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The Divide
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
The Divide
Von Stefan Geisler
In Zeiten des Kalten Krieges ging in den USA die Angst vor einem alles vernichtenden Atomschlag um. Nicht wenige Hausbesitzer ließen sich deshalb unter ihrem Domizil einen privaten Schutzraum einrichten – ein Phänomen, das beispielsweise in „Eve und der letzte Gentleman" auf skurrile Weise aufgegriffen wurde. Vergessen ist diese Furcht vor dem unsichtbaren Feind bis heute nicht. Waren viele Schutzräume zwischenzeitlich zur Abstellkammer umfunktioniert worden, wurden sie nach den Ereignissen von 9/11 kurzerhand wieder reaktiviert. In „The Divide" beschäftigt sich nun Xavier Gens („Frontier(s)") mit der latenten Furcht eines ganzen Volkes. Das Format des Horrorfilms bietet sich dafür geradezu an und so kehrt der Franzose nach einem eher unspektakulären Ausflug ins Action-Genre („Hitman") wieder zu seinen Wurzeln zurück. Sein Beitrag zum Fantasy Filmfest 2011 ist dann auch eine echte Genreperle geworden: atmosphärisch dicht und mit famoser Darstellerriege – selten wurde die Terrorangst so beklemmend aufgearbeitet.

Starr vor Schreck muss Eva (Lauren German) den Untergang New Yorks miterleben, als eine gewaltige Explosion die Stadt in ihren Grundfesten erschüttert. In Sekundenbruchteilen beginnt auch schon die tödliche Hatz um einen der sicheren Plätze in den wenigen Schutzbunkern. Eva und ihrem Ehemann Sam (Ivan Gonzâlez) gelingt es schließlich, sich in letzter Sekunde in den Schutzraum zu retten. In Sicherheit sind die beiden aber deshalb noch lange nicht. Nach kurzer Zeit flammen die ersten Konflikte unter den Überlebenden auf, die Situation droht zu eskalieren. Als eine Gruppe von Soldaten den Bunker stürmt, scheint die Rettung nahe. Doch die Männer im Schutzanzug denken gar nicht daran, der kleinen Gruppe zu helfen...

„The Divide" beginnt mit einem nuklearen Paukenschlag, der eine ganze Stadt dem Erdboden gleich macht – einen effektvolleren Einstieg hätte Gens nicht wählen können. Zeit für Erklärungen nimmt sich sein Film nicht. Wer zeigt sich für den Anschlag verantwortlich? Welche Motive stecken dahinter? Für die panikenden Massen ist das vollkommen unerheblich, zu unvermittelt bricht die Katastrophe über die New Yorker Bevölkerung herein. Ähnlich schonungslos hat zuletzt Matt Reeves in „Cloverfield" den Ausnahmezustand bebildert. Doch auch die Ruhe nach dem Sturm gönnt der Regisseur Protagonisten und Publikum nicht. Einmal im Bunker eingepfercht, erreichen die Rivalitäten eine neue, psychologischere Dimension: Nagende Ungewissheit, intensives Machtgeplänkel, Nahrungsmittelknappheit, Finsternis und Schlafentzug setzen der Gruppe immer stärker zu. Diese kammerspielartige Intensität fordert natürlich auch von den Darstellern ihren Tribut.

Aber auch hier beweist der Filmemacher ein gutes Händchen. Lauren German („Hostel 2") empfiehlt sich als die letzte Bastion der Normalität, während der Mikrokosmos um sie herum immer weiter in den Wahnsinn gleitet. Damit fällt ihr die Rolle einer wichtigen Identifikationsfigur zu. Michael Biehn hingegen („Abyss") verkörpert mit Ex-Feuerwehrmann Mickey einen eher autoritären Charakter, was ihm ausgesprochen gut gelingt. Die Machtdynamik im Bunker ist zu jeder Zeit greifbar. Darüber hinaus stechen Seriensternchen Milo Ventimiglia („Heroes") und Michael Eklund („Born to kill") auf der Darstellerriege heraus. Die von ihnen verkörperten Rebellen Josh (Ventimiglia) und Bobby (Eklund) vollziehen eine Wandlung von egoistischen Dampfplauderern hin zu autoritären Figuren, die immer mehr Lust an der Unterdrückung ihrer Mitgefangenen zeigen. Zusehens verlieren die beiden auch noch den letzten Rest an Rationalität, bis sie schließlich nur noch grotesken Zerrbildern gleichen.

Um die Darsteller in die richtige Stimmung zu versetzen, forderte Gens von ihnen ein Method Acting geradezu ein: Keiner der Beteiligten durfte sich waschen und musste bisweilen sogar auf jegliches Essen verzichten. Das Resultat dieser Tortur spricht für sich. Im finalen Akt wirkt die Truppe tatsächlich so, als könne sie sich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten. Eine besonders niederschmetternde Szene gelingt dem Regisseur, als die einst so stolze Familienmutter Marilyn (Rosanna Arquette) nach dem Verlust ihres Kindes immer stärker unter Machteinfluss der beiden Unterdrücker gerät und zu deren unfreiwilliger Sex-Gespielin degradiert wird. Mit allerletzter Kraft wagt die verzweifelte Frau einen Fluchtversuch – doch Gens verstörende Bilder lassen keine Hoffnung zu. Die Bedrohung von außen spielt dann auch bis zuletzt nur begrenzt eine Rolle, die größte Gefahr droht den Überlebenden aus ihrem animalischen Innern – homo homini lupus. Menschliche Werte erliegen bald einer erdrückenden Machtdynamik und Ordnung generiert sich lediglich noch aus der Unterteilung in Herrscher und Beherrschte. „The Divide" kennt keine Absolution: Wer nicht in der atomaren Explosion verdampft, geht durch die Hölle auf Erden.
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