatte mit Matthias Schweighöfers „You Are Wanted“ das Rennen um die erste deutsche Serie eines großen internationalen Streaming-Anbieters zwar gewonnen, doch mit seiner ersten hiesigen Produktion „Dark“ liefert Konkurrent Netflix nun das wesentlich außergewöhnlichere Produkt. Die Mystery-Serie bietet stimmungsvolle Genre-Unterhaltung, wie es sie hierzulande bislang noch nicht (oder nur äußerst selten) gegeben hat, und kann es dabei vor allem visuell spielend mit den US-Vorbildern aufnehmen.

    Darum geht es in "Dark"

    Schauplatz von „Dark“ ist die Kleinstadt Winden irgendwo in Deutschland. Hier wird seit zwei Wochen der Schüler Erik Obendorf (Paul Radom) vermisst. Während die Polizei um die beiden Ermittler Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) und Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) noch immer im Dunkeln tappt, verschwindet eines Tages auch noch der elfjährige Mikkel (Daan Lennard Liebrenz), Sohn von Ulrich und der örtlichen Schuldirektorin Katharina (Jördis Triebel), plötzlich spurlos.

    Genau wie die Polizisten versuchen auch Mikkels Geschwister Martha (Lisa Vicari) und Magnus (Moritz Jahn) sowie deren Freunde Jonas (Louis Hofmann) und Bartosz (Paul Lux) der Sache auf den Grund zu gehen, schließlich waren sie nur Momente vor Mikkels Verschwinden noch mit ihm bei den Windener Höhlen unterwegs. Dabei führt die Spur schließlich bis in die Jahre 1953 und 1986, deutet doch bald alles darauf hin, dass etwas mit dem Raum-Zeit-Gefüge in Winden so gar nicht stimmt.

    Hollywood als Vorbild

    Mit Baran bo Odar hat sich Netflix wohl genau den richtigen Filmemacher für ein weltweit konkurrenzfähiges deutsches Format ausgeguckt. Der in der Schweiz geborene, aber in Deutschland aufgewachsene Regisseur ist großer Fan des US-Spannungskinos. Das machte er bereits 2014 mit seinem stylischen Hacker-Thriller „Who Am I - Kein System ist sicher“ deutlich, bei dem er sich sowohl visuell als auch inhaltlich bei Kollegen wie David Fincher bediente. Nachdem Odar mit „Sleepless - Eine tödliche Nacht“ selbst einen Abstecher nach Hollywood machen durfte, kehrt er mit „Dark“ nun nach Deutschland zurück – und bleibt weiter den Einflüssen aus Übersee treu.

    „Dark“, das er zusammen mit seiner Frau Jantje Friese kreiert hat, bewegt sich inszenatorisch auf hohem internationalen Niveau. Egal, ob bei Kameraarbeit, Beleuchtung oder Schnitt, die Präsentation der Serie sucht hierzulande ihresgleichen. Baran bo Odar fügt das Ganze zu atmosphärischen Bildkompositionen zusammen, in denen Symmetrie häufig großgeschrieben wird – ein Konzept, das sich (auch innerhalb der Handlung) durch die gesamte Serie zieht und sich etwa auch auf den fantastischen Gänsehaut-Vorspann erstreckt. Das Intro ist zudem bereits ein Beispiel für die tolle musikalische Untermalung von „Dark“.

    Die Abgründe einer Kleinstadt

    Die audiovisuelle Gestaltung und das sich langsam entfaltende Mysterium um die verschwundenen Kinder machen es auf jeden Fall leicht, in die abgründige Kleinstadt-Welt von „Dark“ abzutauchen, in der auf den ersten Blick alles normal zu sein scheint, bei der aber die ganze Zeit auch die bedrückende Ahnung mitschwingt, dass irgendetwas nicht stimmt. Dabei werden die Schicksale der verschiedenen Familien über mehrere Zeiten geschickt miteinander verwoben. Hat man sich erst einmal in die weit verzweigte und im ersten Moment vielleicht noch etwas unübersichtliche Figurenkonstellation hineingefunden, entsteht schon in den ersten drei Folgen nach und nach ein immer komplexeres und damit zunehmend fesselndes Bild der Windener Gemeinschaft und ihrer Geheimnisse. Von Episode zu Episode steigert sich das Verlangen nach dem nächsten Puzzlestück, was hoffentlich auch im weiteren Verlauf der insgesamt zehnteiligen ersten Staffel beibehalten werden kann.

