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Rango
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Rango
Von Christoph Petersen
Offenbar hatte Gore Verbinski keinen Bock mehr auf Piraten. Deshalb gab er die Regie von „Pirates of the Caribbean: Fremde Gezeiten" an Rob Marshall („Nine") ab, schnappte sich seinen Superstar Johnny Depp und inszenierte stattdessen einen Animations-Western um ein Cowboy-Chamäleon. Mit „Rango" ist dabei eine Komödie voll trockenem Humor, subtiler Anspielungen und rauer Umgangsformen herausgekommen, die so anders ist als das übliche Animations-Einerlei, dass ein Regisseur ohne den finanziellen Erfolg von drei „Fluch der Karibik"-Blockbustern im Rücken wohl kaum Grünes Licht für das Projekt erhalten hätte. Gore Verbinski reizt seine Freiheiten bis zum Äußersten aus (im Interview erhielten wir von ihm immer wieder die Antwort: „Wir haben einfach niemanden um Erlaubnis gefragt.") und schafft so einen Film von Kinofans für Kinofans, der vor Zitaten nur so strotzt und von einem typischen – sprich: in jeglicher Hinsicht harmlosen – Animations-Spaß zum Glück doch einiges entfernt ist.

In seinem kleinen Terrarium mit einem orangenen Plastikfisch als einzigem Freund träumt Rango (Stimme: Johnny Depp) davon, einmal ein echter Held zu sein, der aufregende Abenteuer erlebt und dem die Frauen zu Füßen liegen. Als das Chamäleon bei einem Familienausflug in der Wüste strandet und dort mehr ausversehen als beabsichtigt einem angriffslustigen Raubvogel das Lebenslicht auspustet, ernennen ihn die tierischen Bewohner eines kleinen Westernkaffs kurzerhand zu ihrem neuen Sheriff. Aber das Leben als Held ist bedeutend härter, als Rango sich das vorgestellt hat. Er muss sich nämlich nicht nur mit dem finsteren Bösewicht Klapperschlange Jake (Bill Nighy) herumschlagen, sondern auch herausfinden, warum die Wasserreserven des Städtchens plötzlich versiegen. Unterstützung erhält er dabei von der resoluten Eidechsen-Dame Beans (Isla Fisher), die allerdings mit dem Handicap zu kämpfen hat, dass sie immer mal wieder plötzlich zur Salzsäule erstarrt, wenn ihrem Körper die Energie ausgeht...

Das „Andersartige" von „Rango" fängt schon beim Animationsverfahren an. Genau wie Gore Verbinski hatte auch George Lucas‘ Effekt-Schmiede Industrial Light & Magic zuvor noch keinen abendfüllenden Animationsfilm produziert. Statt die Sprecher nun wie üblich einfach ihre Zeilen im Tonstudio in ein Mikrofon palavern zu lassen, hat der Regisseur die Schauspieler den kompletten Plot mitsamt den passenden Requisiten auf einer Bühne durchspielen lassen (angelehnt an das herkömmliche Motion-Capture-Verfahren nennen die Macher dieses System „Emotion Capturing"). Das hat nicht nur den Stars dabei geholfen, sich noch mehr auf ihre Rollen einzulassen und besser aufeinander zu reagieren, auch für die Animatoren hat dieses Vorgehen im Ergebnis sichtbare Vorteile. Sie können sich so nämlich nicht nur an der Stimme, sondern auch an der Mimik und den Bewegungen der Schauspieler orientieren, weshalb man selbst in der deutschen Fassung sofort erkennt, dass Johnny Depp („Alice im Wunderland") für Rango Pate gestanden hat. Auch an den extrem detailreichen und fast schon realistisch anmutenden Hintergründen, mit denen sich die Macher vor Italo-Klassikern wie „Für eine Handvoll Dollar" oder „Django" verbeugen, ist leicht zu erkennen, dass Industrial Light & Magic ansonsten für die CGI-Effekte von Live-Action-Blockbustern wie eben „Fluch der Karibik" oder „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" verantwortlich zeichnet.

In den USA hat die Anti-Raucher-Organisation Smoke Free Movies ganzseitige Anzeigen in Branchenblättern wie dem Hollywood Reporter geschaltet, um dagegen zu demonstrieren, dass einige der Nebenfiguren in „Rango" genüsslich ihre Glimmstängel wegqualmen. Sicherlich steht ein solcher Aufstand stellvertretend für die übertriebene Political Correctness der Amerikaner, trotzdem zeigt er, dass „Rango" eben keine süßliche Sprechende-Tiere-Komödie ist, wie man sie sonst jedes Jahr x-Mal vorgesetzt bekommt. Dass einige der Charaktere im Film tatsächlich umkommen, ist ein weiteres Beispiel dafür. Der Humor ist mitunter so überhöht, dass man sich unweigerlich an die Traumsequenz aus „Pirates Of The Caribbean - Am Ende der Welt" erinnert fühlt, in der Johnny Depp plötzlich in einem weißen Nichts herumturnt. Auch in „Rango" gibt es solche absurden philosophischen Anflüge, etwa wenn ein Gürteltier über den Sinn des Seins referiert, bevor es sich seiner Lebensaufgabe entsprechend von einem herannahenden Auto zu Roadkill verarbeiten lässt.

Der auf das Publikum einprasselnde Zitate-Regen beginnt gleich zu Beginn mit einem kurz vorbeirasenden roten Cabrio, dessen Besatzung wohl kaum zufällig an das zugedröhnte Duo Johnny Depp und Benicio Del Toro aus Terry Gilliams abgehobener Drogenphantasie „Fear and Loathing in Las Vegas" erinnert. Später halluziniert Rango von einem golfwagenfahrendem Clint Eastwood (Rollenname: „Spirit of the West"), der dem zum Gesetzeshüter befördertem Chamäleon einige Ratschläge in Sachen Heldendasein erteilt. Sicherlich gibt es mehr als genug amüsante Szenen für junge Zuschauer, aber zugleich richten sich so viele Anspielungen und Details direkt an ein kinoerfahreneres Publikum, dass Erwachsene sich nicht nur widerwillig von ihrem Nachwuchs mitschleifen lassen, sondern auch ohne kindlichen Anhang unbedingt einen Blick riskieren sollten.

Fazit: Gore Verbinski hat seine Stellung als Blockbuster-Garant genutzt, um mit „Rango" einen Animationsfilm zu inszenieren, wie es ihn bisher noch nicht gegeben hat. Das Ergebnis ist deshalb mehr auch spannendes Kinoexperiment als herkömmliche Familienunterhaltung, weshalb nur zu hoffen bleibt, dass das Publikum diesen mutigen Ansatz auch zu schätzen weiß.
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