    Winden ist dabei eine recht typische Kleinstadt aus dem Mystery-Einmaleins, die abgesehen von der Sprache und kleineren nationalen Eigenheiten ganz ähnlich auch aus einer US-Serie stammen könnte (und damit auch international Anklang finden dürfte) – von den heimlichen Affären zwischen den Bewohnern, von denen jeder jeden kennt, über alte Schienen und Höhlen im unheimlichen Wald bis hin zur ominösen Einrichtung am Stadtrand (hier ein Atomkraftwerk). Nicht umsonst nennt Baran bo Odar „Twin Peaks“ als eine wesentliche Inspirationsquelle. Anders als David Lynch in seinem TV-Meilenstein kommt „Dark“ allerdings (weitestgehend) ohne Humor und die Soap-Elemente aus. Der Titel ist hier definitiv Programm.

    Abzüge in der B-Note

    Gerade weil „Dark“ in vielen Punkten so sehr US- (und teilweise auch skandinavischen) Vorbildern nacheifert, hat es die Serie zumindest anfangs etwas schwer, auf eigenen Beinen zu stehen und zu einer eigenen Identität zu finden. Das bessert sich jedoch im weiteren Verlauf, wenn der individuelle Dreh der Handlung weiter in den Vordergrund rückt. Etwas erschwert wird der Einstieg aber auch dadurch, dass die Dynamik zwischen den Figuren nicht in jedem Fall auf Anhieb zündet. Besonders das Miteinander zwischen den jüngeren Darstellern hat man zuletzt etwa wesentlich einnehmender in „Stranger Things“ oder „Es“ gesehen. Dazu trägt auch bei, dass den (ansonsten toll besetzten) Darstellern so manche Dialogzeile nicht ganz so locker von den Lippen geht wie ihren US-Kollegen aus den beiden genannten 80er-Jahre-Hommagen.

    Stichwort Dialoge: Hier machen sich generell mitunter einige Schwachstellen bemerkbar. Hin und wieder behelfen sich Chefautorin Jantje Friese und ihre Schreibpartner mit etwas überstrapazierten Versatzstücken und bedeutungsschwangeren Floskeln der Marke „Vielleicht wissen wir nie, wer jemand wirklich ist“, um ihre Gespräche voranzutreiben. Unterm Strich fällt dies aber glücklicherweise nicht allzu schwer ins Gewicht.

    Fazit

    „Dark“ ist in Sachen Inszenierung ganz großes Kino. Noch nie hat eine Serie aus Deutschland besser ausgesehen. Abseits der filmischen Gestaltung ist aber auch die Mystery-Geschichte ein erfrischendes Novum in der Genre-Stoffen selten aufgeschlossenen deutschen Serien- und Filmlandschaft. Der Mix aus Familien- und Zeitreise-Drama entwickelt nach kleinen Startschwierigkeiten eine faszinierende Sogwirkung. Am Ende steht und fällt „Dark“ allerdings mit dem Gesamtbild, das sich nach der ersten Staffel ergeben wird. Gerade im Aufbau großer Mysterien läuft die Auflösung des rätselhaften Plots häufig Gefahr, nicht zufriedenstellend auszufallen und viel des zuvor Aufgebauten wieder einzureißen. Doch die vielversprechenden ersten drei „Dark“-Folgen lassen uns voller Hoffnung den restlichen sieben entgegenblicken...

     

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